Gericht spricht Urteil im Fall des Gersthofer Messer-Stechers

Der 18-jährige Angeklagte mit seinem Verteidiger Moritz Bode. Foto: Alfred Haas

Drei Männern hat der Täter in einer Gersthofer Diskothek Stichwunden zugefügt. Ob er tatsächlich mit einem Messer oder doch mit einer Glasscherbe auf die Opfer einstach, da war sich das Landgericht im Laufe der Verhandlung nicht sicher. Ein Urteil ist nun dennoch gefallen.

Zu fünf Jahren und drei Monaten Haft verurteilte die Jugendkammer am Landgericht Augsburg am Donnerstag einen 18-Jährigen wegen versuchten Totschlags. Außerdem muss der Angeklagte seinem Opfer 2500 Euro Schmerzensgeld zahlen. Damit kam der Albaner noch mit einem blauen Auge davon. Immerhin musste er sich ursprünglich wegen versuchten Mordes verantworten. Letztendlich ließ die Kammer diesen Vorwurf jedoch fallen. "Es gibt keine stichhaltigen Hinweise, die dafür sprechen", betonte Vorsitzender Richter Lenart Hoesch.

Im Juni vorigen Jahres kam es in einer Gersthofer Disco zu einer blutigen Auseinandersetzung. Dabei soll der abgelehnte Asylbewerber drei Männer schwer verletzt haben. Staatsanwältin Martina Neuhierl ging zunächst von einem Jagdmesser aus. Wie der Münchner Gerichtsmediziner Professor Randolph Penning in seinem Gutachten jedoch erläuterte, handle es sich bei der Tatwaffe eher um eine Glasscherbe. Ein Messer, das im Raum stand, wurde nirgends gefunden.

Ferner beantragte die Staatsanwältin, das Verfahren gegen einen 30-jährigen Fensterbauer aus Bayreuth und gegen einen 27-jährigen Gerüstbauer aus Krumbach einzustellen. Der eine wurde am Hals, der andere am Rücken verletzt. Der Antrag erfolgte auf Anregung der Kammer. "Bei der Tatphase gab es ein großes Wirrwarr und die Zeugen mauerten", begründete Hoesch. "Notwehr kann nicht ausgeschlossen werden", betonte der Vorsitzende Richter. Übrig blieb der Angriff auf einen 29 Jahre alten Maurer aus Krumbach. Der verlor nicht nur das Bewusstsein, sondern auch fast drei Liter Blut. "Nur durch das schnelle Eingreifen der Rettungskräfte konnte sein Leben gerettet werden", war Martina Neuhierl überzeugt.

Das Opfer erlitt eine zwei Zentimeter lange Schnittwunde an der rechten Wange. Psychisch leide er immer noch unter der Tat, beim Kauen habe er bleibende Probleme, und er meide seither größere Menschenmengen, was die Anklage dem 18-Jährigen schwer ankreidete. Zudem monierte die Staatsanwältin, dass der Angeklagte "sehr auf seine eigene Opferrolle fokussiert" gewesen sei. Dass der 18-Jährige bei der Streiterei selbst "massiv getreten und geschlagen" wurde, als er schon am Boden lag, hielt ihm das Gericht dagegen zugute.

Nach Anhörung der Gutachter Penning und Dr. Richard Gruber ging aber auch die Staatsanwaltschaft nicht mehr von versuchtem Mord aus. Wegen versuchten Totschlags, er habe den Tod des 29-Jährigen billigend in Kauf genommen, forderte die Staatsanwältin eine Jugendstrafe von sechs Jahren

Vertreter der Nebenklage: Mordmerkmal "Heimtücke" gegeben

Der Vertreter der Nebenklage Felix Dimpfl, der den 29-jährigen Maurer vertritt, beharrte dagegen auf einer Verurteilung wegen versuchten Mordes. Er sah das Mordmerkmal "Heimtücke" als gegeben an. Sechs Jahre seien im Übrigen viel zu wenig. "Wenn er die Hälfte abgesessen hat, kommt er frei. Mit Anrechnung der Untersuchungshaft ist das nicht mehr lange." Er forderte 5000 Euro Schmerzensgeld für seinen Mandanten.

Verteidiger Moritz Bode hob hervor, dass sein Mandant von Anfang an geständig gewesen sei. Schon bei der Polizei sei er kooperativ gewesen. "Bei der Albaner-Party war ohnehin ein großes Gewaltpotenzial vorhanden", ließ Bode keine Zweifel aufkommen. Bode sah drei Jahre Haft als ausreichend an.

"Heimtücke wäre gewesen, wenn der Angeklagte tatsächlich ein Messer gehabt hätte. Aber er hat eine Glasscherbe aufgehoben, die am Boden lag. Da kann man nicht von Vorsatz ausgehen", kam der Vorsitzende Richter Lenart Hoesch auf die Nebenklage zurück.

Staatsanwältin und Verteidiger nahem das Urteil noch im Gerichtssaal an. Wenn der 18-Jährige zwei Drittel seiner Strafe verbüßt hat, droht ihm die Abschiebung nach Albanien. (Von Alfred Haas)
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