Amitié et Jumelage: Cusset et Neusäß

Hälfte der Strecke, und werden dort vom jeweiligen Partnerschaftsverein in Empfang genommen. Von dort aus geht es dann entweder nach Neusäß oder Cusset. Die Fahrtkosten werden durch die Partnerstädte übernommen. Auch in diesem Jahr findet wieder ein Austausch statt. Teilnehmen kann jeder Jugendliche aus Neusäß. Französischkenntnisse sind nicht unbedingt notwendig. Sport In Frankreich ist Boule (von französisch la boule „die Kugel“, „der Ball“) oder Boule-Spiel nur kurz für die Kugelsportart Boule Lyonnaise (Foto: Privat)
 
Der Vorstand des Verein Städtepartnerschaft Neusäß-Cusset e.V. (Foto: Privat)
 
Blick auf Cusset vom Mont Beton. (Foto: Jojovichy)
 
Kirche Saint-Saturnin. (Foto: Tej)

Freundschaft und Städtepartnerschaft: Cusset und Neusäß – so lautet die Übersetzung des französischen Titels dieser Geschichte.

Viele deutsch-französische Städtepartnerschaften entstanden in den 60er und 70er Jahren des 20. Jahrhunderts ,nachdem der französische Ministerpräsident Charles de Gaulle mit den Worten „Es lebe die deutsch-französische Freundschaft!“ das Ende der Feindschaft der beiden Völker mit dem deutschen Bundeskanzler Konrad Adenauer besiegelte. Die damaligen Städtepartnerschaften, wie beispielsweise zwischen Gersthofen und Nogent-sur-Oise, entstanden noch unter dem Eindruck des 2. Weltkriegs und waren beseelt von dem Gedanken der Versöhnung und dem „Nie wieder“ sollte es einen Krieg zwischen Deutschland und Frankreich geben. Die Verschwisterung zwischen Neusäß und Cusset aus dem Jahre 2000 ist dagegen noch relativ jung und kann losgelöst von der Frage der Versöhnung und Krieg betrachtet werden. Im Vordergrund standen die Gedanken der europäischen Einigung und an den kulturellen Austausch. 19 Jahre später hat der Austausch mit Cusset abseits öffentlicher Veranstaltungen fast alle Ebenen des gesellschaftlichen Lebens erreicht: Sport, Jugend, Kunst, Kultur, Musik, Sprache und Feste. Die Städtepartnerschaft wird somit von den Bürgern getragen.

Wie alles begann

Vier Städtepartnerschaften pflegt die Stadt Neusäß aktuell. Dazu gehören Markkleeberg bei Leipzig (seit 1992), Eksjö in Schweden (1995), Cusset in Frankreich (2000) und Bracciano (2011) in Italien. Gegenseitige Besuche, gemeinsame Veranstaltungen und der Austausch vor allem im Jugendbereich prägen diese Städtepartnerschaften und lassen die Kontakte und Freundschaften wachsen. Wesentlicher Träger der Neusässer Städtepartnerschaften sind die Partnerschaftsvereine, deren Mitglieder mit ihrem Engagement die Städtepartnerschaft mit Leben füllen.

Das es nach Markkleeberg und Eksjö zu einer dritten Städtepartnerschaft und diesmal mit einer französischen Stadt kam, ist vor allem auf den in Ottmarshausen lebenden Franzosen Pascal Phlix zurückzuführen. Beharrlich setzte Phlix sich Mitte der 90er Jahre beim damaligen Neusässer Bürgermeister Dr Manfred Nozar für eine französische Partnerstadt ein. Irgendwann gab der Bürgermeister dem Drängen mit den Worten „Findens was passendes“ nach. Er erstellte daraufhin ein Online Profil der Stadt Neusäß und fand auf diese Weise zwei in Frage kommende französische Städte – eine davon war Cusset bei Vichy.

Im November 1997 brach eine vierköpfige Delegation, bestehend aus den ehemaligen Stadträtinnen Monika Schmid, Erika Böhler mit Ehemann und natürlich Initiator Pascal Phlix, mit dem Auto von Neusäß nach Cusset auf. Während in Neusäß zu Beginn noch eine gewisse Skepsis aufgrund von Sprachbarrieren und aus anderen Gründen herrschte, wurde den Neusässer Botschaftern in Cusset ein großer Empfang bereitet. Vertreter der Vereine, des Jugendparlaments, die Künstlervereinigung und natürlich der Bürgermeister von Cusset Dr Joseph Blethon sowie zahlreiche Stadträte begrüßten die deutschen Gäste. Bei einem runden Tisch im Rathaus beschnupperten sich beide Seiten bis tief in die Nacht hinein. Phlix übersetzte dabei. Zurück in Neusäß wurden im Amtsblatt Interessenten für eine Partnerschaft mit Cusset gesucht und ein Arbeitskreis Neusäß-Cusset als Vorgänger des Partnerschaftsverein (Gründung 1999) gestartet. Im Mai 1998 kam es dann zum Gegenbesuch der französischen Abordnung in Neusäß und 1999 fand bereits der erste Schüleraustausch statt. Ebenfalls 1999 gab es zum ersten Mal einen Stand der Franzosen auf dem Neusässer Weihnachtsmarkt.

Zum offiziellen Festakt der städtepartnerschaftlichen Verschwisterung brachen im Juni 2000 zwei Busse mit Bürgern und Stadträten sowie der Stadtkapelle Neusäß nach Cusset auf. Zum Gegenbesuch in Neusäß, einen Monat später, kamen mehr als 100 Gäste aus Frankreich angereist. Diese wurden bei den Mitgliedern des Vereins Städtepartnerschaft Neusäß-Cusset e.V. sowie engagierten Bürgern untergebracht, so dass niemand im Hotel übernachten musste. Nach der Urkundenunterzeichnung pflanzten die Bürgermeister beider Städte, Dr Manfred Nozar und Dr Joseph Blethon, einen Baum der Freundschaft.
Cusset

Die französische Stadt Cusset mit ihren rund 13000 Einwohnern liegt im Département Allier in der Region Auvergne-Rhône-Alpes und gehört zum Arrondissement Vichy. Die Stadt Cusset schließt nahtlos an den östlichen Stadtrand von Vichy an und ist am Rande eines Nationalparks mit erloschenen Vulkanen angesiedelt. Das Gemeindegebiet umfasst einen Abschnitt der nördlichen Ausläufer des Zentralmassivs. Der aus Richtung Osten kommende Fluss Jolan mündet in Cusset in den Sichon. Zu den Sehenswürdigkeiten zählen die Kirche Saint-Saturnin, das Stadttheater, das Hôtel-Dieu (eine ehemalige Pilgerherberge), ein alter Gefängnisturm und der Kreuzgang eines ehemaligen Klosters. Cusset ist ebenso wie Neusäß eine Schulstadt. Etwa 6000 Schüler besuchen die verschiedenen Einrichtungen, die von der Grundschule bis zum Gymnasium reichen. Neben den über 30 Sportvereinen hat Cusset ein reiches kulturelles Angebot zu bieten.

Feste müssen gefeiert werden

Der Partnerschaftsverein Neusäß-Cusset e.V. wurde im April 1999 ins Leben gerufen und zählte 29 Gründungsmitglieder. Heute hat der Verein etwas über einhundert Mitglieder. Ferner haben sich der Kulturkreis Neusäss, die Musikschule Neusäss und die Frauen-Union dem Verein angeschlossen. Unter der Leitung von Anne Hagen wurde ein Konversationszirkel gegründet. Das Sprachtraining stand allen offen.
Damit die Freundschaft zwischen den Bürgern beider Städte mit Leben gefüllt werden kann braucht es viel Arbeit im Hintergrund. Die Organisation der wechselseitigen Besuche, die beispielsweise im Rahmen von Stadtfesten oder dem Weihnachtsmarkt in Neusäß stattfinden, die private Unterbringung der französischen Gäste und das Rahmenprogramm sowie der jährlich stattfindende Schüleraustausch werden von den Mitgliedern des Partnerschaftsvereins selbst organisiert. Darüber hinaus pflegt der Verein mit regelmäßigen Stammtischen und kleinen Festen, beispielsweise zum französischen Nationalfeiertag (14. Juli), dem Königskuchenessen sowie Themenfahrten, wie beispielsweise zur Napoleonaustellung in Ingolstadt, den kulturellen Austausch und das Verständnis füreinander. In Cusset wird seit 2004 eine Fête de la bière gefeiert. „Auch wenn den Franzosen das O’zapft is noch nicht ins Blut übergegangen ist, lieben sie doch das Zeremoniell“, so Erika Böhler, die Gründungsvorsitzende des Partnerschaftsvereins. Wer mehr über den Verein erfahren oder mitmachen will, kann sich unter www.neusaess-cusset.de informieren.

Beim aktuell stattfindenden Stadtfest in Neusäß wird es, wie es mittlerweile Tradition ist, wieder am ersten Wochenende, 5. bis 7. Juli, einen Stand der Franzosen mit Spezialitäten aus der Region Vichy geben. Außerdem laden die Fotofreunde Neusäß gemeinsam mit dem Fotoclub Cusset am Samstag, 6. Juli, 11 Uhr, zur Vernissage der Ausstellung „Musik“ im Foyer der Stadthalle ein. Die Ausstellung mit Photostudio ist täglich geöffnet. Im Gegenzug beliefert der Partnerschaftsverein Neusäß den Weihnachtsmarkt in Cusset seit 2002 mit Bratwürsten mit Sauerkraut, Bier, Gebäck und Dekorationen aus der Region.
Die frühere langjährige Vorsitzende und heutige Ehrenvorsitzende des Partnerschaftsverein, Stadträtin und 3. Bürgermeisterin von Neusäß, Erika Böhler, war von Anfang an bei der Städtepartnerschaft dabei und ist seitdem in inniger Freundschaft mit Frankreich und seinen Bewohnern verbunden. Seit Jahren engagiert sie sich im Partnerschaftsverein und nimmt an den Städtefahrten teil. So wie Erika Böhler geht es vielen im Verein.

Sprache, Musik und Kunst

Der Mensch als soziales Wesen drückt seine Meinungen und Emotionen in aller Regel in der gesprochenen Kommunikation. Sprechen die Gesprächspartner unterschiedliche Sprachen, gerät die Kommunikation ins Stocken und man bleibt einander fremd. Will man also die andere Kultur und die Menschen richtig kennenlernen, dann führt der Weg über die Sprache. Musik und Kunst bieten abseits der verbalen Kommunikation eine universelle Sprache. Sie vermitteln Stimmungen und Emotionen und ermöglichen das einander Verstehen auch ohne die gleiche Sprache zu sprechen. Zwischen Neusäß und Cusset wird auf allen drei Ebenen kommuniziert.

Jugendaustausch

Der Direktor des Gymnasiums von Cusset, der zugleich auch der Vorsitzende des französischen Partnerschaftskomitee war, und Renate Robertson, Lehrerin am Neusässer Justus-von-Liebig-Gymnasium, starteten 1999 den ersten Schüleraustausch. Seit 2001 organisieren die Partnerschaftsvereine der beiden Städte jedes Jahr einen Jugendaustausch. Ziel ist es, die andere Kultur kennen und so schätzen zu lernen.
So auch im vergangenen Jahr wieder: Jugendliche aus Cusset kamen zu ihren deutschen Partnern, um eine Woche lang das Leben in Bayern kennenzulernen. Ihre Neusässer Gastgeber führten sie zu verschiedenen Highlights in der Region. Besucht wurden unter anderem ein Escape-Room, die Augsburger Innenstadt und die Breitachklamm. Ein halbes Jahr später fand der Gegenbesuch in Cusset statt, wo man die mittelalterliche Innenstadt besichtigte und das 30 Kilometer entfernte Thiers besuchte. Thiers ist vielen wahrscheinlich unbekannt, aber die Messer, die dort hergestellt werden, hat jeder schon gesehen: sie tragen eine Biene auf dem Klingenrücken. Spaßig war auch ein Wildwasser-Rafting in Cusset. Wie jedes Jahr durfte das gemeinsame Zelten unter dem Sternenhimmel nicht fehlen. Auch der wunderschöne Sonnenuntergang von Le Vernet und das gemütliche Beisammensein waren feste Bestandteile des Austausches. Am Ende verabschiedeten sich nicht nur Austauschpartner, sondern Freunde.

Für den Jugendaustausch werden die Austauschschüler von Mitgliedern der beiden Partnerschaftsvereine in Neusäß und Cusset nach Sausheim im Elsaß gebracht. Das liegt etwa auf der Hälfte der Strecke, und werden dort vom jeweiligen Partnerschaftsverein in Empfang genommen. Von dort aus geht es dann entweder nach Neusäß oder Cusset. Die Fahrtkosten werden durch die Partnerstädte übernommen. Auch in diesem Jahr findet wieder ein Austausch statt. Teilnehmen kann jeder Jugendliche aus Neusäß. Französischkenntnisse sind nicht unbedingt notwendig.

Sport

In Frankreich ist Boule (von französisch la boule „die Kugel“, „der Ball“) oder Boule-Spiel nur kurz für die Kugelsportart Boule Lyonnaise, das sogenannte „Sport-Boule“ ein Nationalsport. Die Begeisterung für den Boccia ähnlicher Sport hat mittlerweile auch Neusäß erfasst. 2004 wurde im Schmutterpark eine eigene Bouleanlage errichtet. Das nächste Bouleturnier der Neusäßer Partnerschaftsvereine findet am 20. Juli um 16 Uhr statt. Über Boule hinaus messen sich die Athleten aus Cusset und Neusäß in vielen weiteren sportlichen Wettkämpfen, wie Turnen, Armbrustschießen oder Kajakfahren. Diese Wettkämpfe enden fast immer mit geselligen Grillabenden.

Eine tiefgreifende Freundschaft

Aus Fremden wurden Freunde, aus Unkenntnis der Bräuche und Sitten wuchs Verständnis für den Anderen und so wird durch die Städtepartnerschaft zwischen Neusäß und Cusset der europäische Gedanke gelebt. Es wäre an dieser Stelle wünschenswert, wenn einmal über eine Städtepartnerschaften in Ost- oder Südosteuropa nachgedacht würde. Zu befremdlich wirken viele politische und gesellschaftliche Entscheidungen in diesen Ländern. Würde man einander so gut kennen, wie es zwischen Neusäß und Cusset der Fall ist, dann hätte man vielleicht auch mehr Verständnis füreinander.
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