Kutzenhauser Salveresbrunn: Auf Spurensuche einer verschwundenen Burg

„Verzauberte Anhöhe im milchweißen Nebel“: Die Aussicht von der Burgruine war wohl schon im 15. Jahrhundert ähnlich. Foto: Monika Saller
 
Fantasiezeichnung aus der Chronik des Heinrich Langenmantel, der im Rat der Stadt Augsburg saß. Bild: Archiv Guisez

„Da stand einst wie die Sage geht, /Und heute aber nicht mehr steht, / Die Burg des Seifrit wohlbekannt, /Und von den Säumern oft benannt …“

Von Gustav Guisez

Beim Bummel durch die Vergangenheit des sympathischen Kutzenhausen, sollte man den legendenumwobenen „Salveresbrunn“ nicht vergessen. Lange Zeit Wasserspender für die dortigen Bewohner, ist es nun still geworden um den Platz, auf dem die Patina vergangener Jahrhunderte liegt.

Verzauberte Anhöhe

In einem Wäldchen nördlich des Ortes dominiert eine kegelförmige Bergkuppe, welche auf drei Seiten in die feuchte Quellenschlucht des Salveresbrunn abfällt. Etwas Verzaubertes geht von dieser Anhöhe aus, wenn sie am Morgen in einen tropfnassen, milchweißen Nebel gehüllt, reglos im Meer der Tannen schwimmt und von der längst untergegangenen Veste des Ritters Seifrit berichtet.

Beim Zuschütten eines überwucherten Grabens fand man hier, wie alte Kutzenhauser berichteten, mehrere größere Nagelfluhsteine, eine Säule, mit Satteldeckung und die Umrandung eines verschütteten Brunnens.

Außer der anhaltenden Stille, die hier oben herrscht, und den wenigen Geländespuren der einstigen wehrhaften Anlage ist vom Schicksal des Rittersitzes nur wenig bekannt.
Nur den Aufzeichnungen des zweiten Bürgermeisters der Freien Reichsstadt Augsburg, Peter von Argon (1412-1452) verdanken wir es, Näheres über die Burg und ihre Bewohner zu erfahren. Argon war als Politiker Realist im Handeln und Romantiker in seinen Träumen. Und gerade die Romantik zog ihn des Öfteren hinaus nach Kutzenhausen, wo er seiner Leidenschaft, dem Suchen nach dem Vergehen des Edelsitzes, nachging, der von einer Fleckerlteppichkomposition aus Wiesen und Wäldern umrahmt war.

Schon 1430 Ruine

In den Tagen um 1430 blickte diese Ruine, deren hochragender, rechteckiger Turm von weither sichtbar, noch immer ins Land. Ringsumher im halbzugeschütteten Ringgraben lagen Haufen mächtiger Quader mit eingemeißelten Zierraten. In dem hohen, unzugänglichen Bergfried nisteten Turmfalken, während unten Feldhasen umherhoppelten.

Brennnesseln und anders Gewächs hatte von den Resten der mit Schießscharten ausgestatteten Bastionsmauern Besitz ergriffen. Während das Pferd des Augsburgers friedlich graste, ließ der geheimnisvolle Platz der Phantasie des Reiters Flügel wachsen. Wenn auch längst das Stöhnen der zu Frondiensten gezwungenen Bauern erloschen, die Flüche der sie beim Burgbau antreibenden Knechte des Ritters Seifrit vom Wind verschluckt, der Geruch des Schweißes verweht, so glaubte Argon den Bau der etwa im 12. Jahrhundert erstellten Veste emporwachsen zu sehen.

Das schöne Burgfräulein Salvera

Auf seine Frage erfuhr er dann, dass unterhalb der trutzigen Burg ein kleiner schilfumwachsener Teich, von den Wassern des Salveresbrunn gespeist, gelegen hat, in dem „Salvera“, die Tochter des Burgherrn, badete. Das Mädchen soll wunderhübsch, ihr Haar hellblond, die Augen blau und die Wangen wie Apfelblüten gewesen sein. Säuselndes Schilfrohr, wirres Brombeergeranke, dämmerige Waldeinsamkeit und das Murmeln der geschwätzigen Quelle waren dabei die Genossen der frommen Maid. Hoch oben am Himmel schwebte ein Bussard in weiten Ovalen über sie hinweg.

Manchmal blickte Rehwild oder ein Häslein herüber, wenn das blonde Burgfräulein, nackt wie Gott sie geschaffen, neben bleichen Teichrosen im Wasser plätscherte. Ab und zu blickte ihre Schulter aus dem Nass und fast wie ein durch das Wasser gleiten der Fischotter bewegte sie sich auf das Ufer zu. Von ihrem Körper liefen kleine Tropfen herab, wenn sie ein Tuch überwarf. Ein fahrender Scholar namens Winhard, welcher in der Gegend umherstreifte, hatte sich unsterblich in die reizende Salvera verliebt. Heimlich, mit lüsternen Blicken beobachtete er das junge Mädchen beim Bad, wurde dabei ertappt und mit empörten Worten abgewiesen. „Du wolltest meine Tochter entehren, dafür wirst du mir büßen“, schrie der erzürnte Ritter Seifrit, versetzte ihm einen Stoß, welcher den Zudringlichen zu Boden taumeln ließ.

Kampf um die Burg

Die Liebe von Winhard wurde zum Hass. So bot er den Rittern von Chuzzo, die im sogenannten „Brand“ ihre Veste bewohnten – aus denen später das Geschlecht der Ritter von Kutzenhausen hervorgehen sollte – und die mit dem Vater von Salvera verfeindet, seine Hilfe an, das Castell zu brechen. Es kam zum offenen Kampf. Sturmleitern wurden an die Mauern gelegt, Pfeile pfiffen auf die Verteidiger, von denen mehrere blutüberströmt zusammenbrachen. Der Scholar hatte bei seinem Umhersuchen, im Vorfeld der Burg einen unterirdischen Gang entdeckt, durch den er die gewappneten Knechte des Ritters Chuzzo führte. Im Burghof stellten die Angreifer die Sippe des Seifrit und erschlugen alle samt und sonders.

Bald nahm sich die nimmermüde Sage der lieblichen Gestalt der Salvera an und ließ sie in den Spinnstuben wieder auferstehen. Vielleicht ist sie heute in das Kleid einer Waldfee geschlüpft und geistert in mondhellen Nächten auf der Höhe des Bergkammes umher, wenn vom nahen Kirchturm die Mitternachtsstunde schlägt …
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