Gersthofer Geschichten: Wo mein Rucksack geboren wurde

In der Deuter-Unternehmenszentrale in Gersthofen hatten ein paar kreative Köpfe die Idee zu meinem Rucksack – und natürlich zu unzähligen Rucksäcken mehr.
 
Hans Deuter gründete im Jahr 1898 die „Mechanische Segeltuch- und Leinenweberei“ in Augsburg-Oberhausen. (Foto: Deuter)
 
Jahrelang hat mir mein olivgrüner Freund treu gedient, bis er sich nicht nur ein Loch, sondern auch einen Riss zuzog. Ich wollte ihm eine „zweite Chance“ geben.
 
Am Anfang ist alles erst einmal eine Idee, so wie sie die Produktdesigner in Gersthofen haben. Sie fertigen dann eine Skizze und schicken diese zum Produktmanager nach Saigon.

Mein treuer olivgrüner Begleiter ist jetzt immerhin „schon“ acht Jahre alt und darf doch das eine oder andere Wehwehchen haben. Schließlich hat er mich bei meinen verschiedenen Bergtouren begleitet und dabei sogar allerhand an Gewicht für mich mitgetragen. Auch während meines zweimonatigen Trips in Afrika war er stets an meiner Seite beziehungsweise auf meinem Rücken. Hier hat es ihn dann das erste Mal erwischt, als ich in Namibia auf einem kleinen Berg stolperte und diesen auf dem Hintern hinunterrutschte. Das erste Loch!



Bei diesem ersten Loch, das mein Bruder ganz „professionell“ mit Panzertape „reparierte“, sollte es nicht bleiben. Bei einer kleinen Tour machte es „ratsch“ und die Aluminiumstange in Höhe des Nackens bohrte sich durch den Stoff. Und dennoch: mein Begleiter hielt stand und trug auch weiterhin fleißig meine Ausrüstung, Brotzeit und mein Gipfelberg-Radler. Mein treuer Freund: Mein olivgrüner Deuter-Rucksack. Ihm wollte ich nun etwas Gutes tun, schließlich hatte er mir über die Jahre hinweg immer gute Dienste geleistet.

Und so schnappte ich mir meinen Rucksack und machte mich auf nach Gersthofen zum seit 1997 bestehenden Deuter-Werk, seiner Geburtsstätte. Jetzt wollte ich es aber ganz genau wissen und folgte Angela Vögele, der PR-Managerin, und dem Auszubildenden Moritz durch das „Obstkörbchen“. Obstkörbchen deshalb, weil sich die Mitarbeiter, die ein Mitspracherecht bei der Planung hatten, für das futuristische Gebäude entschieden, das eben wie ein solches aussieht.

Pamir-Expedition 1928

Im Eingangsbereich erfuhr ich zunächst anhand von verschiedenen an den Wänden hängenden Bildern und Rucksäcken alles zur Geschichte von Deuter. Zum Beispiel, dass Hans Deuter im Jahr 1898 die „Mechanische Segeltuch- und Leinenweberei“ in Augsburg-Oberhausen gründete und das Werk schon bald die königlich-bayrische Post mit dem Gesamtbedarf an Briefbeuteln und Säcken belieferte oder dass die ersten Großkunden Pferde des Heeres mit Deuter-Satteltaschen waren.

Auch wurden namhafte Expeditionen mit Deuter durchgeführt. Dazu gehört zum Beispiel die große Pamir-Expedition des Hochgebirgsforschers Willi Rickmer im Jahr 1928, der Deuter-Rucksäcke, -Tragesäcke, -Planen und -Zelte dabei hatte oder die Nanga Parbat-Expedition, bei welcher sich erstmals TAUERN-Rucksäcke bewährt hatten. Vom 22. bis 24. Juli 1938 durchstieg Bergsteiger und Alpinist Anderl Heckmair erstmals die Eiger Nordwand und war ausgerüstet mit einem Deuter-Rucksack und auch Hermann Buhl trug 1953 auf seinem berühmten Alleingang der Erstbesteigung des Nanga Parbat (8.125m) einen TAUERN-Rucksack. Außerdem stieg im August 1990 Andi Heckmair auf sein Rad, um vier Tage, zehn Pässe, 315 Kilometer und 11.000 Höhenmeter später den Alpencross erfunden zu haben – und nebenbei den Bike-Rucksack.

Ich war beeindruckt ... auch von der Tatsache, dass Deuter seit vielen Jahren Marktführer in Deutschland im Bereich Funktionsrucksäcke ist oder 2001 die Tochterfirma „Deuter USA“ gegründet hatte. Schon damals war das Unternehmen in 28 Ländern vertreten und wurde im Jahr 2006 von der Schwan Stabilo Gruppe übernommen. Es hätte noch so viel Interessantes mehr zu lesen gegeben, aber es wär nicht genug Zeit. (Alles zur Geschichte: www.deuter.com)

Duke, der neue Partner

Wir marschierten weiter nach oben, zu den schicken, ganz individuell und kreativ eingerichteten, Büros mit vielen fleißigen Mitarbeitern, die uns freundlich anlächelten und grüßten. Sie hatten sich also meinen Rucksack ausgedacht. Bevor er geboren wurde, war er erst einmal eine Idee – so wie jeder der innovativen Deuter-Rucksäcke. Die Produktdesigner in Gersthofen hatten damals zunächst eine Skizze von ihm am Computer angefertigt und diese dann zum Werk nach Saigon in Vietnam geschickt. Ja, Vietnam. Diesen neuen Partner „Duke“ hatte Deuter 1994 gefunden, weil sich die aufwändigen und technisch hochwertigen Nähprodukte in Deutschland nicht mehr zu marktgerechten Preisen herstellen ließen. Damals begann alles mit 35 Nähmaschinen, inzwischen ist dort eine hochspezialisierte Rucksackmanufaktur mit 5400 Mitarbeitern, die exklusiv alle Rucksäcke und Accessoires von Deuter produziert.

Wenn einige jetzt vielleicht aufschreien wollen, weil die Rucksäcke nicht in Deutschland und wahrscheinlich unter schlechten Arbeitsbedingungen gefertigt werden, so sei ganz kurz erwähnt: Deuter wurde 2006 Gründungsmitglied der European Outdoor Conservation Association. Das ist eine gemeinnützige Organisation der europäischen Outdoorindustrie, die Naturschutzprojekte auf der ganzen Welt unterstützt. 2008 wurde Deuter außerdem blue-sign®-Systempartner, dem weltweit strengsten Standard für Umweltschutz, Arbeitssicherheit und Verbraucherschutz. Gemeinsam arbeitet man an der Verbesserung der Herstellungsprozesse. Zudem wurde Deuter 2011 Mitglied bei der Fair Wear Foundation (FWF). Als Mitglied der unabhängigen Initiative, die sich für hohe Arbeits- und Sozialstandards einsetzt, werden systematisch die Arbeitsbedingungen bei den Produktionspartnern in Asien und dem Firmensitz in Gersthofen überprüft.

In Vietnam jedenfalls analysierte der Produktmanager die Idee und ließ dann Schnittmuster anfertigen. Anschließend produzierte die Musternäherei einen Prototyp und testete die Funktionalität. Dann wurde der finale Prototyp gebaut und nach Gersthofen übergeben. Während eines solchen Entwicklungsprozesses besprechen sich die Designer und Konstrukteure, um den Prototyp weiter zu perfektionieren. Das passiert in einem riesigen Büro mit einem großen Holztisch, den vielen rollenden Regalen voll mit verschiedenen Rucksäcken und einer gefühlt nicht endend wollenden kunterbunten Wand mit Stoffmustern. Hier darf jeder seine Ideen einbringen.

Kleine Details, große Wirkung

Da kleine Details oft eine große Wirkung haben können, werden die Rucksäcke, also auch mein olivgrüner, erst einmal getestet. Und das sind richtig harte Praxistests durch Bergsportprofis, denn seit 1988 nehmen Alpinisten, Bergführer und Radsportler direkt Einfluss auf die Kollektion. So waren beispielsweise die geprüften Bergführer Pepi Stückl und Peter Vogler Mitglieder des Entwicklungsteams. Bernd Kullmann, ein hervorragender Allroundbergsteiger, Produktmanager und Verkaufsleiter bei Deuter ist heute Markenbotschafter und bringt nach wie vor seine Erfahrungen ins Team mit ein. Gerlinde Kaltenbrunner, weltbekannte Alpinistin und Profi-Bergsteigerin, testet die Produkte und Neuerungen auf ihren Touren und Expeditionen unter extremsten Bedingungen. Sie ist auch enge Mitarbeiterin und technische Beraterin bei Deuter.
Erst nach den Tests, die auch von Mitarbeitern und Auszubildenden durchgeführt werden, sowie den entsprechenden Rückmeldungen, werden die Rucksäcke optimiert und gehen in Serienproduktion. Und trotz der neuesten Produktionstechnik ist der Mensch durch nichts zu ersetzen. Die Gewebebahnen meines Rucksacks wurden also nur zum Teil maschinell genäht, zum Teil per Hand zugeschnitten oder gestanzt.

Ein paar Zahlen zwischendurch: Die rund fünftausend Mitarbeiter, die auf verschiedene Produktionsreihen verteilt sind, fügen bis zu 221 Einzelteile für einen Deuter-Rucksack zusammen. Jede Reihe ist auf einen Produktionsablauf sprich einen Teil eines Rucksackes spezialisiert. So gibt es Reihen für die Hüftgurte, Vorderseiten, Rückseiten, Deckel und Trageriemen. Der Materialaufwand ist beachtlich. Für einen Rucksack werden, je nach Mo-dell, zwei Meter Reißverschlüsse, 14 Meter Gurtband und 3,2 Quadratmeter Nylongewebe verarbeitet.

Da ich und auch alle anderen Deuter-Kunden höchste Qualität erwarten, werden in zwei ersten Qualitätskontrollen Vorder- und Rückenteil, Schnallen, Nähte und Reißverschlüsse ganz genau unter die Lupe genommen. Hier ist der Mensch auch unverzichtbar. Fehlerhafte Bauteile werden von den Mitarbeitern markiert und aussortiert. Diese Zwischenkontrollen garantieren später dann hohe Belastbarkeit und Langlebigkeit.

Erst als alles geprüft und für gut befunden worden war, wurde mein Rucksack fertiggestellt. Die Frauenrucksäcke bekommen natürlich ihre beliebte gelbe Deuter-Blume. Mein Deuter-Rucksack bekam noch eine Bedienungsanleitung sowie Produkterklärung angehängt und wurde dann sorgfältig verpackt. Schließlich sollte er ja unversehrt bei mir ankommen.

Nun startete seine Reise im Container über den Seeweg. In 300 Containern jährlich gelangen Rucksäcke so mittlerweile in mehr als 54 Länder. Meiner kam mit dem Schiff in Hamburg an, fuhr mit dem Zug weiter nach München und von dort mit dem Lkw nach Gersthofen. In der riesigen Halle mit den unzähligen hohen Regalen wurde er vorübergehend gelagert, bis er dann schließlich in den Sportfachhandel ausgeliefert wurde – wo ich ihn entdeckte und mich sofort „verliebte“. Bei mir fand er sein neues Zuhause.

„Zweites Leben“

Und seine zweite Chance bekam er von Eugen, dem Profinäher, der schon in der Ballonfabrik Gersthofen Anzüge für Tornado-Piloten und Rettungssanitäter sowie Zelte für Feuerwehrleute genäht hatte.

Bei Deuter heißt Umweltschutz nämlich auch, nicht wegwerfen, sondern erhalten, weswegen man einen lebenslangen Reparaturservice anbietet. Wie flott und professionell das geht, habe ich mir bei Eugen angeschaut.

Er baute meinem Rucksack erst einmal das Rückenteil heraus, schnitt hier und da etwas Stoff aus, packte ihn in den Schraubstock, hämmerte auf ihm herum und nähte nicht nur gekonnt das Loch am Boden, sondern eben auch den fiesen Riss am Nackenteil. Weil ihm die Schnürung nicht mehr gefiel beziehungsweise diese schon recht verbraucht aussah, schnitt Eugen sie kurzerhand ab und holte aus dem Regal mit den unzähligen Einzelteilen eine neue Kordel samt passendem Kordelstopper. Zufrieden überreichte er mir meinen treuen Begleiter, dem nun irgendwie ein „zweites Leben“ geschenkt wurde.
3
Diesen Autoren gefällt das:
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.