JVA Gablingen: Blick hinter Schloss und Riegel

Die Leitende Regierungsdirektorin Zoraida Maldonado de Landauer und der Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes Amtmann im JVD Walter Artmeier.
 
Luftaufnahme der Justizvollzugsanstalt in Gablingen. (Foto: JVA Augsburg-Gablingen)
 
Grundriss der neuen JVA. (Foto: Grafik: JVA Augsburg-Gablingen)
   
Bei der Grundsteinlegung am 28. November 2011 wurde eine Zeitkapsel versenkt. Diese enthielt: eine aktuelle Tageszeitung, historische Handschellen, einen alten Schlüssel, die Baupläne der JVA Augsburg-Gablingen und einen goldenen Ziegelstein gestiftet von der Partnerbehörde aus Innsbruck. (Foto: JVA Augsburg-Gablingen)

Im November 2015 nahm die Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen ihren Betrieb auf und die ersten Gefangenen der JVA Augsburg bezogen die modernere, größere und sicherere Haftanstalt. Grund genug, die JVA Augsburg-Gablingen einmal unseren Lesern vorzustellen. Dafür standen die Leitende Regierungsdirektorin Zoraida Maldonado de Landauer und der Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes Herr Amtmann im JVD Walter Artmeier als Gesprächspartner zur Verfügung. 

Bevor die Justizvollzugsanstalt aus Augsburg raus nach Gablingen gezogen ist, bestand die JVA Augsburg aus der Anstalt I in der Karmelitengasse 12, der Anstalt II in der Hochfeldstraße 28 1/3 und der Jugendarrestanstalt in der Hochfeldstraße 28 1/5. 2015 bezogen die ersten Strafgefangenen ihr neues Quartier in der JVA Augsburg-Gablingen. Wir sprachen mit der Leitenden Regierungsdirektorin Zoraida Maldonado de Landauer und dem Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes Herr Amtmann im JVD Walter Artmeier. Dabei gingen wir den Fragen nach – wie kam es zum Umzug, wer sitzt hier ein, wie sind die Gefangenen hier gelandet, wie sieht der Haftalltag aus und wer betreut die Insassen.

Der Umzug

Da die Anstalt I in der Innenstadt von Augsburg keine Möglichkeit zur Erweiterung bot, die Bausubstanz der Anstalt II mit angegliederter Jugendarrestanstalt marode war und beide Anstalten schon immer überbelegt waren – wurde ein Ausweichsort gesucht. Nach jahrzehntelanger Suche nach einem geeigneten Grundstück wurde im Jahr 1993 ein Grundstück auf dem ehemaligen Flugplatz in Gablingen gefunden. Das sieben Hektar große Areal war dem Freistaat Bayern 1993 zum Kauf angeboten worden.

Nach anfänglichen Widerständen durch die amerikanischen Streitkräfte, die bis Ende 1997 in unmittelbarer Nähe des Grundstücks eine Frühwarnanlage betrieben, wurde schließlich am 16. Dezember 1997 der Kaufvertrag mit dem Freistaat Bayern geschlossen. Für die Leitende Regierungsdirektorin Zoraida Maldonado de Landauer und dem Leiter des Allgemeinen Vollzugsdienstes Walter Artmeier war es entscheidend, dass die Bediensteten der JVA Augsburg, in jedem Planungsstadium für das Neubau projekt intensiv einbezogen waren.

Mit dem Baggerstich am 11. April 2011 als erstem Schritt sowie mit der Grundsteinlegung am 28. November 2011 als zweiten Schritt startete die eigentliche Bauphase. Der rund 105 Millionen Euro teure Bau mit einer Belegungsfähigkeit mit 609 Haftplätzen wurde planmäßig fertiggestellt, sodass nach nur vier Jahren Bauzeit schließlich am 26. Oktober 2015 die neue Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen feierlich von Bayerns Justizminister Professor Winfried Bausback eröffnet werden konnte.

Am 31. Mai 2015 schloss zunächst die Jugendarrestanstalt ihre Pforten. Es folgte ein Probebetrieb der neu erbauten Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen mit Arbeitsaufnahme in den Arbeitsbetrieben sowie im Küchenbetrieb. Anschließend wurde im November 2015 die Teilanstalt II, nach dem Umzug der Gefangenen in die neue Anstalt in Gablingen, geschlossen. Die Insassen aus der Karmelitengasse folgten am 23. Februar 2016 nach und anschließend wurde auch die Anstalt I geschlossen.

Wer sitzt in Gablingen ein?

Die Justizvollzugsanstalt Augsburg-Gablingen ist für den Vollzug der Untersuchungshaft an männlichen erwachsenen Gefangenen aus den Amtsgerichtsbezirken Aichach, Augsburg, Dillingen/Donau, Landsberg am Lech und Nördlingen sowie aus den Amtsgerichtsbezirken Ingolstadt, Neuburg/Donau und Pfaffenhofen zuständig. Des Weiteren sitzen hier erwachsene männliche Gefangene im Erstvollzug (erste Haftstrafe) aus den Amtsgerichtsbezirken Augsburg, Dillingen/Donau und Nördlingen ein, die mit einer Freiheitsstrafe von maximal fünf Jahren sowie aus dem Amtsgerichtsbezirk Neuburg/Donau bis zu einer Freiheitsstrafe von einem Jahr verurteilt wurden. Zudem ist Gablingen zuständig für den Vollzug von Strafhaft an erwachsenen männlichen Strafgefangenen im Erstvollzug mit einer Haftdauer bis zu einem Jahr, die wegen Delikten gegen das Ausländergesetz verurteilt wurden, aus den Amtsgerichtsbezirken Laufen und Rosenheim. Das heißt, die richtigen Schwerverbrecher und Serienstraftäter sitzen in Justizvollzugsanstalten wie Kaisheim oder Stadelheim ein.

Die JVA Augsburg-Gablingen verfügt über eine Belegungsfähigkeit von 609 Haftplätzen. Aktuell verbüßen hier (Stand Ende April 2018) 573 Insassen ihre Strafe. Im bisherigen Jahresverlauf waren in Gablingen durchschnittlich 620 Gefangene untergebracht. Dazu wurden zusätzliche Betten in den Hafträumen aufgestellt. Die bisher höchste Insassenzahl lag bei 638. Im Vergleich dazu hatte die alte JVA Augsburg eine Belegungsfähigkeit mit 246 (386 war der höchste Stand). Von den 573 Gefangenen sind 60 Prozent Ausländer, weitere 15 Prozent haben einen Migrationshintergrund. Diese hohe Zahl an Nichtdeutschen und Insassen mit Migrationshintergrund erklärt sich zumindest teilweise mit der Bevölkerungsstruktur der Region Augsburg, die über einen sehr hohen Ausländeranteil und Menschen mit Migrationshintergrund verfügt. Einen großen Anteil machen auch Gefangene aus, die aufgrund von Verstößen gegen das Ausländerrecht inhaftiert wurden – also Straftaten, gegen die ein Deutscher nicht verstoßen kann. Zur Wahrheit gehört für Zoraida Maldonado de Landauer und Walter Artmeier aber auch, dass viele gezielt nach Deutschland kommen, um Straftaten zu begehen oder aufgrund von schlechter Bildung und geringen Chancen auf dem Arbeitsmarkt kriminell werden. Die jährlich veröffentlichten Kriminalitätsstatistiken bestätigen diese Aussagen.

„Die Entlassungsvorbereitung beginnt mit Haftantritt“

Bevor ein Straftäter in der JVA Augsburg-Gablingen landet, muss zuerst einmal ein Straftatbestand durch einen Richter festgestellt werden. Diese Feststellung mündet in einen Haftbefehl und wird durch Polizeibeamte vollstreckt. Danach entscheidet sich, ob Untersuchungshaft angeordnet wird – falls ja wird der Verdächtige, da zu diesem Zeitpunkt noch keine Verurteilung durch ein Gericht erfolgte, in die JVA überstellt. Im anderen Fall bleibt der Verdächtige bis nach dem Urteilsspruch und dem Zeitpunkt des Haftantritts auf freiem Fuß.

Nach der Verkündung des Urteils, das eine Freiheitsstrafe nach sich zieht, wird ein Vollstreckungsplan umgesetzt. Dies führt zur Überstellung des Verurteilten in die Justizvollzugsanstalt. Nach seiner Aufnahme wird der Verurteilte erkennungsdienstlich behandelt, das heißt er wird gewogen, gemessen, Fingerabdrücke genommen, körperliche Merkmale werden verzeichnet, Fotos erstellt und es findet eine medizinische Untersuchung statt.

Im Anschluss erhält der Gefangene seine Anstaltskleidung und seinen Vollzugsplan. Zur Erstellung des Vollzugsplans erfolgt in persönlichen Gesprächen eine Bewertung und Einschätzung des Betroffenen. Dabei wird die Straftat analysiert, das persönliche Umfeld durchleuchtet und Ursachenforschung betrieben. Für Artmeier beginnt die Entlassungsvorbereitung am ersten Tag in der JVA. Zur Bewertung gehört auch die Einschätzung, ob Maßnahmen wie eine Drogen- oder Alkoholtherapie, eine Schuldnerberatung, ein Sprachkurs oder eine Ausbildung erforderlich sind. Für Zoraida Maldonado de Landauer steht der Betreuungscharakter eindeutig im Vordergrund. Der beste Schutz für die Bevölkerung ist eine erfolgreiche Resozialisierung. Dafür ist jedoch die Mitarbeit des Gefangenen erforderlich.

Haftalltag in der JVA

Der Haftalltag beginnt mit dem Wecken um 6 Uhr morgens und der anschließenden Lebendkontrolle (Zählung). Anschließend bereiten die Gefangenen sich ihr eigenes Frühstück zu und nehmen dieses in ihrem Haftraum zu sich. Von Montag bis Freitag, von 7 bis 15 Uhr, sind die Gefangenen im Arbeitseinsatz, denn für sie besteht eine Arbeitspflicht. Die Arbeitszeiten sind dabei angelehnt an den Öffentlichen Dienst. Je nach Qualität der geleisteten Arbeit werden sie in die Vergütungsstufen 1 bis 5 eingeteilt und erhalten einen Stundenlohn zwischen 1,23 und 2,06 Euro die Stunde. Die Vergütung wird zu 4/7 auf ein Sparkonto eingezahlt und dem Gefangenen nach Verbüßung der Haftstrafe ausbezahlt. Den Rest erhalten die Gefangenen zur freien Verfügung. Davon müssen sie all die Dinge bezahlen, die nicht zur Grundversorgung gehören, wie beispielsweise: Rundfunkgebühren (falls sie einen Fernseher in der Zelle haben wollen), Cola, Schokolade oder Tabak. „Das ist der Grund, warum die Gefangenen arbeiten“, so Maldonado de Landauer.

Ab 15 Uhr steht die Zeit den Gefangenen zur freien Verfügung. Sie haben eine Stunde Hofgang pro Tag. Abendessen ist um 16 Uhr, danach gibt es verschiedene Freizeitangebote. In dieser Zeit können sie sich innerhalb ihres Zellentraktes frei bewegen. Um 21 Uhr findet der Verschluss statt und die Gefangenen werden in ihren Zellen eingeschlossen. Dort können sie fernsehen, musikhören, lesen oder anderen Freizeitangeboten nachgehen, solange sie wollen und solange sie ihre Mitgefangenen nicht stören.

2x 30 Minuten im Monat

Besuch dürfen die Gefangenen im Übrigen maximal 2x30 Minuten oder die 60 Minuten an einem Stück empfangen. Als Besuchsgeschenke sind maximal drei Tafeln Schokolade erlaubt. Auch Geldgeschenke und finanzielle Unterstützung von außen sind nicht möglich. Damit soll die Arbeitsmotivation aufrecht erhalten bleiben.

Ausbildung und Betreuung

Diese beiden Bereiche sind die wichtigsten Säulen auf dem Weg der Resozialisierung. Denn die meisten Strafgefangenen verfügen über kein oder nur ein sehr schlechtes Ausbildungsniveau. In der JVA können die Gefangenen den Qualifizierenden Hauptschulabschluss (QA) oder den Realschulabschluss nachholen sowie eine Ausbildung absolvieren. Es gibt zu allen Berufen und Handwerken Ausbildungsmeister – notfalls muss derjenige in eine andere Anstalt verlegt werden. Die Ausbildung, beispielsweise zum Koch oder zum Friseur, erfolgt durch Justizvollzugsbeamte mit entsprechenden Meisterbriefen. Die Insassen arbeiten dann in den anstaltseigenen Betrieben, wie Küche oder Friseurladen. „Eine gute Bildung und Ausbildung sowie ein Job verringern die Gefahr, dass jemand eine Straftat begeht, drastisch“, so Artmeier.
Die Betreuung der Gefangenen durch Psychologen, Sozialarbeiter, Pfarrer und andere Spezialisten ist ebenso wichtig. Durch die Arbeit der Betreuer sollen Drogen- und Alkoholsucht bekämpft werden, die Neigung zu Gewalt und Aggression therapiert werden und es findet eine Seelsorge statt, sofern dies gewünscht wird.

Insassen als Spiegel der Gesellschaft

Für Zoraida Maldonado de Landauer und Walter Artmeier ist das Verhalten der Gefangenen untereinander in der JVA ein Spiegel der Gesellschaft draußen. Es ist ein permanentes hohes Gewaltpotential vorhanden, Konflikte werden nicht mehr mit Worten gelöst, sondern nur noch mit den Fäusten. Es gibt immer mehr Schlägereien, die organisierte Kriminalität nimmt zu und es ist eine der primären Aufgaben der Justizvollzugsbeamten, die Insassen voreinander zu schützen. Zur Vermeidung der Konflikte wurde es nötig, dass die Gefangenen im Kühlschrank und in den Zellen zum Schutz vor Diebstahl abschließbare Fächer erhielten. Die Einführung der Einzelzellen, die mit dem Umzug in die JVA Gablingen stattfand, half nach Ansicht der beiden die Konflikte zu reduzieren. Trotz der Verrohung der Sitten, gab es bisher keine Übergriffe auf Justizvollzugsbeamte. Einen erfolgreichen Ausbruch gab es aus der JVA Gablingen bisher auch nicht – und bayernweit seit fünf Jahren nicht.

„Für uns wird zu wenig getan“

Das empfinden Anstaltsleiterin Zoraida Maldonado de Landauer und JVA-Amtmann Walter Artmeier jedenfalls so. Je mehr Polizisten eingestellt werden, desto höher ist die Aufklärungsquote bei Straftaten. Eine höhere Aufklärungsquote führt zu mehr Gefangenen. Mehr Insassen führen zu einer stärkeren Belegung der Justizvollzugsanstalten. Maldonado de Landauer und Artmeier kritisieren nicht die höhere Aufklärungsquote, sondern sie fordern mehr Personal bei den Strafvollzugsbehörden, denn hier fanden keine Neueinstellungen statt. So kommen auf jeden Justizvollzugsbeamten immer mehr Einsitzende. Darunter leiden die Aufsichtspflicht und die Betreuung.

Ein weiteres Problem sind die Ersatzfreiheitsstrafen, die wegen Nichtbezahlung von Bußgeldern verhängt werden. Ihrer Meinung nach sind die Kosten höher als der Nutzen. Jeder Gefangene kostet das Justizsystem in Bayern 107 Euro pro Tag. Dem gegenüber stehen oftmals Bußgeldtagessätze von zehn oder zwanzig Euro. Die Zahl derer, die aus diesen Gründen inhaftiert werden, ist in den vergangenen Jahren stark angestiegen und führt zu einer zusätzlichen personellen und finanziellen Belastung für die Strafvollzugsbehörden.


Rückblick auf Anstalt I und II

Die Anstalt I wurde auf dem östlichen Teil der alten Römersiedlung, zunächst als Klostergründung errichtet. Nach Mediatisierung der Reichsstadt Augsburg wurde ein Gebäude, das bereits 1521 als Kornspeicher bezeichnet wurde, vom Bayerischen Staat im Jahre 1814 für Zwecke des Strafvollzugs erworben. Das Gebäude wurde 1817 zur sogenannten Eisenfronfeste ausgebaut. 1968 kam ein Neubau hinzu, in dem unter anderem die Zugangs- und Transportabteilung sowie die Kammer und der Einkaufsraum untergebracht waren. Auf dem Gelände der Anstalt I befand sich auch die historische Severins-Kapelle. Die Anstalt I hatte zuletzt eine Belegungsfähigkeit von 144 Haftplätzen. Ihren Höchststand verzeichnete sie am 18. Januar 2006 mit 378 Gefangenen.

Die Anstalt II lag im Bereich der ehemaligen Prinz-Karl-Kaserne. 1945 errichtet; diente zunächst dem Vollzug von Untersuchungs- und Strafhaft an weiblichen Gefangenen.

Bei dem Gebäude der ehemaligen Jugendarrestanstalt handelt es sich um die ehemalige Militär-Arrestanstalt der früheren Prinz-Karl-Kaserne. Das Gebäude ging nach Kriegsende an die Justizverwaltung über.
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