Gericht: "Käsedieb" schrammt knapp am Knast vorbei

"Wenn man Hunger hat, Herr Richter, kann man die Folgen nicht ermessen", sagte der Käsedieb vor Gericht (Symbolbild). (Foto: Joshua Resnick, 123rf.com)

Als der "Käsedieb" von Friedberg hat ein 87-jähriger Gersthofer Ende März für Schlagzeilen gesorgt. Nun stand er als Angeklagter in Aichach vor Gericht. Drei Stückchen Käse im Gesamtwert von 4,55 Euro hat er im Friedberger Reformhaus "eingesteckt", wie er sagt. Seine Begründung war ein plötzlicher Heißhunger. Weil er damit aber eine offene Bewährung gebrochen hatte, stand eine Freiheitsstrafe im Raum. Amtsgerichtsdirektor Walter Hell setzte diese abermals zur Bewährung aus - auf vier statt der üblichen drei Jahre.

"Danke!", rief der Rentner noch während Hells Urteilsbegründung aus. Bis zuletzt hatte es für den 87-Jährigen schlecht ausgesehen. Staatsanwalt Gregor Hohenadel hatte eine Freiheitsstrafe von drei Monaten ohne Bewährung gefordert. Als klar war, dass der Rentner nun doch nicht ins Gefängnis wandert, war seine Erleichterung deutlich spürbar. Der Gersthofer lächelte.

"Hören Sie mir lieber zu, das ist gescheiter", entgegnete der Richter trocken. Er war bemüht, langsam, laut und deutlich zu sprechen. Der 87-Jährige hört nicht mehr sonderlich gut, also lief er immer zwischen dem Richter, dem Staatsanwalt oder der Zeugin hin und her und stand direkt vor ihnen, wann immer jemand etwas sagte. Auch sein Verteidiger, Ralf Schönauer, der den Rentner freiwillig vertrat, nachdem seinem Mandanten wiederum große Solidarität aus der Bevölkerung entgegengeschlagen war, beugte sich über den Tisch und sprach laut, als er eine Geldstrafe für den Rentner forderte.

Hell glaubte dem 87-Jährigen wohl auch deswegen, weil dieser erklärte, dass ihm der Sinn einer Bewährung nicht geläufig sei und dass er mit einem Bruch derselben seine Freiheit aufs Spiel setzt. Ihn hätte im März dieses Jahres der "Heißhunger" übermannt. Im Reformhaus in Friedberg habe er seine Einkäufe erledigt, zum Frühstück hätte es wenige Stunden zuvor "nur ein Stück Brot" gegeben.

"Ich hatte nicht die Absicht zu klauen, aber als ich das (den Käse, Anm. der Red.) gesehen habe - Menschenskinder - den habe ich schon lange nicht mehr gegessen", erinnerte sich der Mann, der vor Gericht jeglichen Vorsatz abstritt. "Wenn man Hunger hat, Herr Richter, kann man die Folgen nicht ermessen", meinte er.

Darüber hinaus hätte er nur noch zwei bis drei Euro bei sich gehabt. "Das waren meine letzten Kröten für den Monat", sagte er. Ein wenig anders hatte das die Zeugin in Erinnerung. 20 Euro hat eine 32-jährige Polizistin nach der Tat im Geldbeutel des Rentners gefunden, wie sie erklärte.

Der 87-Jährige hat rund 50 Jahre lang selbstständig als Schneider gearbeitet. Aufgrund von Steuerschulden hätte er später ein großes Grundstück in Gersthofen verkaufen müssen. Heute erhält er eigenen Angaben zufolge 730 Euro monatlich.

Davon bezahlt er die Miete, den Strom, Medikamente und seine Telefonrechnung. Zum Leben bliebe da nicht mehr viel. "Wenn Sie so wenig Geld haben, warum kaufen Sie dann im Reformhaus ein?", wollte Hell wissen. Der 87-Jährige meinte, er sei es stets gewöhnt gewesen, qualitativ hochwertige Lebensmittel zu kaufen. Auf diese Lebensmittel spare er konsequent. "Hätte ich monatlich nur 200 Euro mehr, würde ich bestens auskommen", meinte der Rentner.

Richter: "Nicht nur Ihnen geht es schlecht"

Der hatte die Tat im März übrigens umgehend und vollumfänglich gestanden, was ihm auch vor Gericht zugute kam. Doch weder Unwissenheit noch Alter schützen vor Strafe. Das machte Hell klar. "Es gibt kein Alter, in dem man nicht mehr eingesperrt werden kann." Und eine derartige Strafe wäre laut Staatsanwaltschaft auch gerechtfertigt, besonders in Anbetracht der Vorstrafen.

2016 wurde der Rentner wegen Lebensmitteldiebstahls zu einer Geldstrafe verurteilt, 2017 ebenso. Im Oktober 2018 stahl der Gersthofener erneut, diesmal in Langweid, und erhielt eine Bewährungsstrafe. "Soll es jetzt jedes Jahr eine Verurteilung geben?", fragte Hell und redete dem Angeklagten ins Gewissen.

"Aber wenn mich der Heißhunger packt...", warf der Angeklagte ein. "Dann gehen Sie zur Tafel", meinte Hell. Darüber hinaus könne man bei der Arbeiterwohlfahrt günstig essen. Immer wieder betonte der Rentner, dass es ihm schlecht gehe. "Nicht nur Ihnen geht es schlecht. Es gibt viele Arme in Deutschland", antwortete Hell, der in seinem Urteil Milde walten ließ.

Drei Monate Gefängnis setzte er zur Bewährung aus. Dem Angeklagten wird ein Bewährungshelfer zur Seite gestellt. "Heute verhandeln wir eine Stunde", sagte der Richter. "Nächstes Mal sind es 20 Minuten. Und ich sperre Sie ein. Ich bezeuge, dass sie jetzt wissen, was auf dem Spiel steht." "Du hast richtig Glück", meinte ein Begleiter des Rentners, der langjährige Lebensgefährte einer Frau, von der sich der 87-Jährige schon vor Jahren getrennt hatte. Ihr neuer Freund ist inzwischen auch ein enger Vertrauter des Angeklagten und hilft ihm in vielen Lebenslagen.

"Passen Sie auf ihn auf", rief der Verteidiger dem Begleiter noch zu, als er das Gerichtsgelände verließ. Dort stand der Gersthofer noch vor einer Fernsehkamera, sichtlich erleichtert. Ob er wieder stehlen wird? "Ich werde mich bemühen", meinte er. (Bastian Brummer)
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.