Eine Gedenkstätte gegen Kindergewalt

Bei der Einweihung der Gedenkstätte gegen Kindergewalt in Gersthofen waren neben der Vorsitzenden des Opferschutzvereins, Gabriele Schmidthals-Pluta (Zweite von links), auch Angehörige von Mordopfern anwesend: (von links) Ramona und Erich Gilg aus Gersthofen sowie Anette und Detlef Lehmann aus Göttingen. Foto: Verein Sicheres Leben
 
Schulkinder ließen bei der Einweihungsfeier als Geste des Miteinanders Luftballons in den Himmel steigen. Foto: Verein Sicheres Leben

Nun ist die Stadt Gersthofen auf einer Linie mit Metropolen wie Amsterdam, Madrid und London. Anlass dazu ist die Einweihung der Gedenkstätte für getötete, misshandelte, missbrauchte und vermisste Kinder. Auch die genannten Großstädte weisen ähnliche Opfermonumente auf. Zu dem Festakt im Freien in unmittelbarer Nähe zur Kapelle der Kolpingfamilie an der Berliner Straße in Gersthofen kamen rund 200 Gäste. Unter ihnen waren auch Angehörige und Hinterbliebene von Mordopfern.

Die Redner - viele reisten aus dem gesamten Bundesgebiet an - verurteilten einhellig die Gewalt an den Schwächsten der Gesellschaft. Sie verwiesen darauf, dass in Deutschland Kinder und Jugendliche in allen Bevölkerungsschichten täglich sexuell missbraucht und misshandelt werden. „Die Opfer erleiden Höllenqualen und nicht selten werden ihre Signale falsch gedeutet“, machte Werner Ostermöller aufmerksam.
Experten verweisen darauf, dass die Dunkelziffer weitaus höher ist als die jährlich ermittelte Zahl von Kindesmissbrauch und die Übergriffe überwiegend im sozialen Umfeld des Kindes , also Familie, Verwandte, Freunde und Bekannte, stattfinden. Untersuchungen haben ergeben: Jedes fünfte Mädchen und etwa jeder zehnte Junge werden missbraucht oder misshandelt. Hinzu kommen die zahlreichen Todesopfer. Allein in Bayern seien im letzten Jahr 26, in ganz Deutschland 143 Kinder ermordet worden, verdeutlichte die Vorsitzende des Gersthofer Opferschutzvereins Sicheres Leben, Gabriele Schmidthals Pluta.
Bei der Einweihungsfeier regte sich aber auch Kritik an der Politik. Es wäre möglich, dieses Leid zu minimieren, meinte der Duisburger Kinder- und Jugendarzt Ralf Kownatzki. Er sprach sich in seiner Rede für eine gesetzliche Regelung aus, die Ärzten ermöglicht, sich anders als bisher, über ihre Befunde bei Verdachtsfällen von Misshandlung gegenseitig informieren zu können. Bisher sei dies nicht möglich, weil strafbar, betonte er und forderte die Politiker auf, sich für eine bundesweite Risikokinderdatei einzusetzen. Dann würde manches Kindesleid früher erkannt, resümierte er.

Ein Ort der Trauer, des Schmerzes und der Wut

Der vom Kemptener Steinmetz Thilo Probst geschaffene Gedenkstein soll in erster Linie die Bevölkerung wachrütteln. Er ist aber noch weit mehr: „Hier können Betroffene und Hinterbliebene ihren Schmerz und ihre Trauer, ihre verlorene Kindheit und die Wut über die bleibenden Wunden ablegen“, erläuterte Schmidthals-Pluta. Hinterbliebene wie Romana und Erich Gilg aus Gersthofen, deren zwölfjährige Tochter Vanessa 2002 mit unzähligen Messerstichen getötet wurde, oder Anette und Detlef Lehmann aus Göttingen. Ihre 17-jährige Tochter Denise wurde mit schweren Kopfverletzungen tot aufgefunden.
Gesegnet wurde die Gedenkstätte im Rahmen einer sehr bewegenden Feier von Pfarrer Ralf Gössl und Dekan Stefan Blumtritt. Kinder der Gesthofer Goethe-, Franziskus- und Musikschule sowie Klaus Jansen und Barbara Seiler untermalten sie mit gefühlvollen Liedern. Als symbolisches Zeichen des Miteinanders zwischen Opfer und Hinterbliebene ließen die Kinder herzförmige Luftballons in den Himmel steigen.
Mit der Einweihung der Gedenkstätte sei der Kampf des Opferschutzbundes Sicheres Leben allerdings längst nicht beendet, so Gabriele Schmidthals-Pluta. Sie richtete an die Bevölkerung erneut den Appell, Kindergewalt nicht zu tabuisieren. Ihr Verein werde weiterhin gegen Kindesleid kämpfen. (pm)
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