Was geschah in Hinterkaifeck?

Birte Bambusch-Groetzki bei ihrem Vortrag „Faszination Hinterkaifeck“.

Ein Vortrag in der Reihe „Königsbrunner Campus“ beleuchtete die Reaktionen auf ein unaufgeklärtes Verbrechen vor 97 Jahren.

Hinterkaifeck ist der Name eines Einödhofes, auf dem 1922 eines der grausamsten ungelösten Verbrechen der bayerischen Geschichte geschah, der Mehrfachmord an einer Familie, bestehend aus Großeltern, Mutter, zwei Kindern und einer Magd. „Der Mensch ist von Kriminalität fasziniert“, sagte Birte Bambusch-Groetzki während ihres Vortrags. Ein Blick in den Vortragssaal im Pavillon 955 bestätigte ihre Aussage: So voll war der Saal bei keinem anderen Vortrag der Reihe „Königsbrunner Campus“ gewesen. Das Thema lautete „Faszination Hinterkaifeck“. Bambusch-Groetzki ist Erzählforscherin. Sie promoviert am Lehrstuhl für Europäische Ethnologie/Volkskunde der Universität Augsburg über die Art und Weise, wie über diese Morde berichtet wird von 1922 bis heute. „Wie über ein Geschehen erzählt wird, sagt viel darüber aus, welche Themen in der jeweiligen Zeit wichtig sind und wie die Menschen menschliches Verhalten deuten“, so Bambusch-Groetzki.
Zunächst schilderte die Referentin die Geschehnisse vor 97 Jahren. Der Tatort liegt im heutigen Gemeindegebiet von Waidhofen, etwa in der Mitte zwischen Augsburg und Ingolstadt. Der Mord wurde am 4. April 1922 gemeldet. Da die Tochter seit Tagen in der Schule gefehlt hatte, nahm man als Tatzeitpunkt den 31. März an. Alle Opfer, vom Großvater bis zum zweijährigen Kind, wurden erschlagen, doch eine Tatwaffe wurde zunächst nicht gefunden. Erst ein Jahr später, als die Hofgebäude abgetragen wurden, kam ein Werkzeug mit Blutspuren zum Vorschein, das zu den Verletzungen passte, eine sogenannte Reuthaue. Die Opfer galten als sparsam, fleißig, eigenbrötlerisch und wohlhabend. Die Gendarmen gingen zunächst von einem Raubmord aus, doch waren noch viele Wertsachen im Haus. Da eine Belohnung von 100 000 Reichsmark ausgesetzt wurde, gab es sehr viele Hinweise aus der Bevölkerung. Bis 1926 waren rund 100 verdächtige Personen überprüft worden. „Die Nachfahren der damaligen Verdächtigen leiden teilweise bis heute unter der üblen Nachrede“, so Bambusch-Groetzki. Die Gerüchte, die von Anfang an verbreitet wurden, rankten sich um die Schatten auf der Familiengeschichte: Der Ehemann der Mutter war 1914 im Ersten Weltkrieg gefallen, er lernte seine Tochter nie kennen. Die Mutter der beiden Kinder und ihr Vater waren 1915 wegen Inzest verurteilt worden. Die Mutter bekam 1920 einen unehelichen Sohn, ein Mann aus der Nachbarschaft erkannte die Vaterschaft an.

Wohlstand und Unglück auf dem Einödhof

Eine damals wie heute beliebte Theorie zum Tathergang lautet, dass der Ehemann doch nicht gefallen war, 1922 nach Hause zurückkehrte und sich für die Untreue seiner Frau an der ganzen Familie rächte. Diese Theorie hatte insbesondere im und nach dem Zweiten Weltkrieg Konjunktur, als die Treue der Soldatenfrauen und die Heimkehr von tot oder vermisst gemeldeten Soldaten ein großes Thema in der Gesellschaft waren. 1943 behauptete ein Russland-Heimkehrer sogar, dass er in Russland den Ehemann getroffen und dieser ihm den Mord gestanden hätte. Der andere Schatten, das Inzest-Urteil, wurde in den 20er und 30er Jahren häufig so interpretiert, dass die Frau leichtfertig, nachgiebig gewesen sein muss. Seit den 1980er Jahren wird die Frau mehr und mehr als Opfer von Missbrauch gesehen, vermutlich von Kindheit an. Heute werden ihr häufig Psychosen unterstellt als Folge der traumatischen Erlebnisse.
Über die Morde wurde und wird sehr viel berichtet. In den 20er Jahren berichteten viele Zeitungen in Deutschland und Österreich darüber. 1951 erschien ein Roman über die Tat in Fortsetzungen im „Donaukurier“. Daraufhin wurden neue Ermittlungen aufgenommen, die 1955 eingestellt wurden. Eine späte Aufklärung wurde auch dadurch erschwert, dass viele der ursprünglichen Ermittlungsakten bei Bombenangriffen auf Augsburg verbrannt sind. 1978 erschien ein Sachbuch des Autors Peter Leuschner. Daraufhin kamen Dokumentarfilme, Reportagen und Theaterstücke über das Thema heraus. 2006 erschien der sehr erfolgreiche Kriminalroman „Tannöd“ von Andrea Maria Schenkel, der auf dem Hinterkaifeck-Verbrechen basiert. Er zog wiederum Verfilmungen nach sich. 2016 gab es die Ausstellung „Mythos Hinterkaifeck“ im Bayerischen Polizeimuseum in Ingolstadt. Der Initiator der Ausstellung saß im Publikum, der Königsbrunner Olaf Krämer. Er ist auch Administrator der Internetseite „hinterkaifeck.net“, in der in zigtausenden Beiträgen über den Tathergang spekuliert wird. Wie sich bei der Fragerunde nach dem Vortrag herausstellte, war Krämer nicht der einzige Zuhörer, der über die Details des Verbrechens genau informiert war.
Über den Grund der anziehenden Wirkung von Verbrechen kann auch die Wissenschaft nur Vermutungen anstellen. „Unaufgeklärte Verbrechen erschüttern unsere Vorstellung von einer gerechten Welt“, so Bambusch-Groetzki. „Vielleicht wird durch das Erzählen die eigene Angst verarbeitet. Hinzu kommt, dass der Mensch in allem einen Sinn sehen möchte, deshalb werden Theorien entwickelt, die das Geschehen verständlich erscheinen lassen. Manche Psychologen erkennen das Bedürfnis, sich selbst zu vergewissern, dass es einem selbst vergleichsweise gut geht. Eine Rolle spielt sicher auch die Lust am Rätselraten, man möchte einfach zu gern wissen, wer der Täter ist.“
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