Ausstellung in Diedorf: Ein echter Mann muss häkeln, stricken und knüpfen können!

ein abschreckend derbes Initiationskostüm aus Irian Jaya (West-neuguinea) mit aufgerissenem Mund und zwei Kleiderinventionen der Bobinger Künstlerin Andersson
 
Da lob ich mir die flauschig weichen und dennoch fantastisch einfallsreichen Mützenkreationen von Gabriela im Atelier "Walk in Beauty" im Flez des Maskenmuseums
Diedorf: haus der kulturen | Junge Knaben in  Neuguinea, die in die Gemeinschaft der Krieger und Kopfjäger, der echten Männer, aufgenommen werden wollen, müssen lernen die Zähne zusammen zu beißen und tapfer recht heftige Schmerzen zu ertragen.

Da wird den Angehörigen des Kasuar- und des Schweineclans die Nasenscheidewand durchbohrt, um darin die spiralförmig gewachsenen Eckzähne wilder Eber als Schmuck tragen zu können. Ohne diesen Schmuck schauen sie andererseits mit nach vorn gezogener gekrümmter und unterbohrter Nasenspitze fast genauso vogelwild aus, eben wie echte Kasuar-Straußenvögel.

Will man zu den Männern des Krokodilclans gehören, vollzieht der Onkel mütterlicherseits mit einer rostigen Rasierklinge eine noch weit mehr schmerzhafte Prozedur am Initianden: Er zerfleischt in blutig gleichmäßiger Schraffur den Rücken in mehrere Richtungen und reibt dreckigen Flussschlamm in die Wunden, die sich schmerzhaft entzünden und den Knaben mit einer krokodilähnlichen Rückenhaut „veredeln“.

Diese soziale Verwandlung vom Knaben zum Mann ist geprägt von der Vorstellung, dass die alte, mittlerweile wie bei einer Schlange zu klein gewordene Haut, die Schutzschicht des Körpers, abgestreift und allmählich durch eine neue größer und stärker nachwachsende Tierhaut der dem Clan zugeordneten Totems ersetzt werden muss. Damit der von der alten Haut befreite, aber jetzt ungeschützte Körper, nicht von den bösen Geistern des Dschungels in Besitz genommen werden kann, dürfen die Jungmänner die Initiationshütte zunächst nicht mehr verlassen. Für trotzdem notwendige Gänge und für die Übergangszeit müssen sie sich selbst eine Ersatzhaut aus Urwaldfasern häkeln und knüpfen.

Körperlich sicher gar nicht so schmerzhaft, für unsere westlichen Vorstellungen geprägt vom immer noch männlichen „ Macho“denken aber sozial sicher viel erniedrigender und daher seelisch schmerzhafter muss da wohl dieser „Häkelkurs“ eingeordnet werden, möchte man meinen (??).

Für einen echten Asmat, einem der Stämme auf der Insel Neuguinea, erfahrungsgemäß wohl aber überraschenderweise doch eher nicht: Kreative Gestaltung, wie Schnitzen, Malen, und eben auch Häkeln ist die Alltagsbeschäftigung in den Männerhäusern, zu denen die Frauen keinen Zutritt haben: Sie müssen sich ja um die Arbeit auf den Feldern und die Nahrungszubereitung kümmern.

Wer so gut von helfenden Geistern genährt, mit selbstgebrautem Sagobier verwöhnt, nur seiner Rolle als bildender Künstler gerecht werden darf, von dem darf man aber bitte dann auch so wunderschöne und expressiv ausdrucksstarke Kunstwerke erwarten, wie sie derzeit im Haus der Kulturen in der Südsee-Ausstellung und im Maskenmuseum in Diedorf bei Augsburg in der Lindenstrasse 1 zu sehen sind.

Im Gegenüber dieser surrealistisch wilden Ersatzkleidungen für Jungmänner aus Papua-Neuguinea und Irian-jaya schweben die filigranen Kleidungs-Erfindungen der modernen Bobinger Künstlerin und Redakteurin bei der Augsburger Allgemeinen Ingeborg Andersson. Daunenähnlich leicht und kuschelig streichelfreudig sind die Samen der Waldrebe, die hier zu einem Kleid verstrickt sind. Fest gefügt und abweisend erscheint dagegen der Panzer aus „verketteten“ Klettensamen, kratzig und wehrhaft. Da möchte man allerdings ja sicher nicht zum Anprobieren hinein gleiten.

Uns zieht es dann doch weit lieber in das Atelier: „ Walk in Beauty“ von Gabriela Graf-Braune im Untergeschoss des Hauses der Kulturen. Sowohl der Silber,- und Goldschmied Michael Hinterleitner wie unsere Hut,- und Mützen-Kreationistin bezaubern mit formvollendet edlen Dingen, die den Körper verwöhnen, die man tatsächlich auch tragen , ja im Tragen erst zur endgültigen Bestimmung bringen kann.

Besuchen Sie Gabriela gerne jetzt im Herbst und Winter an einem der Samstage von 10.00 bis 14.00 Uhr, buchen Sie Kurse über die VHS Stadt bei Michael um Ihren eigenen Schmuck aus Silber und Gold herzustellen, melden Sie Sich an unter 08238/60245 für einen Ausstellungsbesuch der Südseeausstellung, der Ausstellungen unserer Diedorfer Künstlerin Barbara Dix mit Ihren farbnuanzierten Tiefdruckgraphiken, der Ausstellung unseres " Neuen Wilden" Menno Fahl aus Berlin, unserer Musikinstrumentensammlung, des Maskenmuseums oder eben der modernen Kleidungsphantasien aus Naturmaterial von Ingeborg Andersson.
Kurse in chinesischer Pinselmalerei, Maskenschnitzen und Ytongplastik laden sie in unsere alte Dorfschmiede: In Diedorf rührt sich was, machen Sie mit!

Vergessen Sie auch nicht die Diedorfer Kulturmeile am 3. Oktober: Hier kommen sie kostenlos in den Genuss, alles auf einmal bei uns im Haus der kulturen und im Künstlerhof besichtigen zu können…… und am Abend um 19.00 Uhr lädt sie Markus Munzer-Dorn in die Alte Dorfschmiede zu einem Konzert mit Gitarre und Gesang.
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michael stöhr maskenmuseum diedorf aus Diedorf | 20.09.2018 | 22:42  
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