Zu Besuch bei den Singoldbienen

Die Singold-Probeimkerinnen mit "Bienenflüsterer" Toni
 
Der erste Flug

Es ist ein milder Tag im April, als ich das erste Mal ehrfürchtig auf den klebrigen Holzrahmen blicke, auf dem hunderte seidig schimmernde Flügelchen geschäftig umher wuseln. Mich beschleicht das leise Gefühl, dass ich gerade an etwas ganz Großem teilhaben darf und ich freue mich, wie ein kleines Kind am Geburtstagsmorgen.

“Jetzt habt ihr ungefähr 40.000 neue Haustiere!” 40.000 Bienen. Die durchschnittliche Größe eines Bienenschwarms. Eine Biene kann in einem Radius von bis zu 3 km um den Bienenstock Nektar der verschiedensten Blüten sammeln.
Ich schaue über das Rähmchen hinweg durch meinen Schleier direkt auf das breite Grinsen von Toni. Toni Altmann, Hobbyimker aus Leidenschaft. Dank ihm ist es mir und vier weiteren Damen aus Großaitingen und Umgebung möglich, nebenbei in die Imkerei einzusteigen bzw. einen Eindruck davon zu gewinnen.

Bereits seit ein paar Jahren bietet der Imkerverein Großaitingen ein sogenanntes “Probeimkern” an. So erfolgreich, dass der Probeimkerkurs für das nächste Jahr bereits schon fast wieder voll ist.

Vorsichtig setze ich die Wabe wieder ab und lausche den Worten des Imkers:
“Das Ziel unseres Probeimkerjahres ist es, ein Gefühl für die Bienen zu bekommen. Geht es dem Volk gut, brütet die Königin, gibt es einen Schwarmtrieb… Außerdem werdet ihr die Natur besser kennen lernen. Wenn ihr spazieren geht, werdet ihr darauf achten, welche Pflanzen gerade blühen und Tracht tragen. Ganz wichtig ist aber auch die sogenannte Varroa-Behandlung im Herbst.”
Die Varroa-Milbe. Seit einigen Jahren eine der größten Herausforderungen für Imker und der Hauptgrund für das Schwinden der Bienenvölker. Dieser todbringende Parasit ist mittlerweile weltweit ein Problem geworden. In den 70er-Jahren gelangte sie durch Importe von asiatischen Bienenvölkern nach Europa, wo sie seitdem verheerende Schäden anrichtet. Larven, die von der Varroamilbe befallen sind, werden zu Bienen mit verkrüppelten Flügeln.
Gespannt lauschend stelle ich fest, dass viel mehr hinter meinem geliebten Honig steckt, als ich ursprünglich vermutet habe.



Bereits nach dem ersten Probeimker-Treffen hat mich die Neugierde gepackt! Die folgenden Wochenenden treffen wir uns jeden Samstag wissbegierig und voller Tatendrang bei den Bienen auf der “Singoldinsel”, um das alte Handwerk der Imkerei besser kennen zu lernen. Als Toni uns ankündigt, dass nun bald die erste “Schleuderung” ansteht, sind wir alle ein bisschen stolz! Der erste eigene Honig! Wenn man sich bewusst macht, dass eine Biene für ein Pfund Honig bis zu 3,5 mal um die Erde fliegen müsste, isst man sein nächstes Honigbrot fast ein bisschen andächtig.

Wir stehen vor der blitzenden Edelstahlschleuder, während Honigduft den Raum durchzieht und beobachten, wie das flüssige Gold einen großen Eimer füllt.
Es ist sogar für Imker spannend, welche Nuancen man aus dem frischen Honig heraus schmecken kann, da sich der Geschmack aus dem Nektar der verschiedenen Blüten ergibt.
“Der Honig schmeckt ein bisschen nach Minze!” Stellt Toni mit prüfendem Blick fest. “Minzgeschmack kommt meistens von der Lindenblüte.” Gespannt probieren wir den “Singoldhonig”. In der Tat: er hat einen leichten minzigen Beigeschmack! Lecker!

Als sich das Bienenjahr (die Zeit, in der die Bienen am aktivsten sind und Honig sammeln; meistens zwischen April und September) langsam dem Ende zuneigt, sind wir etwas wehmütig. Aber für alle steht fest: wir wollen weiter machen!

Dass man als Probeimker noch lange nicht ausgelernt hat, wird uns klar, als wir uns eines der letzten Male alle gemeinsam bei den Bienen treffen, um den Bienenstock “winterfest” zu machen und zu prüfen, ob die Bienen ausreichend Futter zur Verfügung haben.
Toni muss schmunzeln, als er in unsere scheinbar besorgten Gesichter blickt. “Natürlich stehe ich euch auch weiterhin mit Rat und Tat zur Seite!” Wir atmen auf. Ohne das ehrenamtliche Engagement einzelner Imker (wie Toni) und den Einsatz der Imkervereine, wäre es kaum möglich, für Imker-Nachwuchs zu sorgen. Zu umfangreich ist die Lehre als Autodidakt. “Ich lege euch ans Herz, einem Verein beizutreten. Hier könnt ihr von erfahrenen Imkern lernen und man hilft zusammen, wenn etwas ist!”

Ich bin dankbar für Tonis Einsatz für uns und die Umwelt! Doch selbst, wenn man nicht die Möglichkeit für ein Probeimkerjahr hat, kann man der Umwelt und den Bienen etwas Gutes tun. Man kann beispielsweise in seinem Garten oder auf Wiesen kleine “Blüh-Inseln” schaffen, oder einfach nicht so oft mähen. Gerade Klee ist bei den fleißigen Arbeiterinnen sehr beliebt. Zudem kann man ein Insektenhotel aufstellen, das beispielsweise Wildbienen ein Zuhause schenkt.

Als ich das erste Mal alleine zu meinen Bienen gehe und den Deckel des Bienenstocks behutsam anhebe, wird mir bewusst, dass ich nun tatsächlich 40.000 neue Haustiere habe.
Ein breites Grinsen erscheint auf meinem Gesicht.

Silke Meitinger
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