Jumelage et amitié: Nogent-sur-Oise et Gersthofen

Die Väter der Verschwisterung zwischen Nogent-sur-Oise und Gersthofen: die früheren Bürgermeister Georges Lenne (Nogent) und Karl J. Weiß (Gersthofen). Beide wurden später mit einer Ehrenmedaille für Verdienste um die deutsch-französische Verständigung ausgezeichnet. (Foto: Archiv Stadt Gersthofen)
 
Partnerschaftstafel im Nogent-Park in Gersthofen. (Foto: Michael Fendt)
 
Ein Jahr später wurde die Städtepartnerschaft auch im Rathaus von Nogent beim Gegenbesuch ratifiziert. (Foto: Archiv Stadt Gersthofen)
 
Austausch der Karten. (Foto: Archiv Stadt Gersthofen)
 
Das moderne Rathaus von Nogent. (Foto: Michael Fendt)

Städtepartnerschaft und Freundschaft: Nogent-sur-Oise und Gersthofen – so lautet die deutsche Übersetzung des französischen Titels dieser Geschichte. Die Verschwisterung zwischen Gersthofen und der französischen Stadt jährt sich heuer zum 50. Mal. 

Nous célébrons 50 ans de jumelage! – Wir feiern 50 Jahre Nogent – Gersthofen! Zu den diesjährigen Feierlichkeiten zu 50 Jahren Stadterhebung Gersthofen und 50 Jahren Städtepartnerschaft Nogent-Gersthofen wird eine große Delegation mit mehr als 100 Teilnehmern aus Frankreich erwartet, um gemeinsam das Jubiläum zu begehen. Teil der französischen Delegation werden Nogents Bürgermeister Jean-François Dardenne, Mitglieder des Stadtrates und Pierre Birgé (Vereinsvorstand des französischen Freundschaftsvereins) sein. Für die französischen Gäste, die im Übrigen alle privat bei Freunden und Mitgliedern des Vereins Nogent-Gersthofen e.V. untergebracht werden, wird es abgesehen von der Teilnahme an den Feierlichkeiten zur Stadterhebung wieder ein umfangreiches Rahmenprogramm geben. So lässt es sich Bürgermeister Wörle nicht nehmen, die Gäste persönlich durch die Stadt zu führen, im Rathaus wird ein der Partnerstadt gewidmetes Sitzungszimmer eingeweiht und es steht ein Ausflug nach Landsberg auf dem Programm. Ein festlicher Vereinsabend mit typisch deutschem Essen (Spanferkel mit Spätzle, Knödel und Kraut) und Tanz sowie der Festumzug zur Stadterhebung, bei dem auch der Nogent-Verein beteiligt ist, beschließen die Jubiläumstage. Im kommenden Jahr erwartet Nogent-sur-Oise die Gersthofer für einen Gegenbesuch und auch dort wird die Städtepartnerschaft gebührend gefeiert werden.

Wie alles begann

Als eine der ersten Kommunen in Bayern ist Gersthofen im Jahr 1969 anlässlich seiner Stadterhebung eine Partnerschaft mit der französischen Stadt Nogent-sur-Oise eingegangen. Vorausgegangen war seit den 1960er Jahren der Wunsch der Jugend nach einer Partnerstadt. Die Kommune suchte anschließend beim Straßburger Zentralverband europäischer Städte nach einer geeigneten französischen Schwesterstadt.
Etwa zur gleichen Zeit kam im Stadtrat von Nogent-sur-Oise der Wunsch nach einer Partnerstadt auf. Dort wurde im Stadtrat jedoch zunächst heftig darum gerungen, ob es eine englische oder deutsche Partnerstadt sein solle. So kurz nach dem 2. Weltkrieg saßen die Narben der beiden großen Kriege noch tief. Doch die Überwindung der Feindschaft und der gegenseitigen Vorurteile zwischen Deutschen und Franzosen waren die Ziele der Stadtratsfraktion um André Boulleau, die sich am Ende durchsetzen konnte.
Wegen der vergleichbaren Größe und ähnlicher Infrastruktur wurden die beiden suchenden Städte einander vorgeschlagen. Anfang 1969 wurden erste Kontakte geknüpft und der Bürgermeister von Nogent Georges Lenne, Stadtrat André Boulleau sowie drei weitere Stadträte fuhren Anfang April 1969 mit dem Auto nach Gersthofen. Die französischen Gäste wurden damals privat in Familien untergebracht. Eine der aufnehmenden Familien war Familie Gollinger. Kommuniziert wurde mit Händen und Füßen sowie mit ein wenig Übersetzungshilfe durch Antonie Grashei, die mit den Gollingers befreundet war und französisch sprechen konnte. Zur Stadterhebung Gersthofens am 7. Juni 1969 reiste erneut eine Delegation aus Nogent an, um die Verschwisterung perfekt zu machen. Ein Jahr später, am 9. Mai 1970 erfolgte die Ratifizierung in Nogent-sur-Oise.

Nogent-sur-Oise

Nogent-sur-Oise ist eine französische Stadt mit 19595 Einwohnern (Stand 1. Januar 2016) im Département Oise in der Region Hauts-de-France. Sie liegt am Fluss Oise, nahe der Einmündung ihres Nebenflusses Brèche, etwa 50 Kilometer nördlich von Paris. Die Gemeinde war bis zu dessen Auflösung Hauptort des Kantons Creil-Nogent-sur-Oise, seither ist sie Hauptort des 2015 gegründeten Kantons Nogent-sur-Oise. Bis 1906 wurde die Stadt auch Nogent-les-Vierges genannt.

Nogent-Gersthofen e.V.

Zu Beginn wurde die Städtepartnerschaft auf kommunaler Ebene organisiert. Doch schon bald darauf übernahmen es die Bürger auf beiden Seiten selbst, die Beziehungen zu intensivieren. Aus diesem bürgerschaftlichen Engagement entstand neun Jahre nach Gründung der Städtepartnerschaft der Verein „Nogent-Gersthofen e.V.“. Aktuell hat der Verein 170 Mitglieder. Diese setzen sich aktiv für den Erhalt und Ausbau der Freundschaft mit der Schwesterstadt ein. Dazu zählen französisches Sprachtraining, die Teilnahme am städtischen Ferienprogramm mit „Französisch Kochen für Kinder“ und ein aktives Vereinsleben. Seit diesem Jahr gibt es an jedem letzten Donnerstag im Monat einen Stammtisch als festes Treffen. Und beim Stammtisch gibt es viel zu planen und zu erzählen. So organisiert der Verein eine jährlich stattfindende Erwachsenenfahrt. Diese findet im Wechsel statt – in dem einen Jahr trifft man sich in Nogent und im darauffolgenden wieder in Gersthofen. Ein weiterer wichtiger Baustein des kulturellen Austausches sind die beiden jährlichen Jugendfahrten, mit Besuch in Nogent und Gegenbesuch in Gersthofen. Dazu gibt es jeweils ein umfangreiches Programm mit Ausflügen und Aktionen für die Jugendlichen.
Neben der Pflege der deutsch-französischen Freundschaft nimmt der Verein aktiv am gesellschaftlichem Leben der Stadt teil und unterstützt mit Aktionen, wie dem deutsch-französischen Frühstück mit Schmankerln aus beiden Ländern, dem Bücherbasar oder der Teilnahme am Weihnachtsbasar, deren Erlöse gespendet werden, caritative Einrichtungen.
Als Würdigung für das bürgerschaftliche Engagement des Vereins für den kulturellen Austausch und den Einsatz für Demokratie, Freiheit und Völkerverständigung sowie caritative Einsätze wurde im Rathaus von Gersthofen ein Nogent-Raum eingerichtet, der für die Vereinsarbeit zur Verfügung steht und kurze Wege zur kommunalen Verwaltung bietet. Weitere Informationen und Kontaktmöglichkeiten zum Verein unter www.nogent-verein.de.

Pannen, Schmuggel und Feste

Wie entsteht Freundschaft? Indem man gemeinsam etwas unternimmt, miteinander lacht und gleiche Werte teilt. Die erste Zeit war geprägt von Sprachbarrieren und gegenseitigem Nichtwissen. „Man musste sich mit Händen und Füßen verständigen, man konnte weder die andere Sprache, noch kannte man ihre Gewohnheiten und Sitten, “ erzählte Ingrid Paul, die frühere und langjährige Vorsitzende des Vereins Nogent-Gersthofen e.V. In Frankreich beispielsweise wurden die Gäste wie Könige behandelt und man wies ihnen oftmals das Ehebett der Familie zu, während die Gastfamilie nicht selten auf der Couch oder im Kinderzimmer am Boden schlief, was oftmals bei den Gästen für ein schlechtes Gewissen sorgte. In Deutschland gab es dagegen zu dieser Zeit häufig schon den Luxus von Gästezimmern.
Freundschaft geht wie die Liebe in vielen Fällen auch durch den Magen. Doch die unterschiedliche Küche beider Länder war anfangs eine ebenso große Barriere, wie die Sprache und sorgte für viele Anekdoten und Geschichten. Eine davon ist, als französische Bäcker anlässlich des zehnjährigen Jubiläums der Städtepartnerschaft es nicht schafften in einer Gersthofer Bäckerei französische Baguettes zu backen – heute weiß man, dass dafür eine andere Sorte Mehl notwendig ist. Auch die französischen Metzger stellten fest, dass ihre deutschen Kollegen ganz anders arbeiteten – einem Franzosen würde es beispielsweise nie einfallen ein Filet zu Wurst zu verarbeiten.
Aus den Pannen der Zehnjahresfeier entwickelte sich ein reger Schmuggel, denn damals gab es noch keine offenen Grenzen und Lebensmittel darüber zu transportieren unterlag strengen Richtlinien. Die Gersthofer begannen heimlich, eingeschweißte Weißwürste und Brezn sowie Bier nach Nogent zu transportieren. Im Gegenzug brachten die Franzosen zum 20-jährigen Jubiläum Hammelfleisch mit nach Gersthofen. Dieses wurde im Lagerraum der Busse unter den Gepäckstücken versteckt.
Ein Highlight unter den Städtefahrten war, als 1980 eine große Delegation aus Gersthofen mit dem damaligen Bürgermeister Karl J. Weiß, aufgeteilt in zwei Gruppen, die 830 Kilometer lange Strecke nach Nogent mit dem Fahrrad zurücklegte.
Die großen Feste zum Jubiläum, Kirchweihen, Faschingsbälle oder im Advent waren ein gern gesehener Anlass für gegenseitige Besuche. Ganz nebenbei lernte man so die Kultur und das Brauchtum der jeweiligen Gastgeber kennen.

Treffpunkt beim Gastwirt Steiner

In Gersthofen waren es die jungen Leute, die zuerst für die Städtepartnerschaft eintraten. So ist es nur natürlich, dass die Jugendlichen zum zentralen Baustein der deutsch-französischen Freundschaft werden sollten. Bereits wenige Jahre nach der Verschwisterung fanden die ersten Jugendaustausche statt. Im Vorfeld galt es auf beiden Seiten die Jugendlichen auf die unterschiedliche Lebensweise der anderen Seite vorzubereiten und die Bereitschaft, die Reise mit offenem Geist anzutreten, zu wecken. Beurteilt werden sollte nur, was man selbst erlebt hat.
Das galt auch für die französischen Jugendlichen die nach Augsburg kamen, bei denen vor allem in der Anfangszeit die bayerischen Knödel Misstrauen erweckten. Verwundert waren diese auch über die Aussage ihres Landsmannes und ehemaligen Stadtrates André Boulleau, der lange Zeit Führungen in Augsburg anbot und ihnen Bayern als Paradies auf Erden beschrieb. Ein beliebter Treffpunkt der französischen Jugendlichen war in den 70er bis 90er Jahren der Gastwirt Steiner, der in Nogent vor allem wegen seiner Rutsche bekannt war.
Aus den Kindern und Jugendlichen der ersten Austauschgeneration sind heute Eltern oder Großeltern geworden, die ihrerseits bei den Kindern den Wunsch am Austausch teilzunehmen geweckt haben. Mit den gegenseitigen Besuchen wurde die Saat der Freundschaft gesät, aus der heute eine reiche Ernte entstanden ist, wie man an der großen Delegation aus Nogent, die zur 50-Jahr-Feier nach Gersthofen kommt sieht. Diese Freundschaften werden heute oftmals im privaten gepflegt – man sendet sich gegenseitig Pakete zu Weihnachten und Geburtstagen zu, verbringt den Urlaub zusammen oder heiratet sogar – wie Antonie Grashei und der ehemalige französische Stadtrat André Boulleau. Das Ehepaar lebte zuerst von 1974 bis 1981 in Nogent und seitdem in Gersthofen. Ein weiteres Beispiel für die gelebte Freundschaft ist Dagmar Stöckner, die 1980 selbst am Jugendaustausch teilnahm. Ihre Eltern Anita und Rudolf Brem waren Gasteltern beim ersten Jugendaustausch und betrachten heute die damalige Austauschschülerin Martine Ronsse als ihre französische Tochter, mit der sie zusammen auch in den Urlaub fuhren. Dagmar Stöckners Kinder, Fabian und Philipp, nahmen als 3. Generation ebenfalls am Jugendaustausch teil.

Ziele von damals geraten in Vergessenheit

Mit der Verschwisterung nahmen Gersthofen und Nogent-sur-Oise aktiv an einem Prozess der Versöhnung und Friedensarbeit Teil, der von Charles de Gaulle und Konrad Adenauer durch die Unterzeichnung des deutsch-französischen Freundschaftsvertrages im Jahre 1963 initiiert worden war. Die Anfangszeit der Städtepartnerschaft war geprägt von dem Willen der Versöhnung und der Überwindung alter Feindschaften und Hass, schließlich hatten Deutschland und Frankreich zum damaligen Zeitpunkt innerhalb von 100 Jahren drei große Kriege miteinander ausgefochten, die geprägt waren von nationalistischem Übereifer. Viele aus Nogent hatten Familienmitglieder im Krieg mit dem Deutschen Reich verloren, wie beispielweise André Boulleau, dessen Bruder in einem Arbeitslager starb. Nach dem Krieg war Boulleau zwei Jahre in Deutschland stationiert und erlebte, wie die deutschen Trümmerfrauen die Ruinen wieder aufbauten. In dieser Zeit lernte er eine andere Seite von den Deutschen kennen, eine fleißige, demütige und friedliche Seite. Nur durch den kulturellen Austausch, den Abbau von Vorurteilen und Freundschaft, so die Einsicht dieser Generation, kann das „Nie wieder!“ zementiert werden und Frieden gedeihen. Dieser Friede war die Basis des wirtschaftlichen Aufschwungs von Deutschland und Frankreich, der Grundstein dafür, dass aus der EG die EU werden konnte und dass in weiten Teilen Europas seit dem Ende des zweiten Weltkriegs Frieden herrscht.
„Freundschaft am Leben zu erhalten ist viel schwerer, als Neuland zu betreten. Heute fehlt die Motivation zur Versöhnung, denn der jungen Generation fehlt der Grund zur Versöhnung – insofern hat die Völkerverständigung ihr Ziel erreicht“, so Antonie Boulleau. Aber dieser Luxus des schrankenlosen Europas, an den wir alle uns gewöhnt haben ist nicht selbstverständlich und wird heute von vielen Populisten angegriffen und infrage gestellt. Doch wer Grenzen wiedererrichten möchte und Nationalismus huldigt, gefährdet den Frieden in Europa – vielleicht nicht heute aber in Zukunft.
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