Digitaler Unterricht am Justus

Unterricht in der der BYOD-Klasse (BYOD = Bring Your Own Device). (Foto: Justus-von-Liebig-Gymnasium/StR Sebastian Kirscher)
 
(Foto: Justus-von-Liebig-Gymnasium/StR Sebastian Kirscher)
 
StR Sebastian Kirscher unterrichtet die BYOD-Klasse. (Foto: Justus-von-Liebig-Gymnasium/StR Sebastian Kirscher)

Seit September nutzt das Justus-von-Liebig-Gymnasium, als eine von nur neun bayerischen Schulen, die HPI-Schul-Cloud, eine digitale Lehr- und Lernplattform, die vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) und dem nationalen Excellence-Schulnetzwerk MINT-EC entwickelt wird. Wir sprachen mit Schulleiter Stefan Düll und Carlette Sandu (Sellvertretende Schulleiterin und MINT-EC-Beauftragte) über die Digitalisierung am Justus-von-Liebig-Gymnasium.

Alle reden über die Digitalisierung. Jedem, der sich mit dem Thema beschäftigt, ist klar, es ist eine Revolution im Kommen. Vergleichbar mit der Erfindung des Computers, des Internets oder der modernen Smartphones. Die Digitalisierung wird alle Lebensbereiche der Gesellschaft und Wirtschaft durchdringen und Deutschland als eine der führenden Wirtschaftsnationen droht in diesem wichtigen Kernbereich den Anschluss zu verpassen. Aber wie sieht eine konkrete Umsetzung aus? Das Justus-von-Liebig-Gymnasium in Neusäß geht diesen Weg Schritt für Schritt. Damit die Digitalisierung in den Schulen und in der Gesellschaft endlich vorankommt, braucht es mehr als nur Lippenbekenntnisse durch die Politik. Aber in einem Land der Bedenkenträger, ist mit dem Thema kein Wahlkampf zu gewinnen.

Das Justus ist Vorreiter in der Region

Warum aber geht die Digitalisierung, wie beispielsweise an den Schulen, so langsam? Es sind zum einen große finanzielle Hürden, die es zu überwinden gilt. Den Unterricht digital gestalten zu können setzt die entsprechende Infrastruktur voraus. Da braucht es schnelles Internet mit WLAN im ganzen Schulhaus, Laptops, Rechner oder Tablets an denen Lehrer und Schüler arbeiten können sowie Bildprojektoren zur graphischen Darstellung und vieles mehr. Aber mit der Ausstattung allein ist es nicht getan. Es braucht digital verfügbare Lernmaterialien und die Lehrer müssen im Umgang mit der Technik und der Software geschult werden. Darüber hinaus gilt es die rechtlichen Rahmenbedingungen zu schaffen. Das betrifft Fragen des Datenschutzes, die Nutzung von Cloud-Diensten in und außerhalb der Schule oder wie können Leistungsnachweise im digitalen Zeitalter erbracht werden können. Aktuell ist es beispielsweise am Justus nicht möglich, Schulaufgaben in digitaler Form zu schreiben. Die Vergleichbarkeit der Geräte und die Sicherheit der Daten sind nicht gewährleistet.

2013 sorgte das mathematische Erasmus-Projekt des Justus-von-Liebig-Gymnasiums für bundesweite Aufmerksamkeit und brachte der Schule eine Einladung zur Bewerbung zum
MINT-EC-Projekt. Um Teil des nationalen Excellence-Schulnetzwerks MINT-EC zu werden, müssen die Schulen in Vorleistung gehen und ein umfassendes naturwissenschaftliches Lernkonzept entwickeln. Am Justus wurde in der 5. Jahrgangsstufe eine Forscherklasse eingeführt. In dieser steht jede Woche eine zusätzliche Schulstunde für chemische oder physikalische Laborversuche auf dem Programm. Das Ziel war es, dass die Schüler wie echte Wissenschaftler lernen auszuprobieren, zu dokumentieren und dann daraus Schlussfolgerungen zu ziehen. Der Unterricht dient auch als Vorbereitung für Wettbewerbe wie Jugend forscht, Mathe-Olympiade oder Kanguruh. Seit 2015 war das Justus dann auch offizieller Anwärter des MINT-EC und die Lehrkräfte nahmen an zahlreichen Fortbildungen und Seminaren teil. Seit 2019 ist die Schule nun Vollmitglied des Schulnetzwerkes.

In Zusammenarbeit mit dem Landratsamt wurde eine grundlegende digitale Vollausstattung erreicht. Jeder Unterrichtsraum ist mit einem Tablet, einem PC, Beamer und einer Dokumentenkamera ausgestattet und an LAN angeschlossen. Nach dem Ausbau 2025 sollen zudem alle Räume über WLAN verfügen. Außerdem hat das Landratsamt eine Notebook-Klasse eingerichtet. Eine einzelne Klasse wurde für den Unterricht mit Notebooks ausgestattet. Diese Klasse wandert mit den Notebooks von der 7. bis zur 11. Jahrgangsstufe und fängt dann wieder von vorne an.
Seit Anfang des Schuljahres gibt es auch eine BYOD-Klasse (Bring Your Own Device). Dabei müssen die Schüler nach den Vorgaben der Schule ein eigenes Tablet in den Unterricht mitbringen. Der Vorteil der Tablet-Klasse ist – die Schüler können die Geräte im Gegensatz zu den Notebooks auch zum Arbeiten mit nach Hause nehmen. 2020 soll dann eine zweite Tablet-Klasse starten.

Realistische Erwartungen

„Digitaler Unterricht macht keine besseren Schüler. Die Schüler müssen immer noch selbst lernen, verstehen und das Gelernte anwenden“, so Schulleiter Düll. Der digitale Unterricht soll die Unterrichtsinhalte auf moderne und zeitgemäße Art und Weise vermitteln. Außerdem erlernen die Schüler die technischen Möglichkeiten der Geräte, Programme und einen verantwortungsvollen Umgang mit den neuen Medien. Schulleiter Düll betonte, wie wichtig es ist, den Schülern zu zeigen, dass Smartphones und Computer nicht nur zum Spielen da sind, sondern reale Werkzeuge (Tools) für die Arbeit oder im Studium sind. Während die Schüler also den Stoff in Mathe, Physik etc. durchgehen, lernen sie die digitalen Medien in den Bereichen Textverarbeitung, Projektarbeiten, gezielte Suchen mit Suchmaschinen, wissenschaftlich sauberes Arbeiten, Lesezeichen- und Browserverwaltung, Erstellung von Excel-Tabellen, Power-Point-Präsentationen oder Bildbearbeitung ganz nebenbei durch Anwendung.

Ein wichtiger Baustein für den digitalen Unterricht sind die Clouds wie MEBIS (Bayerische Schulcloud), MS Office 365 oder seit kurzem die HPI-Schul-Cloud. Diese ermöglichen ein gerätunabhängiges Arbeiten, stellen digitale Arbeitsmaterialien zur Verfügung, dienen als Datenspeicher und Kommunikationsplattformen und erleichtern die Verwaltung. So können Schüler und Lehrer aktuelle Stunden- und Vertretungspläne einsehen, Hausaufgaben verschicken oder beispielsweise Unterrichtsmaterialien zur Verfügung stellen.
„Ziel muss es sein, mittelfristig einmal eine Vollabdeckung zu erreichen, bei der alle Klassen und Schüler den Unterricht auch digital gestalten können“, wünschen sich Schulleiter Stefan Düll und Carlette Sandu.

HPI-Schul-Cloud

Die HPI Schul-Cloud ist eine digitale Lehr- und Lernplattform, die aktuell vom Hasso-Plattner-Institut (HPI) und dem nationalen Excellence-Schulnetzwerk MINT-EC entwickelt wird, zu dem auch das Justus-von-Liebig-Gymnasium gehört. „Die HPI Schul-Cloud ermöglicht den Schülern und Lehrkräften eine IT-gestützte Kollaboration im Unterricht und erleichtert die Vor- und Nachbereitung so auf beiden Seiten“, sagt Stefan Düll, Schulleiter des Justus-von-Liebig-Gymnasiums.

Insgesamt 121 Schulen aus dem MINT-EC-Schulnetzwerk testen aktuell die HPI Schul-Cloud. „Die vielen Anregungen und Ideen aus den Pilotschulen waren und sind entscheidend für die Weiterentwicklung des Projektes“, sagt Wolfgang Gollub, Vorstandsvorsitzender MINT-EC. Alle Pilotschulen können die Plattform durch Nutzung einer Feedbackfunktion, sowie durch aktiven Austausch und Engagement beispielsweise auf Workshops und MINT-EC-Arbeitsgruppentreffen mitgestalten.

Bisher stehen über eine Millionen digitale Materialien und viele Unterrichtswerkzeuge in der HPI Schul-Cloud zur Verfügung. Ganz neu ist die Teams-Funktion, die es Lehrkräften ermöglicht, sich sowohl intern als auch schulübergreifend zu vernetzen. Auch Schüler können auf diese Weise Dateien teilen, Termine koordinieren und über einen Chat miteinander kommunizieren.
0
Schon dabei? Hier anmelden!
Schreiben Sie einen Kommentar zum Beitrag:
Spam und Eigenwerbung sind nicht gestattet.
Mehr dazu in unserem Verhaltenskodex.