Aus für die Geburtshilfestation am Aichacher Krankenhaus: Protest-Post für Söder

Zum Heulen: Die "desaströse Entwicklung bei den Geburtshilfen an bayerischen Kliniken" kritisiert Aichachs Landrat Klaus Metzger. (Foto: goodluz, 123rf.com)

Applaus gab es am Mittwochabend bei der Bürgerversammlung für Klaus Habermanns Ankündigung, das Aus für die Geburtshilfestation am Aichacher Krankenhaus nicht hinnehmen zu wollen. Der Bürgermeister wird nun im ganzen nördlichen Landkreis auf in den Rathäusern ausgelegten Listen Unterschriften sammeln, um weiter politischen Druck aufzubauen. Das wollen alle: Die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen (AsF) plant gemeinsam mit den Hebammen einen offenen Brief an Bayerns Ministerpräsidenten Markus Söder, den möglichst viele Bürger unterzeichnen sollen. An Söder hat sich auch schon SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr gewandt. Von der "desaströsen Entwicklung bei den Geburtshilfen an bayerischen Kliniken" schreibt Landrat Klaus Metzger in seinem Brief an Bayerns Gesundheitsministerin Melanie Huml, der am Donnerstagnachmittag das Blaue Palais in Richtung München verließ.

Dass die Unterschriftensammlung der Stadt zunächst mal nur eine öffentlichkeitswirksame Aktion darstellt, weiß Aichachs Bürgermeister. Auch sein Schrobenhausener Kollege Karlheinz Stephan hatte politischen Druck aufgebaut, die Schließung seines Kreißsaales konnte er damals aber nicht verhindern. Habermann ist derweil optimistisch, dass der "Systemfehler" rund um die Geburtshilfe inzwischen nachhaltig in München angekommen sein müsste. Er setzt auf die neue schwarz-orangene Staatsregierung und ihre Zusagen, die Problematik um die finanzielle Situation der Hebammen in der Geburtshilfe umfassend anzupacken. Erste Unterstützung gab es bereits, "uns hat einfach die Zeit gefehlt", ist Habermann überzeugt.

Doch wie sollen im Falle des Falles auf die Schnelle Hebammen rekrutiert werden? Aichachs Bürgermeister ist überzeugt, dass es engagierte Geburtshelferinnen gibt, die sehr wohl bereit wären, in einer neuen, topmodernen Einrichtung zu arbeiten. Er wisse von Hebammen aus Aichach, die momentan noch andernorts beschäftigt seien.

Der Landkreis strebt mittelfristig eine Kooperation mit dem Klinikum in Augsburg an, das ab 1. Januar Uniklinik wird. Die könnte in Friedberg die Geburtshilfe als Hauptabteilung betreiben, in der fest angestellte Ärzte und Hebammen samt Bereitschaftsdienst rund um die Uhr beschäftigt werden. In der Folge könnte von Friedberg aus die Geburtsstation in Aichach als Außenstelle gestartet werden.

"Wieder einmal zahlt ein Landkreis die Zeche für Versäumnisse"

Zurück zum politischen Druck: Die Aichacher CSU hat Landrat Klaus Metzger zu einem Gespräch gebeten, um die Situation zu erörtern. Die Fakten hatte Metzger eigentlich schon in einer umfangreichen Stellungnahme auf den Tisch gelegt, die an alle Fraktionen des Kreistages ging.

Am Donnerstag nun verfasste der Landrat ein Schreiben an Bayerns Gesundheitsministerin Huml. "Wieder einmal zahlt ein Landkreis die Zeche für Versäumnisse", heißt es darin mit Blick auf "die desaströse Entwicklung bei den Geburtshilfen an bayerischen Kliniken", die nun auch das Wittelsbacher Land mit voller Härte erreicht habe. Das sei ein nicht hinnehmbarer Schlag für die Bürger im Großraum Aichach, "vor allem natürlich für die werdenden Mütter".

Nachvollziehbarerweise sei nicht nur die Bevölkerung schockiert, "sondern sind es auch all diejenigen aus der kommunalen Familie, die seit Jahren versuchen, den Standort Aichach mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln zu halten", so Metzger, der die aktuellen Rahmenbedingungen für Beleghebammen und Belegärzte hinsichtlich Arbeitszeiten, Kostenentwicklung und Verdienstmöglichkeiten kritisiert. Ganz bewusst entscheiden sich inzwischen viele Hebammen gegen die Arbeit im Kreißsaal. Eine Entwicklung, die dringend umgekehrt werden müsse.

Der Landkreischef fordert die Ministerin auf, gemeinsam mit der Bayerischen Staatsregierung unverzüglich und mit allem Nachdruck gegenüber den zuständigen Stellen - Bundesgesundheitsministerium, Krankenkassen, Kassenärztliche Vereinigung - auf eine unmittelbare Veränderung bei den Rahmenbedingungen für Belegärzte und Beleghebammen zu drängen, um entsprechend dem Koalitionsvertrag für die Legislaturperiode des Landtags von 2018 bis 2023 eine wohnortnahe Krankenhausversorgung in der Geburtshilfe auf Dauer sicherzustellen.

Seit Monaten beackern bereits die Arbeitsgemeinschaft sozialdemokratischer Frauen und SPD-Landtagsabgeordnete Simone Strohmayr das Thema. Auch Unterschriften haben sie gesammelt und an Gesundheitsministerin Huml überreicht. Geholfen hat das zwar wenig, doch aufgeben wollen die SPD-Frauen nicht und es nun eine Etage höher probieren. Wie AsF-Ortsvorsitzende Kristina Kolb-Djoka ankündigte, werde ein offener Brief an Ministerpräsident Markus Söder vorbereitet. Unterzeichnen können ihn nächsten Freitag, 30. November, sowie Samstag, 1. Dezember, alle Interessierten jeweils zwischen 10 und 11 Uhr im Café Koch in Aichach. In dieser Zeit werden auch die beiden Hebammen Pia Petrovic und Christina Steinocher anwesend sein und für eine Gesprächsrunde zur Verfügung stehen.

Am Donnerstag hat Simone Strohmayr bereits einen persönlichen Brief an Markus Söder abgeschickt. Die Situation in Aichach sei nur die Spitze des Eisberges und Ergebnis einer Entwicklung, die sich schon lange abgezeichnet habe, heißt es darin. "Es gibt immer weniger Hebammen und Gynäkologen in den Krankenhäusern. Schuld daran sind die geringe Vergütung und im Vergleich dazu die angestiegenen Arbeits- und Haftungskosten", schreibt Strohmayr und bittet dringend um Unterstützung: "Wir müssen die Entbindung vor Ort im Sinne der Frauen und Kinder erhalten."

Im Landtag aktiv werden möchte auch Aichach-Friedbergs frischgebackene Grünen-Landtagsabgeordnete Christina Haubrich. Sie wurde am vergangenen Mittwoch von ihrer Fraktion zur gesundheitspolitischen Sprecherin gewählt. Der Wegfall der Geburtshilfestation in Aichach sei ein enormer Verlust. Das wolle sie so nicht stehen lassen, kündigte Haubrich gestern an. Am Samstag, 24. November, will sie um 11 Uhr im Café Koch in Aichach im Rahmen eines "grünen" Stammtisches Stellung beziehen. (Robert Edler)
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