Naturkunst von Hama Lohrmann in den Zusmarshauser Geschichten: Von Wegkreuzungen und archaischer Landschaft

Zu den inspirierenden, weil noch weitgehend naturbelassenen Orten in der Region, gehört für den Landart-Künstler Hama Lohrmann das Anhauser Tal mit seinem Bach. „Für mich ist der Mai die schönste Jahreszeit überhaupt. Der Wechsel vom Winter zum Sommer, das zarte Grün der frisch ausschlagenden Buchen, der Duft überall, die Blumenwiesen“, sagt er dazu. Foto: Hama Lohrmann
 
Hama Lohrmann im August 2013 in der Gegend des Julierpasses (Schweiz). Foto: Hama Lohrmann
 
Süd-Marokko bei Ouarzazate, 24.12.2017. Zur Weihnachtszeit flieht Hama Lohrmann gerne in die marokkanische Wüste. Foto: Hama Lohrmann

Landart von Hama Lohrmann entsteht im Bonstetter Wald genauso wie in der marokkanischen Wüste. Wie sie sich voneinander unterscheidet und was den Künstler bewegt.

Landart ist eine Kunstform, die in der Regel in und mit der Natur stattfindet mit Materialien, die rund um den Gestaltungsort zu finden sind und sich harmonisch oder als reizvoller Kontrast dazu an Ort und Stelle arrangieren lassen – ohne Nägel, Klebstoffe und andere „Fremdkörper“. Landart ist so vergänglich wie alles in der Natur. Ein Künstler, der der Nachwelt Spuren hinterlassen will, ist hier falsch.

Warum ein Uhrenmensch?

Einer, der diese Kunstform für sich als die einzig wahre entdeckt hat, ist Hama Lohrmann. Zwar hat er sich schon als Schüler mit Kunst auseinandergesetzt, war aber mit seinen Gemälden und Zeichnungen nie so wirklich zufrieden. Erst eine zum Zeitvertreib auf einem Berg gelegte Stein-Schlange und die Reaktionen seiner Begleiter darauf, gaben die Initialzündung. Er fing an, sich mit dem Metier und seinen Protagonisten auseinanderzusetzen, „denn schließlich hatte ich ja nichts grundsätzlich Neues erfunden. Das kann man in unserer Zeit gar nicht mehr“. Inzwischen hat er sich selbst international einen Namen gemacht. Der entscheidende Punkt war dafür 2003 die Verleihung des Förderpreises der Stadt Augsburg, die seinen Bekanntheitsgrad schlagartig erhöht und ihm viele Möglichkeiten eröffnet hatte. Es war bei Weitem nicht der letzte Preis, aber aus den genannten Gründen der wichtigste.
Der in der Nähe von Fischach lebende Lohrmann reist immer wieder an weitgehend menschenleere Orte, gerne nach Nordeuropa oder in wüstenartige Gebiete, wo er noch ursprüngliche Natur vorfindet, die ihn inspiriert. In diesem Jahr waren das Schottland und Herbst-Ausflüge in die Alpen. Nicht jede Wanderung oder wochenlange Reise hinterlässt Kunstwerke. Es müssen viele Dinge zusammenpassen, damit ein Platz zum Ausstellungsort werden kann: Neben dem passenden Standort sind auch spannendes Material, das richtige Wetter, die Tageszeit und das Fotolicht von Bedeutung – letzteres herrscht bei manchen Kompositionen erst zur blauen Stunde am Abend, weshalb sich der Künstler auch als Uhrenmensch bezeichnet, der auf genau diesen Moment hinarbeitet. Nicht selten haben die Umstände eine Übernachtung im Zelt zur Folge.


Landart ist wie Klettern

Ist erst einmal ein Ort ausgewählt, braucht man für Landart nicht nur Kreativität, sondern auch viel Körperkraft, um seine Ideen umzusetzen, denn oft sind große Steine zum gewählten Standort zu schleppen oder dieser erst einmal frei zu räumen. Sich verändernde Lichtverhältnisse werden von vorne herein mit in die Komposition eingeplant. Schon immer war Lohrmann ein Naturmensch und das stundenlange – meist alleine stattfindende – Arbeiten in einer archaischen Landschaft ist eine außergewöhnlich intensive Naturbegegnung. Immer wieder bekommt er dabei neugierigen Besuch von Wildtieren, die sich mehr oder weniger lange und mehr oder weniger nah den fremden Besucher in ihrer Welt anschauen. Ein Vogelkonzert gibt es gratis dazu. Obwohl er in der Region nur noch wenig Landschaft findet, die nicht zu stark kulturell umgeformt wurde, hat er über die Jahre alle Feinheiten der Jahreszeiten verinnerlicht. Er weiß genau, zu welcher Zeit bestimmte Blätter und Blüten zu finden sind, wann die Sonne auf- und untergeht und wann welche Lichtverhältnisse zu erwarten sind. Der passionierte Bergsteiger vergleicht Land-Kunst mit dem Klettern. In beiden Fällen müsse man sich intensiv mit der Umgebung auseinandersetzen.


Landart für Bonstetten

Der Kunstpfad in Bonstetten ist ein wenig anders. Die Werke sind von vorne herein so konzipiert, dass sie eine vergleichsweise lange Haltbarkeit haben. Sonst arbeitet Hama Lohrmann auch manchmal mit Schnee und/oder Feuer. Solche Arrangements halten nur wenige Minuten und müssen bei perfektem Fotolicht fertig sein. Die Herausforderungen am Pfad sind für den Künstler andere und hier kann den „alten Hasen“ im Geschäft die Natur auch wieder überraschen. Dass sich Materialien verformen, zersetzen, farblich verändern, war auch hier klar. Doch dass der Wald sich so schnell seine Flächen zurückholen würde, war für ihn neu. Im Gegensatz zu seinen Reisen, wo er seine Werke gleich nach dem Entstehen für immer sich selbst überlässt und nicht mitbekommt, in welcher Art und wie schnell sie sich verändern, besucht er den LandArt-Pfad Bonstetten regelmäßig, zum Beispiel mit einer geführten Gruppe. So ist er ein wenig hin- und hergerissen: Soll man die ursprüngliche Idee, die Kunst der Vergänglichkeit zu überlassen, auch hier uneingeschränkt gelten lassen? Soll man von Wind und Wetter zerstörte Werke wieder herstellen oder durch neue ersetzen? Baut man diese dann noch stabiler? Hama Lohrmann entscheidet dies – auch in Absprache mit der Gemeinde, die sehr am Erhalt des Kunstpfades interessiert ist – von Fall zu Fall und er lernt dazu. Deshalb sind die jüngsten der inzwischen neun Stücke mehr in die Höhe gebaut. Am Waldboden verschwinden sie schnell unter einer Nadel- oder Blätterschicht, verlieren ihre Kontur. So geht der Künstler manchmal mit dem Rechen durch den Wald und legt seine Arbeiten wieder frei oder restauriert an der einen oder anderen Stelle ein wenig. Bis er die gestohlene Wurzel aus einem der runden Objekte ersetzen konnte, dauerte es aber über ein Jahr und mit dem Ergebnis ist er trotzdem nicht so ganz zufrieden. Derzeit beobachtet Hama Lohrmann die Entwicklung der ersten Station des Weges: Auf dem Dorfplatz in Bonstetten steht das aus Fichtenästen, Lechkieseln und einem Nagelfluh-Brocken bestehende Werk. Die regelmäßige Anordnung der Steine verschwindet seit diesem Frühjahr unter jungen Ahornbäumen, die sich hier – ganz ihrer Natur als Pionierbäume entsprechend – ausgesät haben. Einerseits gefällt dem Künstler der frische grüne Teppich, der nun den Boden innerhalb der Umrandung bedeckt. Andererseits werden Bäume ja auch größer – mal sehen, welche Idee zum LandArt-Pfad am Ende siegen wird.


Raum für eigene Ideen

„Wegkreuzungen sind besondere Orte, sie verlangen uns Entscheidungen ab“, meint Hama Lohrmann. Deshalb befinden sich auf dem Pfad in Bonstetten nicht zufällig mehrere der „Ausstellungsstücke“ an einer Weggabel. Die nummerierten Stationen des Spazierweges – man kann ihn in etwa 90 Minuten gehen – haben keine Namen. Hama Lohrmann will den Besuchern gar nichts vorgeben, was sie in seinen Werken sehen sollen. So ist für ihn die Station 3 mit dem Blick über eine freie Wiese nach Südwesten wie ein Zeiger, ein Hinweis auf den Blick in die weite Landschaft, den man von hier aus genießen kann. Für den Künstler war das der Grund für diesen Standort. Für eine der Teilnehmerinnen an der Führung ist das unter anderem aus einer Bahn großer Lechkiesel und Sand aus der Umgebung bestehende Werk auf dieser leicht abschüssigen Wiese eine Metapher für den Fluss, der talwärts fließt. Einige Arbeiten wurden durch das menschliche Dasein inspiriert oder sind ohne Hintergedanken zustande gekommen – einfach weil der Platz für sie an dieser Stelle passend war. Ein Kunstwerk soll sogar gezielt dazu anregen, an ihm vorbei in die Weite zu schauen, denn die ist an dieser Stelle die wahre Kunst. Wer durch den Wald der Beschilderung folgt, findet am Wegesrand immer wieder kleine Arrangements, die wohl hauptsächlich von Kinderhand geschaffen wurden. Den Künstler freut das, zeigt es doch, wie sehr seine Arbeiten sogar die jüngsten Besucher ansprechen.


Die zwei Welten des Hama Lohrmann

Hama Lohrmann, der als „brotbringende“ Tätigkeit als Zimmerer arbeitet, genießt dieses Pendeln zwischen den beiden so unterschiedlichen Bereichen seines Lebens. Doch auch sein Künstlerdasein hat noch viele Facetten mehr, als das Wandern durch unberührte Natur. Er ist immer wieder für Ausstellungen unterwegs – in diesem Jahr in der Schweiz, in Hessen und im Kulturhaus Abraxas, Augsburg – und arbeitet in diesem Zusammenhang gerne mit anderen. Dabei gibt es auch Präsentationen in Innenräumen. Die sind für Lohrmann besonders spannend, weil der Raum dafür vorgegeben und beengt ist. Er hat die Erfahrung gemacht, dass Räume sich durch seine Arbeit positiv aufladen, und dass auch andere sie als traurig leer empfinden, wenn die Kunst wieder verschwunden ist. Für das nächste Jahr sind bereits vier Ausstellungen geplant, eine davon in einem stillgelegten Braunkohlewerk. Immer wieder gibt Lohrmann sein Wissen über die natürliche Kunst auch in Workshops weiter – an große und kleine Interessierte, Voraussetzung: wetter- und geländefeste Kleidung. „Ich hab´s ganz gut getroffen“, sagt er mit laut lachenden Augen.
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