Friedberg dreht die Zeit zurück

Beim Altstadtfest vom 12. bis 21. Juli können die Besucher historische Kostüme und Gruppen bewundern. Fotos: Stöbich
  Friedberg: Friedberg | Vorbereitungen für das Altstadtfest im Juli laufen schon

Peter Stöbich
Friedberg. Alle Hände voll zu tun haben heute schon die Schneiderinnen rund um Friedberg, denn im Vorfeld des Altstadtfestes wollen sich viele Bürger passend einkleiden. Schnitte für historische Gewänder aus der Zeit von 1680 bis 1780 gibt es in der eigens eingerichteten Stoffstube in der Schmiedgasse 20 in der Nähe der Schule Eisenberg und des Pfarrbüros St. Jakob. Sie ist dienstags von 9 bis 12 sowie freitags von 15 bis 19 Uhr geöffnet und bietet neben Stoffen auch Borten, Spitzen, Haken, Hüte, Ösen und Knöpfe.
Nach einem sogenannten Seelenbeschrieb aus dem 18. Jahrhundert war dem Stand der „5. Class“ nur Leinen und Tuch in Naturfarben gestattet. Doch durfte sie Spitzen und Borten und silberbeschlagene Verzierungen von geringem Gewicht tragen. Das Bild des Stadtfestes macht genau dieses Gewand aus Leinen und Tuch schön, wie es die meisten Frauen des 18. Jahrhunderts trugen und wie es auf den vielen Votivtafeln in Herrgottsruh dargestellt ist.
Historisch gekleidete Bürger im Gewand der Friedberger Zeit haben vom 12. bis 21. Juli freien Eintritt in die Festzone; das gilt allerdings nicht für normale Trachten sowie Mittelalter- oder Faschingskostüme. Denn die Friedberger nehmen ihr Altstadtfest, das alle drei Jahre stattfindet, sehr ernst und begrüßen sich während dieser Zeit mit "Habe die Ehre!"
Das Gewand ist geprägt von der altbayerischen bürgerlichen Mode des 18. Jahrhunderts. Die Frauen tragen entweder Schoßjacken, gefältete Röcke, zur Kirche schwarze Schürzen oder Schnürmieder mit Silberkette und Stecker, Blusen mit spitzenbesetzten Dreiviertelärmeln und Schürzen. Die Männerkleidung besteht aus schwarzer knielanger Hose, weißen, schwarzen oder blauen Strümpfen, Schnallenschuhen, Weste, schwarzem Halsflor, dunklem knielangen Mantel mit Ärmelaufschlägen und Taschen. Münzknöpfe und eine Taschenuhr ergänzen das Gewand. Männer tragen Schaufelhut oder Dreispitz beziehungsweise spezielle Kopfbedeckungen für die einzelnen Berufe.
Die Veranstaltung erinnert an die Blütezeit der einstigen Uhrmacherstadt und wird ein buntes Familienprogramm in der autofreien Innenstadt bieten: Die Besucher erwarten festlich gewandete Bürgersleut, Handwerker, Cordonisten, Gaukler, Musikanten, Nachtwächter, Schützen, Zöllner sowie jede Menge Schmankerl an den Verkaufsständen. Im Mittelpunkt steht das Ziel, alte Gepflogenheiten wieder neu aufleben zu lassen. Dazu tragen unter anderem die Handwerkszünfte bei, die der Stadt im 17. und 18. Jahrhundert zu Wohlstand verholfen haben.
Wähtrend der Festtage bieten die Handwerker interessante Einblicke in traditionelle Arbeitsweisen. So kann man beispielsweise Steinmetzen, Maurern, Druckern, Töpfern, Korbflechtern oder Schuhmachern bei der Arbeit über die Schulter schauen. Beliebt sind auch Besuche in der Baderstube, die ein wohltuendes Bad oder eine Massage beinhalten. Es gibt Gaukler, Komödianten, Spielleute, Zauberer und fahrendes Volk sowie Theatergruppen der Friedberger Schulen.
Vor allem die Einsätze der Stadtwache, die so manchen Delinquenten an den Pranger stellen oder gar mit der Bäckertaufe strafen, sind immer wieder Publikumsmagneten. Die Stadtwache kann als Vorgänger der im 19. Jahrhundert gegründeten Stadtpolizei angesehen werden. Sie hatte aber keine große Bedeutung, musste keine Straftaten ahnden. Es ging eher darum, Störenfriede einzuschüchtern. Der Rat setzte Bürger und Handwerker ein, die im Wechsel verschiedene Aufgaben wahrnahmen, zum Beispiel Einhaltung der Feuerschutzbestimmungen, Sauberhaltung der Straßen, Preisüberwachung bei den Krämern, Handwerkern und Gastwirten, Einhaltung von Maßen und Gewichten, Überwachung der Händler und Bauern bei den Wochen- und Jahrmärkten.
Für ihre Zunftstangen wählten die Handwerker früher Heilige als Patrone aus, deren Leben in Bezug zum jeweiligen Handwerk stand. Im (derzeit geschlossenen) Museum im Wittelsbacher Schloss sind unter anderem die Zunftstangen der Bäcker mit Barbara, der Metzger mit dem Nikolaus und der Schuhmacherzunft mit dem heiligen Crispinus vorhanden. Im sozialen Leben Friedbergs spielte im 18. Jahrhundert der sogenannte Dinzeltag eine bedeutende Rolle; jede Zunft hielt jährlich einen Dinzeltag ab. Der Name kommt von Dingestag, was soviel bedeutet wie Gerichtstag. Es war der Versammlungstag der Handwerksleute, auch der Jahrtag für die Verstorbenen der Zunft.
Es ist die Historientreue, die das Altstadtfest Veranstaltung für viele Besucher besonders interessant macht. Tomate, Zucchini, Aubergine und so weiter müssen draußen bleiben, weil sie zwischen 1670 bis 1780 den Friedbergern noch fremd waren. Auch Donuts oder Popcorn wird man an den Ständen vergeblich suchen.
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