Eistour in den Ötztaler Alpen

(Foto: Maria Kahr)
 
Ausgangspunkt der Tour war die Gepatschalm (A). Von dort erfolgte der Aufstieg über den Gletscherlehrpfad und die Gletscherzunge zur Rauhekopfhütte (1). Das Brandenburger Haus (2) diente während der ganzen Tour als Basisstation für die Touren zur Mittleren Hintereisspitze (3), der Weißseespitze (4) und dem Abstieg über den Fluchtkogel (5) nach Rofen (B). (Foto: © OpenStreetMap contributors, @ Omniscale)
 
(Foto: Tobias Müller)

29 Männer und Frauen beteiligten sich im August an der viertägigen Eistour des Meringer Alpenvereins in den Ötztaler Alpen. Der Anstieg zu ihrem Stützpunkt, dem Brandenburger Haus, führte über den Gepatschferner. Von dort aus bestiegen sie mehrere Gipfel, darunter die Mittlere Hintereisspitze (3451 m), die Weißseespitze (3510 m) und den Fluchtkogel (3494 m). Im Hochgebirge zeigen sich die Folgen des Klimawandels bereits deutlich.

Alljährlich veranstaltet die Deutsche Alpenverein (DAV) Sektion Mering eine große Hochgebirgstour. 2018 nahmen 28 begeisterte Alpinisten an einer Tour zur Wildspitze teil. Dort reifte auch die Idee, im kommenden Jahr – also heuer – eine Eistour auf dem größten Gletscher der Ostalpen, dem Gepatschferner, zu veranstalten. Im August war es dann soweit. 29 Männer und Frauen brachen unter der Führung von Tourenwart Helmut Röhm zu einer viertägigen Gletschertour auf den Gepatschferner auf.

Planungsphase

Die Vorbereitungen für die Tour begannen bereits im Spätherbst 2018. Denn eine 30-köpfige Gruppe kann nicht mal eben so für vier Tage auf den Gletscher hinaufgehen und denken, das wird schon irgendwie gehen. Mehrtägige Bergtouren, besonders mit so großen Gruppen, und dann noch auf einen hochalpinen Gletscher, benötigen eine präzise Planung und ein sorfältiges Risikomanagement. Wie groß der Planungsaufwand ist, zeigt die Tatsache, dass außer der DAV Sektion Mering keine andere DAV Sektion Touren dieser Art für einen derart großen Teilnehmerkreis anbietet. Entscheidend dafür, ob eine Tour möglich ist, ist die Gefährdungsbeurteilung. Dazu erstellt Tourenwart Helmut Röhm eine Punktetabelle. In diese Tabelle fließen die Schwierigkeit der Tour und der einzelnen Tagesziele, Zusammensetzung der Gruppe, Verfügbarkeit der Führer, Wegbeschaffenheit, Wettersituation und die Situation vor Ort ein.
Anhand von detaillierten Bergkarten und aufgrund eigener Kenntnisse des Terrains sowie Erkundigungen über die aktuelle Lage vor Ort wählte Röhm die Route für den Aufstieg, das Basislager für die weiteren Touren sowie die Tagesetappen aus. Im alpinen Hochgebirge sind die Auswirkungen des Klimawandels bereits deutlich zu spüren. So haben das Abschmelzen des Gletschers und der Rückgang des Permafrostes Auswirkungen auf die Route der Tour sowie die Auswahl der möglichen Ziele. Der Permafrost hält viele Bergspitzen zusammen, ohne diesen beginnen sie zu bröckeln. Aus diesem Grund wurde beispielsweise eine Tagestour zur Kesselwandspitze verworfen, da das Risiko von Steinschlägen als zu groß angesehen wurde.
Für eine Gletschertour mit bis zu 30 Teilnehmern werden acht Führer benötigt, die jeweils eine Seilschaft von drei bis vier Personen anführen. Die Teilnehmer einer Seilschaft müssen als Team funktionieren, denn am Gletscher kann dieses Seil der Faden sein, an dem buchstäblich ihre Leben hängen. Dazu ist es nötig, dass alle Teilnehmer der Tour den Mindestanforderungen entsprechen. Dazu gehören: Mentale Stabilität, körperliche Fitness, Erfahrung im Verhalten innerhalb in einer Seilschaft und Geübtheit im Umgang mit Material sowie Terrain. Es kommt dann schon vor, daß ein Teilnehmer abgelehnt wird. Die benötigten Fähigkeiten beispielsweise in der Knotenkunde sowie im Umgang mit einer Seilschaft können auf kleineren Touren oder in speziellen Lehrgängen beim DAV erworben werden.
Hinzu kamen noch die Organisation des Transports und der Abholung, Buchung der Unterkunft im Basislager sowie das Kostenmanagement. DAV Mitglieder zahlten für die Tour inklusive Fahrt und Übernachtungen nur etwa 300 Euro. Diese Punkte sind für das Gelingen der Tour ebenso wichtig. Nachdem all diese Punkte geklärt waren, konnte es Anfang August endlich losgehen.

Standardausrüstung für Hochtouren

Bergschuhe (steigeisenfest), Rucksack (35–45l), Wetterschutz (Jacke, Überhose), Gamaschen (fakultativ), Handschuhe und Mütze, Sonnenschutz (Brille, Hut, Creme, Lippenstift), unzerbrechliche Trink-/Thermosflasche, Stirnlampe/Taschenlampe, Erste-Hilfe-Set, Hüftgurt, Alpinhelm (je nach Gelände).
Zusätzlich das Gletscherset:
1 HMS-Karabiner, Safebiner, 3 Normalkarabiner, 1 Bandschlinge 120 cm, 3 Prusikschlingen (4, 2, 1 Meter), 1 Tube (alternativ Abseilachter), Steigeisen mit Frontalzacken, Eispickel, Eisschraube, Teleskop-Stöcke (fakultativ), Karte, Führer, Kompass, Höhenmesser bzw. GPS und ein Seil.
Gesamtgewicht mit Wechselkleidung etwa 15–20 Kilo.

Rauf auf den Gletscher

Wer in die Berge möchte startet meist früh am Morgen. Um 4 Uhr brachen die 29 Tourteilnehmer und der Busfahrer Richtung Gepatschstausee auf. Vom Parkplatz an der Gepatschalm (1903 Höhenmeter) begann gegen 9 Uhr der Aufstieg über den Gletscherlerpfad und durch den Gletscherbach zur Gletscherzunge. Diese geht am Gepatschferner aktuell um rund 50 Meter pro Jahr zurück. Angekommen an der Gletscherzunge wurden die Seilschaften gebildet und die Ausrüstung für den Gletscher angelegt: dazu zählen die Steigeisen an den Schuhen und die Eispickel in den Händen. Gegen 12.30 Uhr mittags erreichte die Gruppe nach einem Aufstieg über mehr als 800 Meter mit der Rauhekopfhütte (2731m) das Ziel für die Mittagspause. Als die Hütte vor etwa 130 Jahren erbaut wurde, stand diese unmittelbar am Gletscher. Mittlerweile müssen Wanderer vom Gletscher aus mehr als 50 Höhenmeter zur Hütte aufsteigen.

Stützpunkt Brandenburger Haus

Nach etwa einer Stunde Rast machte sich die Gruppe auf den Weg Richtung Brandenburger Haus (3277m) – ihrem Basislager für die kommenden Tage. Durch eine Schneeauflage auf dem Gletscher waren die gefährlichen Spalten im Eis nicht mehr sichtbar. Die Gruppe formierte sich zu einer langgezogenen Kette, deren Glieder durch die einzelnen Seilschaften gebildet wurden.
Die Durchquerung des Gletschersumpfes (Name des Terrains) wurde im Laufe des Tages immer anstrengender je weicher und damit feuchter und schwerer die Firnauflage wurde. Ohne Zwischenfälle erreichte die Gruppe gegen 17 Uhr das Brandenburger Haus. Auch diese Schutzhütte wurde ursprünglich am Gletscher gebaut – nun liegt der Gletscher 90 Meter tiefer als die Hütte.
Das Brandenburger Haus diente im August neben der Gruppe aus Mering vielen weiteren kleinen Gruppen aus ganz Europa als Basislager für Touren auf dem Gepatschferner. Dementsprechend gesellig gestalteten sich die Abende in der Schutzhütte. Um 22 Uhr war jedoch spätestens absolute Nachtruhe, denn viele Wanderer brechen bereits vor Tagesanbruch auf.

Brandenburger Haus

Hoch über der Gletscherwelt der Ötztaler Alpen oberhalb der Scheidelinie zwischen Gepatsch- und Kesselwandferner thront 3277 Meter über dem Meeresspiegel das Brandenburger Haus des DAV. Wer es bis hierhin – ein Zugang ist nur über Gletscher mit spaltenreichen Stellen, so dass eine Seilschaft mehr als empfehlenswert ist – geschafft hat, wird von einer grandiosen Aussicht auf einige der höchsten Berge der Ostalpen belohnt. So beschreibt sich das Haus selbst. Fertiggestellt wurde die Schutzhütte der ehemaligen Alpenvereinssektion Brandenburg (heute DAV Berlin) nach vierjähriger Bauzeit 1909. Sie bietet Platz für etwa 95 Alpinisten.

Tag 2 – Mittlere Hintereisspitze

Nach dem Frühstück – es gab ein großes Frühstücksbüfett und viele packten sich noch etwas für den Tag ein – brach die Gruppe gegen 8 Uhr zur Mittleren Hintereisspitze (3451m) auf. Mittags wurde der Gipfel erreicht. Viele Teilnehmer genossen die Ruhe am Berg. Nach dem langen Aufstieg am Vortag war die Etappe des zweiten Tages eher entspannt.

Tag 3 – Weißseespitze

Nebel und Neuschnee erwarteten die Teilnehmer am 3. Tag. Trotzdem brach die Gruppe vollzählig zur Weißseespitze (3510m) auf. Mehr als 6 Kilometer über den Gletscher und mehr als 300 Höhenmeter mussten im Nebel bewältigt werden, bis der Gipfel erreicht wurde. Und wie aufs Kommando schwang das Wetter um und die Nebelwand riss auf und belohnte die Teilnehmer mit einer grandiosen Aussicht, die den Höhepunkt der Tour darstellte, und viele trugen sich ins Gipfelbuch ein.

Abstieg & Heimreise

Für den Abstieg teilte sich die Gemeinschaft in zwei Gruppen auf. Die erste Gruppe stieg über das Hochjoch und den Hospitz nach Rofen (1400m) ab. Die andere Gruppe wählte eine etwas längere Tour und bestieg erst den Fluchtkogel (3494m) bevor es durch das Guslarjoch über den Guslarferner runter zur Vernagthütte (2755m) ging. Von der Hütte erfolgte der Abstieg nach Rofen, wo die andere Gruppe bereits wartete. Zusammen stiegen beide Gruppen nach Vent ab, wo sie vom Bus abgeholt wurden.
Müde, erschöpft und doch reich an gemeinsamen Erfahrungen und voller schöner Erinnerungen erreichte die Gruppe abends wieder Mering.

DAV Sektion Mering

Die Meringer Sektion des Deutschen Alpenverein bietet neben der großen Hochgebirgstour auch mehrere kleine Touren mit unterschiedlichen Schwierigkeitsgraden an – die auch für Einsteiger und Familien geeignet sind. Dazu kommen Mountainbiketouren und im Winter Ski- und Skiwandertouren. Mehr Informationen und Kontaktmöglichkeiten im Internet unter: www.alpenverein-mering.de.
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