Wie viel Erfindungsgeist im Fahrrad steckt: Peter Guldner aus Bobingen sammelt historische Fahrräder

Das Trethebel-Fahrrad von Woerner mit Carbidlampe
 
Das grüne „Modell 2000“ von Herkules mit Kreuzrahmen, rechts daneben ein Fahrrad mit Hilfsmotor.

In einem Stadel in Bobingen verbirgt sich eine Sammlung historischer Fahrräder.

Von der hölzernen „Laufmaschine“, die Karl Freiherr von Drais 1817 erfand, bis zum Fahrrad von heute war es ein langer Weg, auf dem viele Konstruktionen ausprobiert und wieder verworfen wurden. Einige Beispiele von Ideen, die nicht weiter verfolgt wurden, hat Peter Guldner aus Bobingen in seiner Sammlung historischer Zweiräder.
Die Rahmen heutiger Herrenräder haben eine dreieckige Form, weshalb sie „Diamantrahmen“ genannt werden. Sie bestehen aus einem waagrechten Rohr vom Lenker zum Sattel, zwei weitere Rohre verlaufen vom Sattel und vom Lenker zur Pedalwelle. In Guldners Stadel findet sich ein grünes Fahrrad mit einem klassischen „Kreuzrahmen“. Es ist das „Modell 2000“ der Firma Herkules und wurde vermutlich 1956 gebaut. Hier verläuft ein Rohr vom Lenker zur Nabe des Hinterrads und eines vom Sattel zur Pedalwelle. Dieses Rohrkreuz wurde aus Aluminium in einem Stück gegossen. Eine der zahlreichen Konstruktionsideen, die sich nicht durchgesetzt haben.
Das wertvollste Stück in Guldners Sammlung ist ein Rad der Stuttgarter Firma Woerner ohne Fahrradkette, ein sogenanntes Trethebel-Fahrrad. Es wurde ab 1937 gefertigt. Heute steht ein Exemplar für Herren im Zweiradmuseum in Neckarsulm, Guldner besitzt ein Damenrad, von weiteren Exemplaren ist nichts bekannt. Bei dieser Erfindung steckt ein Zahnradgetriebe in einem Gehäuse an der hinteren Radnabe. Der Antrieb erfolgt über Stangen, die mit den Pedalen verbunden sind. Die Pedale werden nicht kreisförmig, sondern ellipsenförmig getreten, was Guldner nach einer Testfahrt als „gewöhnungsbedürftig“ beschreibt. Das hintere Rad ist 26 Zoll groß, das Vorderrad nur 20 Zoll. Das Rad hat ein Vorderlicht, aber der Fahrraddynamo war damals noch nicht erfunden. Stattdessen steckte in dem Blechgehäuse mit aufklappbarer Glasabdeckung eine Carbid-Lampe, die man anzünden musste.

Kettenlose Fahrräder sind zu schwer

Der entscheidende Nachteil des kettenlosen Fahrrads ist sein Gewicht. Der Kettenantrieb hat viele Nachteile, wie jeder weiß, dem schon einmal eine Kette vom Zahnrad gesprungen ist, aber das geringe Gewicht hat das Kettenrad zum Standard werden lassen. Zu den größten Fahrradherstellern weltweit gehörte vor hundert Jahren Adam Opel in Rüsselsheim. 1926 produzierte die Firma das ein millionste Fahrrad. Es steht heute im Firmenmuseum. Auch Opel hatte ein kettenloses Rad im Angebot, bei dem das Drehmoment statt von einer Kette von zwei Kardanwellen auf das Hinterrad übertragen wurde. Ein solches Rad, und auch ein Hochrad, hätte Guldner gerne noch in seiner Sammlung.
Eine weitere in Vergessenheit geratene Erfindung ist das Fahrrad mit Hilfsmotor, im Volksmund auch „Maria-Hilf-Motor“ genannt, da man angeblich bei schlechtem Wetter auf die Kraft des Gebets setzen musste, damit der Motor anspringt. Es war eine billige Alternative zum Auto in Zeiten der Armut während und nach den Weltkriegen. Später entwickelten sich daraus Moped, Mokick und Mofa. Guldner hat in seiner Sammlung ein „Vélo Solex“, das in Frankreich ab 1946 produziert wurde. Es hatte noch in den 70er Jahren eine große Anhängerschaft unter Studenten, da es einfach, robust und preisgünstig war.

In Pluderhosen auf dem Rad

Eine Kuriosität in Guldners Sammlung ist ein Türschild aus Blech der Auskunftsstelle des Baden-Württembergisch-Bayerischen Radfahrer-Bunds. Darauf steht: „All Heil“. Das war seit dem 19. Jahrhundert der Gruß unter Fahrradfahrern, mit dem sie ihr Zusammengehörigkeitsgefühl zeigten, ähnlich wie Fischer sich mit „Petri Heil“ begrüßen. Auch Frauen gehörten zum Kreis der Fahrradbegeisterten. Sie saßen teils im Rock, teils in speziellen Pluderhosen auf ihren Drahteseln. Einige Zeitgenossen fanden Damen auf Rädern, insbesondere in Hosen, skandalös, wie man in einem von Guldners Fachbüchern nachlesen kann.
Die Sammler historischer Zweirad-Technik treffen sich auf Floh- und Oldtimer-Märkten, wo sie Fahrräder und einzelne Bauteile kaufen und verkaufen. Zu diesen Märkten kommen auch viele Interessenten aus den Niederlanden, wo das Fahrrad nach Guldners Eindruck eine höhere Wertschätzung genießt als in Deutschland. Er vermutet die Ursache darin, dass dort nie Autos gebaut wurden und das Auto deshalb nicht so stark gegenüber anderen Fahrzeugen bevorzugt wurde wie in Deutschland. Inzwischen gibt es in dem kleinen Land bereits Radschnellwege mit einer Gesamtstreckenlänge von 300 Kilometern, weitere sind im Bau.
Manche Sammler machen die Räder mit modernen Mitteln fahrtüchtig, um sie als Besonderheiten für den täglichen Gebrauch zu verkaufen. Guldner jedoch versucht, den historischen Zustand so weit wie möglich zu erhalten, was oft eine lange Suche nach Ersatzteilen bedeutet. Diese historischen Räder sind für den Hausgebrauch zu schade, denn die Gefahr, dass ein unersetzliches Bauteil kaputt geht, ist zu groß. „Diese Fahrzeuge sind technisch-historische Kulturgüter, die der Nachwelt erhalten bleiben sollten“, ist Guldner überzeugt. Museen haben schon Kaufinteresse für bestimmte Stücke seiner Sammlung bekundet, doch bisher konnte sich Guldner von seinen Schätzen nicht trennen. Mit Gleichgesinnten trifft sich Guldner im Verein „Oldtimerfreunde Königsbrunn und Umgebung e.V.“, zu dessen Gründungsmitgliedern er gehört.
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