Diedorfer & Fischacher Geschichten: Auf den Spuren der Gessertshauser Käseküche

Die am 17. Dezember 1989 abgebrannte Gessertshauser Käserei. Foto: Gustav Guisez
 
Scheppernde Milchkannen und anderes Molkereigerät prägten die Gessertshauer Käserei. Foto: Archiv Guisez

Erinnerung an Molkefässer und scheppernde Milchkannen an der Bachwiesenstraße. Der Treffpunkt für die Jugend brannte später ab.

Von Gustav Guisez

„Das kullert, pullert, quietscht und quatscht. Wird auf und nieder durchgematscht, bis das
gepflegte Element, vor Angst
in dick und dünn sich trennt …“
So reimte der unvergessene Wilhelm Busch seine Kindheitserinnerungen über das Wunder der Buttergewinnung in der heimatlichen Käseküche mit ihrem unverwechselbaren Reiz. In jedem Ort unseres Landkreises dominierte vor geraumer Zeit noch die Käserei, die später als das Molkereisterben einsetzte, zur Milchsammelstelle degradiert wurde. Neben Kirche und Gasthaus bildete sie den dörflichen Mittelpunkt. Natürlich zählte der Käsermeister neben Pfarrer, Müller, Förster und Lehrer zu den Honoratioren, die sich am Stammtisch in „gesellschaftlicher Abgrenzung“ von den Nichtzugelassenen sprich: Knechten und Tagelöhnern trafen. Wenn dem Geistlichen Herrn immer noch etwas Weihrauch anhaftete, der Müller vom Mehlstaub geprägt, so strömte der Käser stets ein bestimmtes Berufs-Aroma, wie den Geruch von Käswasser aus. Heute sind die einstigen dörflichen Molkereigenossenschaften, auch liebevoll „Käsküchen“ genannt, wo man so schön „hoigata“ konnte, neben den aufgelassenen Milchsammelstellen nur noch liebwerte Vergangenheit. Meist zweckentfremdet oder zum Bauplatzobjekt vorgesehen, ist die beliebte Milchanlieferungsstelle nicht mehr gefragt.
Bei der ehemaligen Gessertshauser Käserei ist es genauso. Das früher so formschöne Gebäude, welches lange Jahre den Platz unterhalb des sakralen Kleinods der St. Leonhards-Kapelle geprägt hat, fiel vor geraumer Zeit einem Feuer zum Opfer. Das Haus, das zuletzt als Milchsammelstelle und dörflicher Treffpunkt fungierte, bis es dann einer anderen Verwendung zugeführt ist für Manchen ein liebes Stückchen Vergangenheit.

Treffpunkt der Dorfjugend

Damals stellte der abendliche „Schwatz“ – am Morgen musste es schneller gehen – bei der Milchanlieferung mit Handwagen oder Fahrrad eine wahre Wonne dar. Nachdem der weiß beschürzte Käser die im Holzschäffle, später in Milchkannen, angelieferte Milch mit dem hölzernen Messstab gemessen, trug er die Menge anschließend ins abgegriffene „Milchbüchle“ ein.
War doch früher für die Gessertshauser Burschen und Mädchen der Weg zur Käsküche, die einzige Möglichkeit miteinander in Kontakt zu kommen. Bei der anschließenden Unterhaltung konnte manch braunäugiges Bauernmädchen, das sonst von der Mutter wohlbehütet, angesprochen werden. Aber auch die eine oder andere dralle Magd, war nach der Milchablieferung zu einem verstohlenen Blickwechsel bereit. Zärtliche Anbandelungen kamen beim abendlichen Heimweg oft vor, erwiesen sich doche bei hereinbrechender Dunkelheit die die sonst so abweisenden Dorfschönen, als nicht so spröde wie am Tage. Deshalb ergab es sich auch dann, dass ein junger liebeshungriger Bauernbursch sagte: „Du Mare, kommsch nachher zur Schwarzach, hinter den Busch…“ Worauf ihm verschämt und mit niedergeschlagenen Augen geantwortet wurde: „ja glei, Xaver…“ Mancher lernte so zwischen Handkarren und Milchkannen seine spätere Frau kennen.
Da jeder Bauer früher Schweine besaß, gab es beim „Käswasserholen“ während der Mittagszeit, wieder die Möglichkeit sich zu treffen oder etwas Neues zu erfahren. Inzwischen hatte der Käser die Milch zum Abkühlen in niedere Holzbehälter gekippt. Die aufgerahmte Oberfläche wurde am anderen Tag abgeschöpft und zu Butter bzw. Rahm verarbeitet. Ebenso Quark, Edamer, Limburger, Chester und andere Käsesorten stellte man her.

Die letzten Jahre

Ein besonders angesehener Geschäftsmann war der letzte Besitzer der Gessertshauser Käserei Theo Zobl (1877-1971), der zusammen mit seiner Frau Maria Zobl (1890-1976) auf dem örtlichen Friedhof beigesetzt ist. Er stellte eine Persönlichkeit dar, die in Produktion und besonders im Käsehandel neue Akzente setzte und mit ungewöhnlicher Vitalität seinen Betrieb prägte. Durch ihn gelangte die Käserei im Schatten des nahen Augsburg zu einer besonderen Bedeutung. Jahre nach dem zweiten Weltkrieg gab Zobl das Geschäft auf. Bis in die siebziger Jahre fungierte das Gebäude noch als Milchsammelstelle. Dann aber holte ein Tanksammelwagen in den Höfen die Milch ab und transportierte sie zur weiteren Verarbeitung in die Groß-Molkerei.
Der neue Besitzer vermietete die Räumlichkeiten als Lager und die Wohnung an eine türkische Familie.
Und so kam der 17. Dezember 1989, wo die traditionsreiche, alte Käsküche ein zweites Mal starb, als Feuer ausbrach. Gottseidank konnte der Türke Mehmet Iscam mit Frau und den fünf Kindern unverletzt geborgen werden. Trotz eines starken Windes gelang es der angerückten Gessertshauser Feuerwehr, ein Übergreifen des Brandes zu verhindern.
Nicht verhindern konnten die Floriansjünger, dass der Ort wo Käsegeschichte gemacht, in Schutt und Asche versank. Inzwischen ist an dem Platz wieder ein Neubau entstanden … Geblieben ist nur noch die Erinnerung an die Erzeugnisse des kupfernen Käsekessels. Doch heute wo den Feinschmeckern unzählige Käsesorten angeboten werden, erinnern sich Manche an den guten, alten Limburger, der hier hergestellt. So ist es vorbei mit der unwiederbringlich verlorengegangenen ländlichen Idylle …
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