Diedorfer Geschichten: Sternwarte Diedorf - Eine außerirdische Leidenschaft

Unter der Kuppel der Sternwarte bietet ein Planetarium anschaulich Einblicke in die Astronomie. Die Wanderung der Erde lässt die Sterne bei dieser Langzeitbelichtung Striche ans Firmament malen. Foto: Ingo Piez
 
Schon im Eingangsbereich der Sternwarte grüßen ferne Galaxien und machen Lust auf mehr. Foto: Monika Saller
 
Der Pferdekopfnebel. Foto: Thomas Winterer

Die Sternwarte in Diedorf ist nicht nur bei außergewöhnlichen Himmelsereignissen ein spannender Anlaufpunkt für die ganze Familie. Die Astronomische Vereinigung Augsburg e.V. ermöglicht den Erdenbewohnern der Region tiefe Einblicke ins All.

Langsam rollt das Dach des mit blauem Teppich ausgekleideten Raumes auf dem höchsten Punkt der Pestalozzi Grund- und Mittelschule in Diedorf zur Seite. Fünf unterschiedliche Teleskope, die heißen wie berühmte Forscher, sind bereits nach oben ausgerichtet und ein Freiluftkino mit uneingeschränktem Rundumblick ist entstanden. Die „Freizeit-Astronomen“ der Astronomischen Vereinigung sind professionell ausgestattet mit – technisch detailliert erklärten – optischen Geräten, die Planeten, Sterne, Kometen und andere Besonderheiten des Himmels näher an die Erde heranrücken. Außerdem haben sie ein umfassendes Wissen über Sternbilder, Raumfahrt und Astrofotografie, das sie gerne mit Gästen der Sternwarte in Diedorf teilen.

Jeden Freitag ab 20 Uhr haben Besucher die Gelegenheit, mit den Astronomen den Himmel zu erkunden – idealerweise bei klarem Himmel und wenig Mondlicht. Dann sieht man am besten, was draußen im Universum gerade geschieht – oder vor tausenden von Lichtjahren geschehen ist. Bei spannenden Objekten und guter Sicht kann so ein Abend bis Mitternacht dauern.

Licht und Dunkelheit

Die für Sternengucker unpassende Lichtverschmutzung der Stadt Augsburg kann man von hier oben als schimmernde Kuppel gut sehen – der Grund für den seit 1965 bestehenden Augsburger Verein, sich in Diedorf einzuquartieren. Inzwischen ist aber auch der Ort vor den Toren der Großstadt kräftig gewachsen und nachts heller geworden. So stellen die etwa 30 aktiven Vereinsmitglieder ihre mit den modernen technischen Möglichkeiten handlicher und leistungsstärker gewordenen Teleskope auch manchmal weit weg von Ortschaften aufs Feld, um Himmelskörper besser beobachten zu können.

Weil die Lichtverschmutzung nicht nur die freie Sicht ins All beeinträchtigt, sondern auch viele andere Bereiche betrifft, beschäftigt sich der bundesweite „Astronomietag“ am 30. März 2019 schwerpunktmäßig unter dem Motto „Möge die Nacht mit uns sein“ mit diesem Thema. Auch die Diedorfer Sternwarte ist Teil des Projekttages – oder besser gesagt der Projektnacht. Dazu passend findet am gleichen Tag von 20.30 Uhr bis 21.30 Uhr die „Earth Hour“ statt. Jeder ist dazu aufgerufen, einfach eine volle Stunde lang das Licht auszuschalten, damit Strom zu sparen, einen kleinen Umweltbeitrag zu leisten und dafür einen deutlich spannenderen Sternenhimmel zu genießen.

Ein Teil der Sternforscher hat sich aufs Fotografieren ferner Galaxien und anderer Himmelsereignisse spezialisiert. Dazu sind neben einer geeigneten Kameraausrüstung auch Teleskope nötig, die die Bewegung der Erde ohne Ruckeln mitmachen. Das Ergebnis sind Langzeitbelichtungen über Stunden, die atemberaubende und vor allem in allen Farben leuchtende Einblicke in die unendlichen Weiten des Kosmos liefern. Viele der Aufnahmen schmücken die Räume der Sternwarte.

Blockbuster am Himmel

Wenn ein besonderes Himmelsereignis ansteht, wird es gewöhnlich voll in der Sternwarte. Partielle oder totale Sonnen- oder Mondfinsternis, das Vorbeiziehen eines Kometen in sichtbarer Entfernung, viele zu erwartende „Sternschnuppen“ oder andere planbare Attraktionen locken zahlreiche Interessierte an die Teleskope, die dann auch manchmal vor dem Haus stehen, um dem Andrang gerecht zu werden. Für diese Sonderfälle gibt es rechtzeitig Ankündigungen auf der Internetseite des Vereins (www.sternwarte-diedorf.de) und in der Presse. Schulklassen und andere Besuchergruppen haben zudem die Möglichkeit, eigene Termine zu vereinbaren. Die stimmungsvollen Beleuchtungsabende im Botanischen Garten Augsburg ergänzt der Verein immer wieder mit seinen Geräten und bildet so ein Fenster, durch das Jedermann in eine weit entfernte Welt sehen kann.

Das Planetarium in Diedorf

Auch wenn das Wetter nicht mitspielt, werden die Besucherabende in der Sternwarte nicht langweilig. Im Planetarium, das mit tausenden Leuchtdioden, einem unüberschaubaren Drahtgeflecht auf der Rückseite und mithilfe eines sehenswerten antiquierten Messgerätes zu einem Sternenhimmel im Winter und einem im Sommer gestaltet wurde, wird den Gästen bei der fachkundigen Erläuterung schnell sonnenklar, welche Sternenkonstellation gerade über der Kuppel zu entdecken ist und welche Besonderheiten sie zu bieten hat. An jedem ersten Freitag im Monat gibt es zusätzlich einen Vortrag zum Himmel des Monats. Meist ist es Stefan Taube oder ein anderes Vereinsmitglied, das aktuelle Themen für die Besucher aufbereitet. Doch auch Ulrich Walter, Physiker und ehemaliger Astronaut, führte schon einmal mit einem interessanten Vortrag durch einen externen Veranstaltungsabend. Im Dezember konnte man wirklich Erstaunliches über das Sternbild Stier, den dort lokalisierten Riesenstern Aldebaran und den Krebsnebel erfahren. Die Plejaden und am Weihnachtshimmel zu erwartende Kometen wie den mit dem sperrigen Namen 46P Wirtanen, lernte man ebenso kennen.

Kurzweilig kreuzten Stefan Taube und die Vereinsvorsitzende Prof. Dr. Christine Zerbe mit den anwesenden Kindern und Erwachsenen über die Himmelskuppel. Die Vorträge sind live und dürfen gerne durch Fragen und Wünsche ergänzt werden. Im März wird man die beiden Sternbilder Orion und den Großen Hund mit seinem hellsten Stern Sirius hoch am Himmel sehen können.

Ein so genanntes Steckplanetarium zeigt die aktuellen Positionen der Planeten. Für die Größenverhältnisse wurden kleine Kugeln als Planetenmodelle in einem Schaukasten arrangiert.

Am Beispiel des bekannten und im Winterhalbjahr gut sichtbaren Sternbildes Orion kann man wunderbar erkennen, dass die „flachen“ Sternbilder unserer Wahrnehmung in Wirklichkeit aus weiter und näher im All verteilten einzelnen Himmelskörpern bestehen. Ein schlichtes Fernrohr, wie es Galileo Galilei für seine frühen Entdeckungen verwendet hat und ein altes Teleskop aus Holz und Messing, gehören ebenfalls zu den Schätzen, die in der Sternwarte gezeigt werden. Einige Vereinsmitglieder bauen sich ihre Teleskope in jahrelanger Feinarbeit selbst. Auch ein solches, voll funktionstüchtiges Gerät, kann im Planetarium besichtigt werden.

Zwei Jugendgruppen treffen sich zudem regelmäßig in der Sternwarte und widmen sich dem für Kinder und Jugendliche überaus spannenden Thema Sonne, Mond und Sterne, aber auch Raumfahrt. Da werden Planeten aus Pappmaschee geformt oder Raketen in allen Ausführungen kreiert. Für die Kleineren darf es auch mal fantastisch zugehen. Die Außerirdischen aus Knetmasse sehen nicht unbedingt Vertrauen erweckend aus. Sehr gerne wird Planetenpizza und anderes Themengebäck hergestellt. Besonders beliebt bei den Kindern ist das Nachstellen eines Meteoriteneinschlages auf der Erdoberfläche. Man darf nach Herzenslust Sauerei machen, wenn der Himmelskörper in eine aus Mehl und Kakao simulierte Landschaft einschlägt. Deutlich zu sehen sind danach die Auswirkungen einer solchen Kollision. Physik zum Anfassen.

Neueinsteiger gern gesehen

Wem gelegentliche Besuche in der Sternwarte nicht genug sind, weil ihn die Leidenschaft für das Weltall und seine zahlreichen neu zu entdeckenden Geheimnisse gepackt hat, der ist als Vereinsmitglied herzlich willkommen. Hier können sich Interessierte intensiver mit der Astronomie beschäftigen, Gleichgesinnte treffen, die Teleskope der Sternwarte nutzen und in der vereinseigenen Bibliothek zum Thema stöbern. Die Mitglieder treffen sich zum Astrozirkel, machen gemeinsam Ausflüge zu astronomisch interessanten Zielen und unterhalten sogar eine jährlich erscheinende Zeitschrift mit dem Namen „Uranus“.
Die Mitwirkenden gehören allen denkbaren Berufsgruppen an und müssen auch keinerlei wissenschaftliche Vorkenntnisse mitbringen. Von der Parawissenschaft Astrologie distanzieren sich Astronomen aber ausdrücklich. Der Verein finanziert sich aus moderaten Mitgliedsbeiträgen und Spenden von Besuchern.
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