"Wir haben uns auseinandergelebt"

Georg Brem im Garten seines Grundstücks
Georg Brem verlässt den Gersthofer Stadtrat nach 23 Jahren und tritt aus der Wählervereinigung W.I.R. aus

Es war eine ungewöhnliche Ankündigung: Sechs Monate vor Ablauf der laufenden Legislaturperiode (sie währt immerhin sechs Jahre) verlässt der renommierte Gersthofer Stadtrat Georg Brem das Gremium nach 23 Jahren sowie die Wahl Initiative Richtungswechsel (W.I.R.). Georg Brem hinterlässt gewiss eine erhebliche Lücke bei der Wählervereinigung. Seit W.I.R. 2014 mit sieben gewählten Kandidaten in den Gersthofer Stadtrat einzog, war er Chef der zweitgrößten Fraktion.
Angefangen hat Brems kommunalpolitisches Engagement im Jahr 1996, nachdem er für die Gersthofer Bürgerunion (GBU) sowohl als Kandidat für den Posten des Ersten Bürgermeisters als auch für den Stadtrat antrat. Sein Kalkül ging damals auf: Auch wenn das Bürgermeisteramt unerreichbar ist (Siegfried Deffner war nicht zu schlagen), so hat man als Bürgermeister-Kandidat bessere Karten, um in den Stadtrat zu kommen. Die ersten beiden Legislaturperioden waren kein Zuckerschlecken, da die CSU mit einer komfortablen absoluten Mehrheit den Stadtrat dominierte. Einen wichtigen Erfolg konnte Brem aus seinen ersten Jahren im Stadtrat verbuchen: Er hatte wesentlichen Anteil an der Gründung eines Seniorenbeirates im Jahr 2002.
Die Irrelevanz einer Stadtratsminderheit wurde Georg Brem besonders bewusst, als es um den Beschluss zum Bau des Güterverkehrszentrums (GVZ) im Städtedreieck Augsburg-Gersthofen-Neusäß ging. Er wollte dies damals noch verhindern, da damit ein enormer Flächenverbrauch verbunden und vorerst auch kein Güterumschlagbahnhof vorgesehen war. Die Entwicklung der Ortsteile lag Brem ebenfalls sehr am Herzen. Er forderte eine Verbesserung der Infrastruktur, aber auch Zuschüsse für Kirchenrestaurierungen usw. Der damalige Erste Bürgermeister und sein Stadtrat hatten jedoch mehr die Kernstadt Gersthofen im Blickfeld.
Die Situation besserte sich anfangs etwas, als 2008 Jürgen Schantin Erster Bürgermeister wurde. Georg Brem konnte mehrere Maßnahmen für die Ortsteile einbringen und zum Teil auch durchsetzen. Doch die letzten Jahre von Schantins Amtszeit waren überlagert von Problemen mit dem „Gersthofer Loch“, mit den Auswirkungen eines unglückseligen Interviews, das der Erste Bürgermeister einem Augsburger Magazin gegeben hatte, der Abspaltung einiger Stadträte von der CSU-Fraktion sowie der Gründung der Wählerinitiative W.I.R. (die GBU wurde im Zuge dessen in 2013 aufgelöst), die ihrem Mitglied Jürgen Schantin zu einer zweiten Amtszeit verhelfen wollte.
Dies gelang zwar bei der Kommunalwahl 2014 nicht, immerhin konnten aber sieben Stadtratsmandate errungen werden. Für Georg Brem und seine Wählerinitiative waren die ersten Monate nach der Wahl dennoch eine Art Spießrutenlaufen. Die Fraktionen des Stadtrates waren sich mehrheitlich einig in der Ausgrenzung der Wählerinitiative. Das ging sogar soweit, dass die Sitzordnung im Stadtrat geändert und – wesentlich schwerwiegender – der zweitstärksten W.I.R.-Fraktion das ihr zustehende Amt des Dritten Bürgermeisters verweigert wurde.
Trotz dieser Startschwierigkeiten entwickelte sich die W.I.R.-Fraktion unter Georg Brem zu einer wichtigen Größe im Gersthofer Stadtrat und die anfängliche Ablehnung durch die anderen Fraktionen wich in den Folgejahren einem konstruktiven Miteinander. Die konservativ geprägten W.I.R.-Stadträte stimmten oftmals wie die CSU und beide konnten sich dann mit einer Stimme Mehrheit durchsetzen. Georg Brem war sich mit seinen Fraktionskollegen weitestgehend einig.
Diese „Fraktionsdisziplin“ lockerte sich jedoch– zum Leidwesen ihres Fraktionschefs - in den letzten Monaten immer wieder. Auch kann er sich nicht damit identifizieren, dass man sich nicht durchringt, einen eigenen W.I.R.-Bürgermeisterkandidat zu nominieren. Inzwischen beurteilt Georg Brem das Verhältnis zu seiner Fraktion so: „Wir haben uns auseinandergelebt“.
Schließlich hat er sich die entscheidende Frage gestellt: Wie viele Lebensjahre stehen mir wahrscheinlich noch bevor, will ich davon weitere sechs darum kämpfen, meine Ziele durchzusetzen, oder möchte ich nach 23 Jahren Stadtratstätigkeit die kommunalpolitische Entwicklung von außen betrachten und die gewonnene Zeit für meine Familie und andere Lieblingsbeschäftigungen einsetzen?
Georg Brem hat sich für letzteres entschieden. Das verdient Respekt. Brem ist zu wünschen, dass es gut und gern nochmals 23 Jahre ohne Rathaus werden.
In der Stadtratssitzung am 25. September 2019 entbindet der Stadtrat Georg Brem aus seinem Ehrenamt. Listennachfolger als Stadtrat wird Dieter Hadwiger, der dem Vernehmen nach schon zugesagt hat; die Nachfolge als W.I.R.-Fraktionsvorsitzender tritt Josef Koller an.

Das Gespräch mit Georg Brem führte Manfred Link.
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