Lehrer aus dem Landkreis Aichach-Friedberg greift in Verbandskasse - und steht nun schon wieder vor Gericht

Dem angeklagten Lehrer kam bei dem vergleichsweise milden Urteil einiges zugute: blendende Sozialprognose, keine weiteren Straftaten, neue Arbeit, Geständnis und vor allem die vollumfängliche Wiedergutmachung des Schadens (Foto: Michael Hay https://de.123rf.com/profile_mitchshark)

Wie einfach und schnell ein Mensch auf die schiefe Bahn geraten kann, erleben der Aichacher Amtsgerichtsdirektor Walter Hell und seine Kollegen beinahe täglich. Drogen, Alkohol, Schlägereien - all das steht regelmäßig auf der Tagesordnung. Die Geschichte eines ehemaligen Realschullehrers aus dem Landkreis Aichach-Friedberg, der nun innerhalb von genau zwei Monaten ein zweites Mal auf der Anklagebank in Aichach saß, ist alles andere als alltäglich.  

Am 15. Mai wurde der suspendierte Lehrer und Konrektor einer Schule im Landkreis wegen der Weitergabe von Prüfungsergebnissen an den Sohn seiner Freundin zu sieben Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Nun ging es um Untreue und einen entstandenen Gesamtschaden in Höhe von knapp 260 000 Euro. Zusammen brachte das dem Vater dreier Kinder nun eine - wie von der Verteidigung geforderte - Gesamtstrafe von zwei Jahren ein. Der Richter setzte die Freiheitsstrafe zur Bewährung aus, die sich auf drei Jahre beläuft.

Der 44-Jährige hat als Kassier eines Bezirks des Bayerischen Realschullehrerverbandes (BRLV) insgesamt 25 Mal Geld auf sein Privatkonto überwiesen. Vor Gericht ging es um knapp 183 000 Euro im Zeitraum zwischen 2014 und 2018. Es floss aber bereits davor (ab 2010) Geld auf das Konto des Lehrers. Juristisch wurden diese vier Jahre wegen Verjährung außer Acht gelassen.

Dem Angeklagten kam bei dem vergleichsweise milden Urteil einiges zugute: blendende Sozialprognose, keine weiteren Straftaten, neue Arbeit, Geständnis und vor allem die vollumfängliche Wiedergutmachung des Schadens (inklusive der verjährten Beträge), samt Zinsen und Anwaltskosten des Verbandes. Um das Geld zurückzuzahlen, verkaufte der 44-Jährige sein Einfamilienhaus.


Richter Hell spricht bei Urteil von Glück

Richter Hell sprach in seiner Urteilsbegründung zudem von Glück. Glück, weil Anfang Mai der Fall eines Malers in Aichach verhandelt worden war. Der Mann hatte eine Millionärin um 700 000 Euro geprellt und wurde zu vier Jahren Haft verurteilt. "Ihre Strafe soll gerecht sein", erklärte Hell dem ehemaligen Lehrer. Der Maler hatte einen dreimal so hohen Schaden angerichtet und diesen nicht wieder gut gemacht. "Also kann es nicht das gleiche Urteil geben", fanden Hell und seine Schöffen.

Staatsanwältin Beate Schauer hatte in ihrem Plädoyer drei Jahre und drei Monate Freiheitsstrafe ohne Bewährung gefordert. Die große Frage lautete nun - wie übrigens bereits vor zwei Monaten: Warum? Wie kommt ein gebildeter Mann mit einem guten Job auf die Idee, seine Arbeitsstelle zu gefährden, indem er Prüfungsergebnisse vorab herausgibt und sich dann auch noch über Jahre hinweg Geld überweist, um dieses für eigene Zwecke zu verwenden.

"Hier sitzt ein gebrochener Mann"

Die Geschichte ist schnell erzählt: Die Prüfungsergebnisse hatte er aus dem Tresor geholt, um seiner Freundin eine Freude zu machen und deren Sohn den Abschluss zu sichern. Die 260 000 Euro benötigte er für sein Leben, das er sich mit dem Einkommen als Lehrer und dem seiner Ex-Frau nicht leisten konnte. Hausbau, Darlehen mit einer monatlichen Belastung von 2500 Euro, erstes Kind, ein Gehalt weniger, Ehekrise. Stichpunktartig wurde der Lebenslauf erneut vor Gericht erzählt.

Teure Geschenke

Um die im Jahr 2000 geschlossene Ehe zu retten, versuchte der Lehrer mit kostspieligen teuren Geschenken Harmonie und Ruhe in die Beziehung zu bringen. Teure Autos, Urlaube, Kurztrips - all das wurde von dem Geld des Lehrerverbandes, der rund 11 000 Mitglieder zählt, finanziert. Es half nicht, die Ehe zerbrach 2012, zwei Kinder gingen hervor, eines lebt beim Vater, eines bei der Mutter.

Die Veruntreuung der Gelder flog erst auf, als die Weitergabe der Prüfungsergebnisse aufkam. Die Kollegen vom Verband baten darum, das Amt des Kassiers vorübergehend ruhen zu lassen. Dann kam der Betrug ans Licht. Warum vorher bei keiner Rechnungsprüfung aufgefallen ist, dass regelmäßig große Geldbeträge auf ein Privatkonto flossen, konnten die Verbandsvertreter vor Gericht nicht erklären. Aufgrund der geschickt formulierten und nicht verdächtigen Verwendungszwecke wie "Anteil Studenten", "Zuschuss Studenten" oder "Anteil Jahrbuch" sei keiner skeptisch geworden, erklärten die Zeugen.

Welche Auswirkungen all die Fehlentscheidungen im Leben seines Mandanten haben, erläuterte Verteidiger Michael Bauer: "Hier sitzt ein gebrochener Mann, der durch sein Verhalten viel erleben und durchleben musste." ( Tanja Marsal )
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