Was Steine erzählen: Fischachs jüdische Geschichte

Jüdischer Friedhof Fischach: Jüdische Grabsteine enthalten viele Symbole: eine Levitenkanne für die Assistenten der Priester - wie auf unserer Titelseite. Levit wurde man durch familiäre Zugehörigkeit, so wie die Priester, die durch segnende Hände auf dem Stein als Nachkommen Arons gekennzeichnet sind. Foto: Monika Saller
 
Die hölzernen Grabtafeln der Familie Mosche sind eine historische Besonderheit auf dem Fischacher Friedhof. Foto: Harburger 1g27 Band ll, Ophir, Pinkas
 
Kindergräber auf dem jüdischen Friedhof in Fischach Foto: Monika Saller
 
Verwitternde Steine werden nicht bearbeitet, um die Ruhe der Toten nicht zu stören. Jüdischer Friedhof Fischach. Foto: Monika Saller

Was Steine erzählen: Wie Juden und Christen in Fischach zusammen lebten, warum der Friedhof eine wichtige historische Quelle darstellt, was aus den Fischacher Juden wurde und wie man heute damit umgeht – eine kleine Zusammenfassung aus fast 500 Jahren Ortsgeschichte.



„Hier liegt begraben …“, so beginnt die hebräische Inschrift auf den Grabsteinen des Jüdischen Friedhofs in Fischach. Jeder der gut 400 Steine erzählt von der Geschichte eines Menschen, der zumindest eine Zeit lang in Fischach lebte. Die noch vorhandenen Gedenksteine wurden zwischen 1796 und 1942 aufgestellt. Wer den Namen und Sprüchen nachgeht, erfährt viel über die Historie des Ortes, der über Jahrhunderte auch Heimat von jüdischen Bürgern war.

Für die Ewigkeit

Jüdische Gräber sind Ruhestätten für die Ewigkeit. Nach traditionellem Ritual wird ein Verstorbener spätestens 24 Stunden nach seinem Tod in einem weißen Gewand beerdigt. Feuerbestattungen gibt es nicht, die Toten schlafen nur dem jüngsten Tag entgegen. Deshalb werden sie auch durch nichts gestört: nicht durch Mehrfachbestattungen in Familiengräbern, nicht durch Restaurierungsarbeiten an den Steinen und auch nicht durch das Graben in der Erde an der Oberfläche, um beispielsweise Blumen zu pflanzen. Als Zeichen, dass die Angehörigen nicht vergessen sind, werden auf jüdischen Gräbern Steine hinterlassen. Der Grabstein ist nach Osten ausgerichtet – zur aufgehenden Sonne und Richtung Jerusalem – und voller Symbolik. Berufsstand, familiäre Herkunft, Lebenseinstellung und Todesumstände – all das wird mit bildlichen Darstellungen und Grabsprüchen dokumentiert. Dennoch sieht man vor allem den alten, nach orthodoxen Regeln gefertigten Steinen an, dass man alle Menschen im Tode als gleichwertig angesehen hat. Erst später kamen auch bei der jüdischen Grabgestaltung Moden und finanzieller Hintergrund zum Tragen.
Die älteren Grabmäler auf dem Fischacher Friedhof bestehen aus Sandstein, der vergleichsweise schnell verwittert. Die Inschriften sind auf manchen von ihnen nicht mehr oder kaum noch zu entziffern. Da aber ein jüdisches Grab in jedem Fall weiterbesteht, auch wenn kein Stein mehr seinen Standort markiert, wird daran nichts verändert. Ausnahmen davon gibt es dennoch auf diesem Gottesacker: Die beiden Eichenholztafeln, die die Gräber des Josef Mosche und seiner Frau Breindel markieren, durften nach Anfrage bei der jüdischen Kultusgemeinde restauriert werden. Durch einen Rahmen vor Verwitterung geschützt, stehen sie nun aber wieder an ihrem ursprünglichen Platz.
Vier kleine Grabsteine, die eindeutig toten Kindern zugeordnet werden konnten, stehen zusammengefasst am Rand des Gräberfeldes. Fotografien aus dem Jahr 2000 dokumentieren für spätere Generationen das frühere Aussehen des Friedhofes.

Was ist ein Tahara-Haus?

Im Tahara-Haus, das zu jedem jüdischen Friedhof gehört – in Fischach ist es eine hölzerne Variante – wurden die Verstorbenen gewaschen. Auf dem Friedhof in Fischach enthielt das kleine Gebäude auch eine Gedenktafel an die gefallenen jüdischen Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg, die wie andere Bürger ihr Leben an der Front einsetzten.
Die ersten Fischacher Juden beerdigten ihre Toten in Burgau, später in Kriegshaber und erst ab 1774 auf ihrem eigenen Friedhof im Ort. Dorthin wurden die Verstorbenen zunächst getragen, bis man sich einen Leichenwagen leistete, der der Gemeinde den steilen Anstieg zum Friedhof erleichterte.

Jüdischer Kalender

Die auf den alten Steinen angegebenen Todes-Daten muss man Nichteingeweihten übersetzen – weil sie meist in hebräischer Sprache verfasst sind, und weil sie sich nach dem jüdischen Kalender richten. Die jüdische Zeitrechnung beginnt mit der Erschaffung der Welt, wie sie von jüdischen Gelehrten errechnet wurde, also nach christlicher Zeitrechnung 3761 v. Chr. und etwa Mitte September. Die grobe Umrechnungsformel lautet: Weltliches Jahr + 3760 Jahre. Das Jahr 2019 ist also nach der jüdischen Rechnung das Jahr 5779, nach der „kleinen Zählung“ die nur drei Stellen angibt, 779. Außerdem gibt es Monate wie „Adar“ für Anfang Februar oder „Nisan“ für den Zeitraum zwischen Mitte März und Mitte April.

Teil der Gemeinschaft

Die Geschichte der Fischacher Juden geht bis in das 16. Jahrhundert zurück. Die ersten landeten wohl hier, weil sie anderswo nicht bleiben konnten. Die Familien verdienten ihren Lebensunterhalt mit Handel, oft mit Vieh, aber auch als Metzger oder Bäcker. Da ihnen der Ausbau ihrer Häuser nicht genehmigt war, herrschte in den Wohnungen große Platznot. Das Vieh wurde häufig im Untergeschoss des Hauses gehalten, was man heute noch an den tiefergelegten Einfahrten zu einigen Gebäuden sehen kann. Ab der Mitte des 19. Jahrhunderts gab es in Fischach wichtige Geschäfte unter jüdischer Leitung: Textilhandel, Kaufläden, Kolonialwaren und vieles mehr. Im Jahr 1812 war der prozentual und zahlenmäßig höchste Stand an jüdischer Bevölkerung im Ort. Zu dieser Zeit gehörte fast die Hälfte der knapp 500 Fischacher der jüdischen Gemeinde an. Die Juden engagierten sich wie ihre Mitbürger in Vereinen, im Gemeinderat und allen anderen Bereichen des öffentlichen Lebens. 1872 wurde eine Freiwillige Feuerwehr gegründet, der auch 30 jüdische Männer angehörten. Zwanzig Jahre lang lief das gut. Mit Josef Mendle, Heinrich Wortsmann und Samson Lemle kamen zeitweise Vorstand bzw. Kommandant aus der jüdischen Bevölkerung. Als es dann zu Reibereien zwischen den Glaubensrichtungen mit antisemitischem Inhalt kam, wurde eine eigene „Israelitische Feuerwehr“ gegründet.
Wahrscheinlich ab 1740 gab es eine Synagoge im Ort, die am Judenhof 1845 neu gebaut wurde. Das Gebäude wurde behutsam restauriert, sodass man an der Außenseite die Position des Thoraschreines erkennen kann. Heute ist in dem Haus eine Zahnarztpraxis untergebracht. Es gab eine Israelitische Volks- und Religionsschule und eine Mikwe – ein rituelles Badehaus. 200 Jahre lang hatte Fischach einen Rabbiner.
Eine kleine Besonderheit war es, dass die christliche und jüdische Bevölkerung nicht in getrennten Ortsteilen, sondern bunt verteilt im Ort zusammen lebten. Im ältesten jüdischen Haus von 1728 lebte der 1936 verstorbene Viehhändler Albert Fromm. Familie Wundenberg, die heute das Haus bewohnt, fand bei Renovierungsarbeiten ein eingemauertes Foto Fromms mit einer Inschrift. Beides sollte das Haus beschützen. Fromms Grabstein findet man auf dem jüdischen Friedhof. Seine Frau konnte ihren Plan, nach Israel auszuwandern, nicht mehr in die Tat umsetzen. Sie wurde vorher deportiert. Immer schon gab es Höhen und Tiefen im Umgang mit christlichen Mitbürgern.Manchmal war Fischach Zufluchtsort für Vertriebene aus anderen Gemeinden, beispielsweise Augsburg. Manchmal mussten Fischacher Juden ihren Wohnort verlassen und wiederum in der großen Stadt Zuflucht suchen. Zur Beerdigung des Kantors Dorfzaun 1928 kamen die Fischacher aller Glaubensrichtungen. Laut Nachruf in der Zeitung war er mit „unverwüstlicher Stimme begabt“ – und offenbar in der ganzen Bevölkerung beliebt. Sämtliche Chöre des Ortes – auch die der katholischen Kirche – sangen bei seiner Trauerfeier. Andererseits gab es Probleme, als eine gestiftete Thora-Rolle an der Kirche vorbei zu ihrem Bestimmungsort in der Synagoge getragen werden sollte.

Die letzten Fischacher Juden

Die heutigen Fischacher sind sich der geschichtlichen Bedeutung ihres Wohnortes bewusst. Man versucht, vor allem die Zeit des Nationalsozialismus aufzuarbeiten. 1933 waren noch 127 jüdische Bürger gemeldet. Ein großer Teil von ihnen wanderte zwischen 1934 und 1940 aus – nach Südamerika, England, die USA, Palästina, Dänemark und Liechtenstein. Wer nach Israel ging, nahm vorher oft an einer Hachschara teil, einem „Trainingsprogramm“, das die künftigen Bauern auf ihr neues Leben vorbereitete. Unter anderem bekamen die Teilnehmer auch hebräischen Sprachunterricht. Im Mai 1935 riefen Plakate dazu auf, jüdische Geschäfte zu boykottieren. Wie überall reagierten die Leute unterschiedlich. Die Einen kamen der Aufforderung nur zu willig nach und machten ihren Mitbürgern, die nach wie vor bei ihren Nachbarn Waren bezogen, das Leben schwer. Andere riskierten ihre eigene Existenz, um einfallsreich ihre Freunde mit Lebensmitteln zu versorgen. 66 Fischacher, die sich vielleicht in ihrer guten Nachbarschaft sicher gefühlt hatten, wurden im Laufe des Jahres 1942 deportiert und schließlich ermordet. Ihnen ist seit 1999 ein Denkmal an der Thoma-Linde gewidmet – mit genau 66 Steinen als zentralem Bestandteil. Die Angehörigen der damaligen Fischacher kommen bis heute aus aller Welt, um ihre Familienmitglieder zu ehren. Das Denkmal an der Triebstraße, die zum Friedhof hinauf führt, ist nicht nur ein steinernes Erinnerungswerk. Hier werden auch Gedenkfeiern gehalten, wie zuletzt am Jahrestag der Reichsprogromnacht im November 2018 eine bewegende ökumenische Veranstaltung der Marktgemeinde Fischach in Zusammenarbeit mit dem Kulturkreis K.e.r.n. AK Geschichte und den Pfarreien aus Fischach und Diedorf mit einem Davidstern aus Teelichtern auf dem Gedenkstein. Hinweisschilder an Friedhof und ehemaliger Synagoge und QR-Codes sorgen für weiterführende Informationen für Besucher. Über die Gemeinde können Führungen durch den Ort und über den Friedhof angefragt werden. Männer brauchen dort eine Kopfbedeckung. Am Samstag – dem Sabbat – kann der Friedhof nicht besucht werden.
Eine kleine jüdische Tradition wird im Ort aufrecht erhalten. Seit 1914 wird in der Bäckerei Zott Berches-Brot gebacken. Dieses aus mehreren Lagen Hefeteig-Zöpfen und mit Mohn bestreute Gebäck ist nach jüdischem Ritus für den Sabbat gedacht und wurde deshalb am Freitag hergestellt. Ein jüdisches Gemeindemitglied musste zumindest an dessen Herstellung beteiligt sein. Streng genommen dürfte die heutige Fischacher Version also gar nicht den Namen Berches tragen. Die Fischacher lieben das Brot und so ist es jeden Tag in der Auslage der Bäckerei zu finden und erinnert ein wenig an die Geschichte des Ortes. Auch die jüdische Gemeinde in Augsburg gehört zur Kundschaft.
„Seine / ihre Seele sei eingebunden im Bündel des Lebens!“ So enden die Grabinschriften auf dem jüdischen Friedhof in Fischach.
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