400 Jobs in Gefahr: Gersthofer Backbetriebe eröffnen Insolvenzverfahren

Die Gersthofer Backbetriebe, in Augsburg vor allem durch die Lechbäck-Filialen bekannt, haben das Insolvenzverfahren eröffnet.

Gersthofen - Ausgerechnet in der Weihnachtszeit erreicht die rund 400 Beschäftigten der Gersthofer Backbetriebe (Lechbäck) nun die Hiobsbotschaft: Über ihren Arbeitgeber wurde das Insolvenzverfahren eröffnet.

Am Montag gab es eine Betriebsversammlung an der Siemensstraße. Auf dieser teilte die Geschäftsführung der Belegschaft mit, dass das Insolvenzverfahren eröffnet wurde.

Noch 2013 schien alles in Butter. Die Großbäckerei mit 400 Mitarbeitern meldete einen Umsatz von 35 Millionen Euro.

Die Lechbäckfilialen sind dabei nicht der Hauptakteur. Rund 95 Prozent der täglich rund 400 000 hergestellten Artikel, frische und vorgebackene Ware, gehen an Lebensmittelhändler. Ein Hauptabnehmer der Frischware wie etwa Schnittbrot ist Aldi. Der Discounter stellt jedoch wie viele seiner Konkurrenten sukzessive auf Tiefkühlprodukte um, die in Filialen aufgebacken werden.

Ende 2014 verkauften die Gründerfamilien die Gersthofer Backbetriebe GmbH an die Serafin Unternehmensgruppe GmbH, München. Serafin ist eine vielfältig aufgestellter Konzern, der mit 2500 Mitarbeitern einen Jahresumsatz von etwa 410 Millionen Euro erwirtschaftet. Es wird hauptsächlich in mittelständische Unternehmen investiert, die an sich gesund sind und weiterentwickelt werden können. Hinter Serafin steht als Hauptgesellschafter die Augsburger Unternehmerfamilie Haindl. Diese verkaufte die bekannte Papierfabrik 2001 an UPM. Philipp Haindl ist Geschäftsführer der Serafin-Gruppe.

Firma geriet bereits im Sommer in die Schlagzeilen

Schon das ganze Jahr über verdichteten sich die Wolken über den Backbetrieben. Im Februar wurde die tariflich festgelegte Lohnerhöhung nicht umgesetzt. Das Unternehmen wollte, wie es damals hieß, zusätzliche Lohnkosten von 700 000 Euro vermeiden. "Wo bleibt die soziale Tradition der Familie Haindl?", fragte Tim Lubecki, Sekretär der Gewerkschaft Nahrung, Genuss, Gaststätten (NGG). Er warf Serafin vor, die Mitarbeiter müssten für "unternehmerische Fehlentscheidungen" büßen.

Im Sommer geriet die Firma in die Schlagzeilen, als Mobbingvorwürfe gegen eine Personalleiterin das Arbeitsgericht beschäftigten und die NGG den Prozess für eine Kundgebung nutzte. Es lief auf einen Vergleich hinaus, zumal rund zwei Drittel der Lechbäck-Verkäuferinnen sich mittels Unterschriftenliste solidarisch mit der Chefin zeigten. Aufgrund der Negativschlagzeilen soll jedoch ein Großkunde der Backbetriebe abgesprungen sein.

Im September allerdings schien ein Hoffnungsschimmer aufzuflackern: Die Backbetriebe versuchten mittels Schutzschirmverfahren am Amtsgericht München, die Arbeitsplätze zu sichern. Ein Schutzschirmverfahren ist ein gerichtliches Sanierungsverfahren mit dem Ziel, ein Unternehmen möglichst zu erhalten. Die Geschäftsführung bleibt dabei in Position, wird jedoch von einem vom Gericht bestellten Experten begleitet.

400 Beschäftigte dürfen nicht auf Abfindungen hoffen

Bei der Übernahme durch Serafin wurde damals versprochen, dass die Backbetriebe als eigenständiges Unternehmen am Standort Gersthofen weitergeführt werden sollten. 2015 wurden hohe Kredite aufgenommen. Bei der Jahresbilanz 2017 wurde dann von einer halben Million Euro Verlust gesprochen. Auch heuer soll es ein Minus geben, für 2019 wird angeblich kein Wunder erwartet. Zudem drücken laut Gewerkschaft die Zinsen.

Die NGG beklagt nun, die Backbetriebe "nach grade mal vier Jahren in die Insolvenz laufen zu lassen", decke sich nicht mit dem von Serafin propagierten Selbstverständnis. Notwendige Investitionen, wie etwa in einen neuen Hallenboden, seien unterblieben. Zudem wird kritisiert, man habe es verschlafen, auf das neue Aldi-Modell zu reagieren. Dieses sei bereits beim Verkauf der Backbetriebe bekannt gewesen. Die Backbetriebe suchten allerdings verstärkt nach neuen Abnehmern wie Kantinen und Kliniken.

Die 400 Beschäftigten haben natürlich Angst vor der Arbeitslosigkeit. Auch auf Abfindungen dürfen sie nicht hoffen. Im Insolvenzverfahren sind zwar die Löhne für drei Monate gesichert, als Abfindung werden aber auch langjährigen Angestellten lediglich zweieinhalb Monatsgehälter gezahlt. Zumal es noch andere Gläubiger gibt, appelliert Tim Lubecki an Serafin, "der Verantwortung gerecht zu werden und die 400 Beschäftigten und ihre Familien nicht im Regen stehen zu lassen."

Zunächst soll normal weiterproduziert werden. In die Beratungen, wie es weitergehen soll, sind auch Betriebsrat und Gewerkschaft eingebunden.
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