Droht Gersthofen der Verkehrskollaps?

Diskutieren gemeinsam über mögliche Lösungen. V.l.n.r.: Prof. Dr. Gebhard Wulfhorst, Michael Wörle, Moderator Christoph Frey, Reinhold Braun, Martin Sailer, Ingo Wortmann und Helmut Schütz
Gersthofen: Stadthalle Gersthofen | Droht Gersthofen der Verkehrskollaps?
Podiumsdiskussion mit Experten in der Stadthalle über mögliche Antworten

In seiner Ansprache beim Bürgerempfang im Januar machte es der erste Bürgermeister Michael Wörle deutlich: Ein gesundes Wachstum kann nur funktionieren, wenn sich die wirtschaftliche und die städtische Entwicklung gleichermaßen entfalten. Dazu gehört zweifelsohne auch ein zukunftsfähiges Verkehrskonzept.
Ein erstes Zeichen auf dem Weg zu einer modernen Verkehrsplanung setzte der Rathauschef mit seiner Einladung an Bürgerinnen und Bürger sowie Interessierte zu einem öffentlichen Fachdialog „Stadt entwickelt Mobilität“, bei dem mehrere Experten zu Wort kommen sollten. In seiner Begrüßung griff Michael Wörle als aktuellen Bezug den Vorschlag der Bundesregierung für einen kostenlosen Nahverkehr auf und stellte fest, dass es mit einem ÖPNV zum Nulltarif nicht getan ist und ein städtisches Mobilitätsmanagement in ein überregionales Verkehrskonzept eingebettet sein muss.
Prof. Wulfhorst, Siedlungsstruktur- und Verkehrsplanungsexperte von der TU München, führte mit einem Impulsreferat anhand von Beispielen aus Straßburg und München die etwa 200 Gäste in die Thematik ein. Er betonte, dass Verkehrsprobleme immer zusammen mit Strukturproblemen gelöst werden müssen und zur Schaffung von tauglichen Rahmenbedingungen ein „Agglomerationsprogramm zur Koordinierung von Verkehr, Siedlung und Landschaft“ Voraussetzung ist. Am Beispiel des Domagkparks im Münchner Norden präsentierte Wulfhorst ein gelungenes Beispiel für städtisch gefördertes, genossenschaftliches Wohn- und Mobilitätsmodell mit Straßenbahnnutzung, Carsharing und Bikerenting sowie Anbindung ans U-Bahnnetz, sodass kein eigenes Auto mehr erforderlich ist.
In der anschließenden Podiumsdiskussion, die Christoph Frey, der Redaktionsleiter der AZ Augsburg Land moderierte, widmeten sich die Diskutanten speziell den Gegebenheiten in der Metropolregion Augsburg und der Stadt Gersthofen. Die Bestandsaufnahme für unsere Stadt sieht so aus: Die in Gersthofen angesiedelten Unternehmen beschäftigen etwa 12.000 Mitarbeiter, die zu einem erheblichen Teil Berufspendler und damit Ursache für nervenbelastende Staus in Stoßzeiten auf den Hauptachsen B17/B2 und Bahnhofstraße sind. Da aber auch viele in Gersthofen ansässige Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer zu ihren Arbeitsplätzen in die Peripherie pendeln, muss der Verkehr in die Gegenrichtung ebenfalls erträglich ablaufen. Helmut Schütz, Leiter der Obersten Baubehörde im bayerischen Innenministerium, stellte fest, dass die Politik in den vergangenen 40 Jahren fälschlicherweise hauptsächlich auf die Entwicklung des Autoverkehrs gesetzt hat und erst langsam hier ein Umdenken einsetzt. Landrat Martin Sailer, im Nebenamt Aufsichtsratsvorsitzender des AVV, unterstrich die notwendige Vernetzung der Verkehrssysteme auf überregionaler Ebene, während Reinhold Braun, Chef des Fahrzeugausstatters Sortimo und der IHK-Regionalversammlung Augsburg-Land, neben einem Ausbau des Schienenverkehrs für mehr Elektromobilität eintrat. Sein Unternehmen baut in 2018 die größte Elektrotankstelle Europas mit geplanten 144 Tanksäulen an der A8 in Zusmarshausen. Ingo Wortmann, Geschäftsführer der Münchner Verkehrsgesellschaft, forderte einen stärkeren Ausbau und Reinvestitionen in den Schienenverkehr bei Bahn und Straßenbahn, eine bessere Koordination der Infrastruktur sowie schnellere Genehmigungsverfahren.
Erwartungsgemäß diskutierten die Teilnehmer auch die Möglichkeit einer Verlängerung der Straßenbahnlinie von Augsburg Nord nach Gersthofen. Ein Angebot hierfür von Seiten der Stadt Augsburg hat die Stadt Gersthofen vor Jahren unter günstigeren Voraussetzungen als heute ausgeschlagen; trotz einer festgestellten grundsätzlichen Machbarkeit wird eine Straßenbahn für Gersthofen außerordentlich schwierig realisierbar sein.
Fazit dieser Auftaktveranstaltung zum Thema „Stadt entwickelt Mobilität“: Gersthofen wird in den kommenden Jahren weiter wachsen. In 20 Jahren werden etwa 6.500 Seniorinnen und Senioren hier wohnen, die älter als 65 Jahre sind – eine weitere Herausforderung. Bei jedem neuen Ausweis von Bauland und Stadtquartieren muss die Mobilitätsfrage mit berücksichtigt werden. Der gesamte ÖPNV muss attraktiver (auch komfortabler), der Umstieg auf das Fahrrad durch mehr Fahrradwege und z.B. einen kreuzungsfreien Schnellfahrradweg nach Augsburg unterstützt werden. Der Bahnhofsneubau, der in 2019 beginnen wird, ist ein Schritt in die richtige Richtung. Einen weiteren großen Wunsch hat Michael Wörle neben einem schlüssigen Gesamtkonzept für die Stadt Gersthofen: Den Bau einer weiteren Brücke über den Lech innerhalb der nächsten fünf Jahre.
                                                                                                                        Manfred Link
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