Friedberger Geschichten: Sogar im Bett trugen Frauen Hauben

Jasmine (links) und Viktoria Albrecht bringen die Damen während der „Friedberger Zeit“ stilgerecht unter die Haube. (Foto: Christine Wieser)
 
Der steife Etamin-Stoff gibt der Haube die richtige Form. (Foto: Christine Wieser)
Friedberg: Friedberger Zeit |

Zum historischen Gewand der Friedberger Zeit ist eine Haube verpflichtend. Von Viktoria und Jasmine Albrecht lernen Friedbergerinnen, wie man Hauben aus dem 17. und 18. Jahrhundert stilvoll fertigt. Es ist eine Augenweide, mit welch kunstvoll gestalteten Kopfbedeckungen sich Frauen in der Barockzeit schmückten. Im Juli 2019, während des beliebten Altstadtfestes „Friedberger Zeit“, ist es wieder so weit, dass viele Friedberger Frauen, jung und alt, prächtige Hauben von Mutter und Tochter Albrecht tragen.

„Optisch und in der Passform perfekt“ das sind die Ansprüche, die Viktoria Albrecht und ihre Tochter Jasmine sich selber stellen, wenn es um komplett in Handarbeit gefertigte historische Hauben geht. Jede der kunstvoll ausgeführten Kopfbedeckungen ist ein Unikat. Die Hauben bilden das i-Tüpfelchen zu den prachtvollen Gewändern aus jener längst vergangenen Zeit des 17. und 18. Jahrhunderts. Es ist eine Augenweide, wenn historisch gewandete Bürgerinnen während der „Friedberger Zeit“ vom 12. bis 21. Juli 2019 durch die Festzone, entlang der der bunt geschmückten Stände, wandeln.

Die Kopfbedeckung war für alle Frauen und Mädchen längst vergangener Epoche verpflichtend. Es war einfach so, dass die Frauen nur „behütet“ das Haus verließen. Sogar im Bett trugen sie noch eine Haube. Eine Bürgerin zur Friedberger Zeit, die etwas auf sich hielt, besaß mindestens ein Dutzend Hauben. Zu den Gewändern aus Leinenstoffen trugen sie auch weiße Hauben.

Ab dem zweiten Stadtfest bemühte sich Gabriele Raab, die historische Beraterin der „Friedberger Zeit“, Hauben zu suchen, wie sie wirklich in Friedberg getragen wurden. Sie forschte in Archiven und Museen und schaute die Votivbilder in Herrgottsruh und in den Wallfahrtskirchen des Landkreises genau an. Auch in den Fresken bekannter Barockmaler in Kirchen wurde sie fündig. Nachdem sie auch noch eine Vorlage für die Haube und für die anliegende Schleife entdeckt hatte, wandte sie sich an ihre Schulkameradin und Freundin Viktoria Albrecht.

Viktoria Albrecht war damals die Inhaberin der „Friedberger Hutecke“, die sie insgesamt 30 Jahre lang erfolgreich führte. Dort hatte sie von der Modistin Charlotte Kleiner das Hutmacherhandwerk von der Pike auf gelernt. In langen Versuchen entwickelten nun die beiden Modistinnen die historisch richtige Haube zum Friedberger Gewand. Den breiten Haubenrand aus steifem Etamin-Stoff spannen sie über einen Holzkopf und geben ihm die richtige Form. Darüber wird eine Stoffschicht gezogen. Den im Nacken gefalteten Haubenboden schließt die große, steife Schleife ab. Die Haube wird mit Borten verziert. „Je nachdem, wie ausgeschmückt eine Haube sein soll, sammeln sich bis zur Vollendung der in äußerst präziser Kleinarbeit gefertigten Kopfbedeckungen schon acht bis zehn Stunden an“, informieren Mutter Viktoria und Tochter Jasmine. Der Kaufpreis einer fertigen Haube liegt zwischen 100 und 120 Euro, die Materialkosten sind darin nicht enthalten.

Seither machten und machen sich weiterhin viele Frauen in den stets voll besetzten Haubenkursen von Viktoria und Jasmine Albrecht ans Werk, selbst eine Haube herzustellen. Die Stoffe für die Kopfbedeckung gibt es nach wie vor in der Friedberger Stoffstube zu erwerben.

Stolz präsentiert mir das Duo einige ihrer schönsten Werke, mit denen Friedberger Bürgerinnen im kommenden Jahr wohl so manchen bewundernden Blick auf sich ziehen werden.

In der nächsten Auflage der „Friedberger Zeit“ darf es somit wieder einen Touch glamouröser zugehen. Besonders Frauen mit Stilbewusstsein setzen auf Hauben und Florbänder der beiden Perfektionistinnen. Verziert mit Borten, Perlen, Glassteinen und Silberdrähten schmücken die edlen Accessoires ihre Trägerinnen, ziehen bewundernde Blicke auf sich und bringen Besuchern die ferne Zeit des 18. Jahrhunderts ganz nah. „Das Legen der einzelnen Silberdraht-Schlingen setzt besondere feinmotorische Fähigkeiten voraus“, so Jasmine Albrecht.

Strahlendes Kobaltblau, schimmerndes Türkis, samtiges Schwarz: In unterschiedlichen Farbnuancen und Ausführungen sind die Kleinode während des Festes „Friedberger Zeit“ für all’ die Damen, die sich nicht ans Selberschneidern heranwagen, am Stand mit Hutmacherkunst der Familie Albrecht erhältlich.

Informationen zu den Haubenkursen:

Die aktuellen Haubenkurse der Stadt Friedberg, an 2 Tagen, mit jeweils drei Stunden Dauer, unter Einbezug nötiger Näharbeiten in Hausaufgaben, finden zu folgenden Terminen statt:

Sonntag, 11. + 18.11. 2018
Samstag, 17. + 24.11.2018
Samstag, 1. + 8.12.2018

2019 finden weitere Haubenkurs-Termine statt.


Infos rund um die Stoffstube:

Die Stoffstube ist zu finden in der Schmiedgasse 20, 86316 Friedberg (Nähe der Schule Eisenberg und des Pfarrbüros St. Jakob)
Telefon: 0821/60 02-127, E-Mail: Stoffstube@friedberg.de
Öffnungszeiten: Dienstag von 9 bis 12 Uhr, Freitag von 15 bis 19 Uhr
Dort gibt es drei weitere Hauben zu finden, welche als Muster ausgestellt sind.
Das Angebot der Stoffstube umfasst:
Schnitte für historische Gewänder aus der Zeit von 1680 bis 1780
Stoffe, Borten und Spitzen, Haken, Ösen, Knöpfe, Hüte, Beratung.  
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