Selbständig trotz Handicap

Aufsichtsrats-Vorsitzender Werner Alig freute sich über viele Geburtstagsgäste aus der ganzen Region. Foto: Stöbich
Königsbrunn : Königsbrunn | Festakt zum 50-jährigen Bestehen des Fritz Felsenstein-Hauses

Peter Stöbich
Königsbrunn. Zum 50. Geburtstag gab es für das Fritz Felsenstein-Haus nicht nur viele Glückwünsche, sondern auch einen Scheck der stellvertretenden Landrätin Anni Fries sowie eine Torte von Bürgermeister Franz Feigl. Zum Festakt waren Vertreter aller politischen Ebenen gekommen und gratulierten den Mitarbeitern zu ihrer erfolgreichen Arbeit; die Einrichtung versteht sich als Kompetenzzentrum für Menschen mit Körper- oder Mehrfachbehinderung und ihre Angehörigen.
Von einer "erfüllenden Aufgabe" sprachen der Leiter des Hauses, Gregor Beck, und Aufsichtsrats-Vorsitzender Werner Alig. "Menschen mit Handicap sind in unserem Stadtbild ganz selbstverständlich", stellte Feigl bei der Jubiläumsfeier fest und würdigte wie viele andere Gratulanten die Bedeutung der Einrichtung für die ganze Region. Auch Vertreter des Landkreises und Bezirks sowie der Regierung von Schwaben dankten dem engagierten Team in Königsbrunn für seine wichtige Arbeit.
Im Gegensatz zu den "Krüppelsprechstunden", die es vor einigen Jahrzehnten noch gab, ermöglichen gezielte Förderung und moderne Technik vielen Behinderten heute ein selbstbestimmtes Leben. Das gilt nicht nur für die Mobilität, sondern auch für die Kommunikation: So ermöglichen etwa Computer, die mittels Augenkontakt gesteuert werden können, längst einen Austausch mit Menschen, die mehrfach schwerstbehindert sind und nur noch die Augen bewegen können. Ein Beispiel für die Lebensfreude waren bei der Feier ein lustiges Socken-Theater oder eine Percussion-Performance.
Die Söhne von Fritz Felsenstein und Horst Matthäus erinnerten an die aufopferungsvolle Pionierarbeit ihrer Väter, die endlose Probleme und Widerstände überwinden mussten. Nach dem Zweiten Weltkrieg gab es kaum körperbehinderte Kinder, denn während des Nazi-Regimes wurden Behinderte zu Versuchen missbraucht, umgebracht oder einfach versteckt. Erst in den 1950-ern erkannte man die Notwendigkeit von Einrichtungen für Körperbehinderte. Für Augsburg und den Regierungsbezirk Schwaben war Fritz Felsenstein als Landesarzt für Körperbehinderte zuständig. Zu Beginn der 60-er Jahre übernahm Horst Matthäus diese Aufgabe und die Idee, eine Schule und ein Internat zu gründen. Die Hauptkritik der beiden Ärzte: in ganz Schwaben gab es keine Schulen für körperbehinderte Kinder. Erst als 1961 der Contergan-Skandal öffentlich wurde und auch in der Region Augsburg geschädigte Kinder zur Welt kamen, wurde der Druck auf die Regierung größer. Ein Vorschulkindergarten für körperbehinderte und contergangeschädigte Kinder sowie eine Schwimmschule wurden 1966 von Matthäus ins Leben gerufen. Im September 1967 war es soweit: die Sonderschule für körperbehinderte Kinder begann mit ihrer Arbeit. Damals hieß der von Matthäus ins Leben gerufene Träger noch „Verein Privatschule für körperbehinderte Kinder“. Am 1. Februar 1968 startete dann die Fritz-Felsenstein-Schule mit 13 Schülern und acht Vorschulkindern in der Ulmer Straße in Augsburg. Die offizielle Eröffnung erfolgte am 8. Mai durch den damaligen Regierungspräsidenten Frank Sieder. 1970 zählte man bereits 64 Schüler. Deshalb wurde der Umzug der Schule in ein größeres Gebäude mit ebenerdigen Räumen auf dem Gelände der Hessing-Stiftung in Göggingen begrüßt. Das Internat, das damals nur Kinder besuchten, die weiter entfernt wohnten, blieb zunächst in der Ulmer Straße.
1972 gingen 100 Schüler in die Fritz-Felsenstein-Schule, der mittlerweile außer dem Internat auch eine Tagesstätte angegliedert war. Eine Erweiterung des Gebäudes in Göggingen sorgte für leichte Entspannung in der stark wachsenden Einrichtung. Als 1974 auf dem heutigen Gelände in Königsbrunn mit dem Neubau begonnen wurde, war die Schülerzahl bereits auf 150 angewachsen. Der Umzug erfolgte im Herbst 1977. Bis zur Einweihung am 30. Juni 1978 durch den damaligen Staatsminister für Unterricht und Kultus Hans Maier war die Zahl der Schüler bereits auf 200 angewachsen. Die Einrichtung war für 180 Kinder gebaut worden; so war das Gebäude bereits beim Einzug zu klein.
Wegen des wachsenden Bedarfs wurde 1978 die Einrichtung spezieller Klassen für schwerstmehrfach behinderte Kinder erforderlich, für die Pflege im Unterricht eine wesentliche Rolle spielt. 1979 rief man die Abteilung Fachdienst ins Leben. Mit der Einstellung von Sozialpädagogen und einem Psychologen reagierten die Verantwortlichen auf den wachsenden Bedarf der Eltern nach intensiver Beratung.
Für mehrfach behinderte Schulabgänger wurde 1981 die Werkstufe (heute Berufsschulstufe) eingeführt, die zur Vorbereitung auf die Werkstatt für Behinderte dient und zum Teil die Berufsschule ersetzt. 1983 konnte ein Erweiterungsbau der Tagesstätte in Angriff genommen werden, der 1985 eingeweiht wurde.
1985 startete ein Modellversuch für den Einsatz von Computern und elektronischen Hilfsmitteln für körperbehinderte Schüler. Daraus entstand die Beratungsstelle für ELEktronische Hilfen und COmputer für Körperbehinderte (ELECOK), die heute ein fester Bestandteil der Schule ist. Mit der Eröffnung einer ersten Wohngruppe 1986 für sechs Erwachsene im Erdgeschoss des Internats wurde eine weitere konzeptionelle Erweiterung des Kompetenzzentrums verwirklicht.
1997 betrat man mit dem Beginn der Offenen Behindertenarbeit Neuland. Damit gab es erstmals auch Beratungsangebote für körperbehinderte Menschen aus dem Landkreis Augsburg, die nicht im FFH betreut wurden.
Im Jahr 2000 wurde der Erweiterungsbau der Schule für mittlerweile 30 Schulklassen fertiggestellt. Mit dem Anbau konnte gleichzeitig eine Schulvorbereitende Einrichtung wieder eingeführt werden, die es bereits in der Anfangsphase der Einrichtung gegeben hatte.
Im Februar 2010 wurde eine weitere Abteilung des Fritz-Felsenstein-Hauses unter dem Namen „Beratungsteam“ gegründet. Verschiedene Beratungsangebote der Einrichtung sind nun unter einem Dach zusammengefasst. Vor allem über Privatmittel finanziert, berät die dort angesiedelte Beratungsstelle „Interaktiv“ zu Kommunikation und Assistenztechnologie.
Inzwischen werden im Fritz-Felsenstein-Haus rund 300 Kinder und Jugendliche gefördert und betreut; über 350 Mitarbeiter aus den unterschiedlichsten Berufsgruppen sorgen für deren Wohl.
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