Theater, das begeistert

Im Zentrum des großen Festes stehen Buhlschaft (Katharina Liebel) und Jedermann (Peter Sedlacek).
 
Gott (Walter Sitz) und Tod (Jürgen Reichardt).

In der voll besetzten Singoldhalle brachte die „Theater-Schmiede Bobingen“ den „Jedermann“, ihren Freilicht-Erfolg des Sommers, noch einmal auf die Bühne.

„Dieses Spiel ist das Spiel vom Tod“ verkündete Ingrid Schmid in der Rolle der Erzählerin zu Beginn des Schauspiels „Jedermann – Das Spiel vom Sterben des reichen Mannes“ von Hugo von Hofmannsthal. Dem Tod und Gott gehörte die erste Szene. Ihre Auftritte wurden angemessen musikalisch untermalt von dramatischen Klängen aus „Also sprach Zarathustra“ von Richard Strauss. Gott zu spielen ist keine einfache Aufgabe, doch Walter Sitz meisterte sie würdevoll. Er schickt den Tod zu „Jedermann“ und gibt ihm mit: „Du wirst ihn an seiner Hoffahrt erkennen.“ Jürgen Reichardt spielte den Tod, beeindruckend respekteinflößend. Er bringt dem Jedermann, dargestellt von Peter Sedlacek, die Nachricht von seinem baldigen Tod. Doch Jedermann ist kerngesund und lebensfroh und glaubt erst einmal kein Wort. Er schickt seine Ehefrau zum Einkaufen, feiert ein großes Fest und vergnügt sich mit seiner Geliebten, der „Buhlschaft“. Katharina Liebel war eine umwerfende Buhlschaft, der es spielend gelingt, mit Gesang und Tanz, Charme und Schönheit Glanz in jedes Fest zu bringen. Eine Tour de Force für jeden Schauspieler ist die Rolle des Jedermann, denn er steht in jeder Szene auf der Bühne, Hofmannsthal gönnt ihm keine Verschnaufpause. Peter Sedlacek meisterte die Herausforderung bravourös. Die Überheblichkeit und Ausgelassenheit des Jedermann in den ersten Szenen spielte er ebenso mitreißend wie die Angst und Verzweiflung im späteren Verlauf des Stücks. Im ersten Teil ist Jedermann stolz darauf, dass er sich „Weib“, Häuser, Ärzte, Advokaten, Vieh, Felder und sogar Landschlösser kaufen kann. Nach einer Achterbahn der Gefühle und Gedanken, ausgelöst durch die Begegnung mit Gevatter Tod, wird ihm klar, dass auch, was er für Liebe und Freundschaft hielt, nur gekauft war.
In der Pause hörte man vom Publikum nichts als Begeisterung. Daneben entspann sich auch manches ernste Gespräch: „Ist Reichtum an sich schon schlecht? Nein, wichtig ist, wofür man Reichtum nutzt! Reichtum ist doch relativ. Sind wir reich, wenn wir weniger haben als unser Nachbar, aber mehr als viele andere in Deutschland? Ist nicht Deutschland insgesamt ein „Jedermann“, weil das Land insgesamt vergleichsweise reich ist? Sind Strafen für säumige Schuldner nicht rechtens? Der arme Schuldner im Stück akzeptiert das System ja selbst! Ist Reichtum zwangsläufig korrumpierend?“ Die letzte Frage wurde nach der Pause von Martina Lange als „Jedermanns Weib“ mit „Ja“ beantwortet. Die vor der Pause fromme, sorgenvolle Frau erschien dank eines großen Geldgeschenks ihres Mannes völlig verwandelt, schwelgend in Schmuck und schönen Kleidern.

Wer ist Herr, wer ist Knecht?

Jedermann glaubte stets, das Geld sei ihm zu Diensten. Doch am Ende springt das personifizierte Geld, der „Mammon“, aus der Truhe und höhnt: „Ich bin der Herr und du mein Knecht!“ Dominik Reusch als Mammon goss Hohn und Spott in Fülle über den in diesem Moment recht bedauernswert erscheinenden Jedermann. Der „Glaube“, gespielt von Bernadette Gobber, trat im Schlussteil auf mit sanftem Gesicht, erwies sich aber in der Auseinandersetzung mit dem Teufel als erstaunlich entschlossen und streitbar, eine ebenbürtige Gegnerin des Teufels. Christian Vollmann als Teufel ließ seinen inneren Schweinhund hemmungslos von der Leine. Ein bedrohlicheres Lachen als seines wurde selten gehört.
Von der großen Haupt- bis zur kleinen Nebenrolle gingen die Darsteller völlig in ihren Rollen auf, auch die Kinder. Bürgermeister Bernd Müller als „special guest“ reihte sich nahtlos ein in die Riege der hochtalentierten Schauspieler des Ensembles. Als Bettler, in Lumpen gekleidet und über einen Stock gebeugt, betrat er die Bühne und zupfte sehr überzeugend ein paar Läuse aus den Lumpen. Zudem hatte Jochen Ulsamer als Maskenbildner an ihm, wie auch an Tod und Teufel, kleine Wunder bewirkt. Die Musikbegleitung von Jacqueline Burckhardt am E-Piano hinter den Kulissen verstärkte die Wirkung des Schauspiels. Unter der Regie von Ingrid Schmid war aus dem über hundert Jahre alten, in Versen geschriebenen Text ein dicht gewebtes Kunstwerk geworden, von dem die Zuschauer völlig in den Bann gezogen wurden. Sie mussten am Ende einige Minuten lang zu sich kommen, bevor sie applaudieren konnten. Dann brachen sich Begeisterung und Bewunderung in stehenden Ovationen und vielen Bravorufen Bahn.
„Das Stück ist zeitlos aktuell“, sagte Ensembleleiterin Ingrid Schmid in ihren Dankesworten nach dem Schlussapplaus. An manchen Stellen war es fast unheimlich, wie aktuell. „Bald kaufen wir uns Unsterblichkeit“, sagte der Jedermann. Genau das ist das erklärte Ziel einiger ernsthafter Wissenschaftler in den USA. Der „Gute Gesell“ (Andreas Lange) wirft dem säumigen Schuldner (Ralph Miethig) vor: „Ein Häusel bau‘n mit fremdem Geld!“ Was könnte daran falsch sein? 2008 geriet die Welt in eine Finanzkrise, weil zu viele amerikanische „Häuselbauer“ ihre Schulden nicht zurück zahlten.
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