Hätte das Aichacher Zugunglück verhindert werden können?

Die beiden Züge waren beim Zusammenstoß nicht entgleist. Dennoch gestaltete sich die Bergung am Dienstag als ausgesprochen aufwendig. Am späten Nachmittag wurden die Rungenwagen des Güterzuges abgezogen, um so besser an Triebwagen und Lok zu kommen. Fotos: Monika Grunert Glas

In Aichach ist der Fahrdienstleiter der Mann, der die Fäden buchstäblich in der Hand hält. Der Paarstadt-Bahnhof ist der einzige auf der gesamten Strecke zwischen Augsburg und Ingolstadt, an dem noch ein mechanisches Stellwerk seinen Dienst verrichtet. Dort gilt das Prinzip des Augenscheins - und Handarbeit. Ob freie Sicht herrscht, muss der Fahrdienstleiter also selbst prüfen. Das ist in diesem Fall, in dessen Folge sich am Montag der tragische Unfall ereignete, bei dem zwei Menschen starben, möglicherweise nicht passiert - oder die Gefahr wurde erst zu spät erkannt.

In Radersdorf, Dasing oder Friedberg wurden längst sogenannte Spurplan-Relaisstellwerke installiert, in Hochzoll gibt es ein elektronisches Stellwerk, das sogar von München aus gesteuert wird. Obergriesbach ist lediglich ein Haltepunkt ohne Weichenfunktion.

Hätten technische Hilfsmittel menschliches Versagen also ausschließen können? Die Deutsche Bahn will sich an solchen Spekulationen nicht beteiligen und verweist auf Nachfrage auf Zahlen: Von den rund 2800 deutschlandweit betriebenen Stellwerken seien rund 800 mechanisch.

Ein Unglück wie das am Montagabend könne nicht automatisch durch ein elektronisches Stellwerk verhindert werden, es käme dort nicht grundsätzlich zu weniger Unfällen. Letztlich käme es auf die genaue Unfallursache an, erklärte eine Bahnsprecherin.

Wie das Polizeipräsidium Schwaben Nord mitteilte, handelt es sich bei den Verunglückten um den aus dem Kreis Eichstätt stammenden 37-jährigen Triebwagenführer des Personenzuges und eine 73-jährige Passagierin aus dem Landkreis Aichach-Friedberg.

Die Frau hatte sich zum Aussteigen bereit gemacht, als es zum Zusammenstoß der beiden Züge kam. Ein weiterer Fahrgast wurde schwer verletzt, zwei mittelschwer. Zum Zeitpunkt des Unfalls befanden sich rund 30 Personen in dem Personenzug von Augsburg in Richtung Ingolstadt. Um circa 21.15 Uhr machte es zuerst einen großen Knall am Bahnhof, kurz darauf waren die Einsatzkräfte bereits vor Ort.

Anwohner berichteten, sie hätten zunächst einen Gasaustritt am Freibad vermutet. Tatsächlich war ein Triebwagen der Bayerischen Regiobahn GmbH (BRB) auf einen im Bahnhofsbereich stehenden Güterzug aufgefahren.

Entscheidend ist Befragung des Fahrdienstleiters

Ob eine technische Störung oder Fehlverhalten ursächlich war, konnte zunächst nicht beantwortet werden. Am Tag nach dem Unglück ging die Polizei dann von menschlichem Versagen des Fahrdienstleiters aus. Spekulationen zufolge soll der Mann schlicht nicht mehr daran gedacht haben, dass auf Gleis 2 bereits der Güterzug stand, als er dem Personenzug grünes Licht erteilte. Der rauschte auf Gleis 2 herein.

Dort, so berichtet ein Insider, könne man schnell in den Aichacher Bahnhof einfahren. Anders auf Gleis 1, wo angesichts einer Verschwenkung nicht mehr als 30 oder 40 Kilometer möglich seien. Hier wäre frei gewesen, hätte der Regiozug in Ruhe halten können.

Genaue Umstände zum Unfallhergang sollen die Ermittlungen von Kriminalpolizei, Staatsanwaltschaft und einem Gutachter liefern. Entscheidend wird natürlich auch die Befragung des Fahrdienstleiters sein. Die Diskussion um die technische Ausstattung der Bahnhöfe dürfte in jedem Fall neu entfacht sein. (Nayra Weber und Robert Edler)
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.