Quartett scheitert mit Überfall auf Dealer

Überfall auf Dealer: Ein 22-Jähriger wurde nun zu zwei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe verurteilt. Symbolfoto: rclassenlayouts/123rf.com

"Wenn so was im Fernsehen käme, würde man sich denken: So ein Schafscheiß. Aber der Fall hier zeigt einmal mehr: Die Wirklichkeit ist oft krasser", erklärte Walter Hell am Ende einer Gerichtsverhandlung, bei der es um 415 Gramm Marihuana ging. Die nicht geringe Menge Rauschmittel, verpackt in einen Rucksack, versuchten vier Männer aus Aichach einem Drogendealer abzunehmen. Einer der Männer, ein 22-jähriger Kosovare, wurde vom Aichacher Schöffengericht nun zu zwei Jahren und neun Monaten Freiheitsstrafe ohne Bewährung verurteilt.

Den eigentlichen Sachverhalt, der sich im April 2018 zutrug, gab der junge Mann unumwunden zu. Mit einem bekannten Drogendealer vereinbarte er ein Treffen in Friedberg. 415 Gramm Gras sollten hier für einen vereinbarten Preis von 3200 Euro den Besitzer wechseln. Doch wie der Kosovare freimütig einräumte, hätten er und seine Komplizen von Anfang an geplant, den Dealer "abzuziehen", sprich ihm das Betäubungsmittel - ohne Bezahlung - abzunehmen.

Mit dabei bei dem Raubüberfall waren sein älterer Bruder, er wird derzeit per Haftbefehl von der Polizei gesucht, und zwei weitere unbekannte Täter. Über deren Identität schwieg sich der junge Mann beharrlich aus, da es sich um "nähere Verwandte" handle, wie seine Verteidigerin Petra Dittmer dem Gericht erklärte. Mit dem Zug fuhr das Quartett von Aichach nach Friedberg, auf einem Park-and-Ride-Parkplatz sollte die Übergabe stattfinden. Während der Angeklagte versuchte, den Drogenlieferanten an einen abgelegeneren Ort am Ende des Parkplatzes zu lotsen, sprangen plötzlich seine Komplizen aus dem Gebüsch. Einer hatte eine Kapuze auf und ging in Kampfstellung, der andere entriss dem Gras-Dealer den Rucksack und schlug ihm auf den Rücken. Doch der Mann mit dem Marihuana war nicht allein gekommen.

Vater als Begleitschutz gerufen

Als er angegriffen wurde, rief er seinen "Begleitschutz" zu Hilfe: den Vater eines Freundes, der aktuell im Gefängnis einsitzt. Der nicht sehr große, aber durchtrainierte, tätowierte 50-Jährige wurde in Handschellen, bewacht von bewaffneten Polizisten, in den Zeugenstand geführt.

Die "Rückendeckung", wie er sich selbst nannte, machte mit den vier Angreifern kurzen Prozess. Nach eigenen Angaben schlug er einem der Männer kräftig auf die Nase, einen anderen ließ er per Elektroschocker "zappeln".

Das Auftreten des 50-Jährigen machte offenbar Eindruck. "Nachdem ich dazugekommen bin, lief einer auf die Straße und plärrte nach der Polizei", erinnerte sich der Mann und grinste. Als Richter Walter Hell nachfragte, wie es dazu kam, dass er bei einem Drogendeal mit dabei war, und was mit dem Marihuana hinterher passierte, meinte der kahlrasierte Mann abgeklärt: "Ich hab' halt geholfen. Außerdem gehörte das Gras ja mir." Zur näheren Erklärung: Der 50-Jährige stellte dem jüngeren Mann, der den Deal eingefädelt hatte, das Rauschmittel quasi auf Kommissionsbasis zur Verfügung, der Jüngere hätte nach Abschluss des Geschäfts dann einen Anteil bekommen.

Der Jüngere, ein Mann, der in Aichach auch nicht das erste Mal vor Gericht stand und aktuell in der JVA Ebrach einsitzt, erklärte dem Schöffengericht, er kenne den Angeklagten schon länger. Man habe schon einige Geschäfte miteinander gemacht. "Als sie versucht haben, mir den Rucksack abzunehmen, hab' ich gesagt: Wie blöd muss man sein, wenn man jemanden überfällt, den man kennt?", berichtete der Zeuge. Verletzt worden sei er bei dem Überfall nicht, er habe lediglich einen leichten Schlag auf den Rücken abbekommen, gab sich das Beinahe-Raubopfer vor Gericht cool.

"Wir wollten nicht aggressiv vorgehen", behauptete sodann auch der Angeklagte, was ihm Walter Hell allerdings nicht abnahm. "Sie wollen mir erzählen, sie wollten ihm das Marihuana abnehmen, ganz ohne Gewalt?", wunderte sich der Amtsgerichtsdirektor.

Von dem Vorfall im April 2018 erfahren hat die Polizei übrigens durch eine Körperverletzung am Königsplatz in Augsburg. Darin verwickelt war der zwei Jahre ältere Bruder des Angeklagten, nach dem die Polizei derzeit fieberhaft sucht. Nachdem die Beamten das Handy des Verdächtigen sichergestellt hatten, stießen sie auf gespeicherte Nachrichten des Mannes, dabei ging es um einen Raubüberfall.

Bei der Vernehmung rückte der Mann dann mit der Sprache heraus, so kamen die Beamten der Sache auf die Spur.

Vor Gericht gab der Angeklagte zwar an, sein Anteil des erbeuteten Marihuanas sei nur zum Eigenkonsum gedacht gewesen, aber auch das nahmen ihm Richter Walter Hell und die beiden Schöffen nicht ab. Entsprechend stand der Vorwurf des unerlaubten Handeltreibens mit Betäubungsmitteln mit im Raum. Stefanie Dylla forderte zwei Jahre und neun Monate Freiheitsstrafe, auch wenn der "Versuch durch erhebliche Dummheit gekennzeichnet" gewesen sei.

Das Schöffengericht folgte dem Strafmaß der Staatsanwaltschaft. Für wenig überzeugend hielt das Gericht die Beteuerungen des jungen Mannes, er wolle sich bessern. Auch der von der Anwältin des 22-Jährigen vor Prozessbeginn vorgelegte, zwei Tage alte Lehrvertrag zum Maurer machte auf die Richter wenig Eindruck. Hells Schlussworte lauteten: "Dummheit schützt vor Strafe nicht." ( Thomas Winter )
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