Einbruchsprävention in acht Sekunden

Als Gesprächspartner standen der Pressesprecher des Polizeipräsidium Schwaben Nord Michael Jakob (rechts) und Kriminalhauptkommissar Jürgen Morawetz zur Verfügung.
 
Symbolbild - Einbrecher scheuen vor allem die Entdeckung und suchen deshalb leichte Ziele, bei denen sie schnell rein und wieder raus kommen. (Foto: Pixabay/S_Salow)
 
Symbolbild - Ein großer Schraubenzieher wie dieser reicht den Einbrecher zum Einsteigen in ein ungesichertes Haus. (Foto: Pixabay/klara1)
 
Ein sogenanntes DIN 2 zertifiziertes einbruchshemmendes Fenster hat einen abschließbaren Fenstergriff, eine durchstichhemmende Folie im Glas und Pilzköpfe an den Seiten sowie unten und oben, die im Rahmen arretiert werden und so ein aufhebeln verhindern.

Acht Sekunden, solange brauchte Kriminalhauptkommissar Jürgen Morawetz von der Kriminalpolizeiinspektion Augsburg K7 – Einbruchsprävention, zum Aufhebeln eines nur mit einem Standardbesatz versehenen Fensters. In Neusäß und Aystetten wurde in den ersten sechs Monaten 2019 bereits acht Mal eingebrochen. Wir sprachen mit den Experten von der Polizei über das Einbruchsgeschehen in Neusäß. 

In den ersten Monaten des Jahres 2019 gab es immer wiederkehrende Pressemeldungen zu Wohnungseinbrüchen in Neusäß und Aystetten. Grund genug für uns den Ursachen auf den Grund zu gehen und nachzufragen, wie man sich davor schützen kann das Ziel von Einbrechern zu werden. Dafür sprachen wir mit Michael Jakob, Leiter der Pressestelle des Polizeipräsidium Schwaben Nord, und Kriminalhauptkommissar Jürgen Morawetz von der Kriminalpolizeiinspektion Augsburg K7 – Einbruchsprävention.
Herba Verlag: Herr Jakob, wie sind die aktuellen Zahlen zu den Einbrüchen in Neusäß und den Ortsteilen?
Pressesprecher Michael Jakob: Für 2019 gibt es acht erfasste Fälle von Wohnungseinbruchsdiebstählen. Davon sieben in Neusäß und seinen Ortsteilen und einen in Aystetten. Betroffen waren freistehende Einfamilienhäuser sowie Doppelhaushälften. Erfolglose Versuche, bei denen die Täter ihr Vorhaben abgebrochen haben, sind in den acht erfassten Fällen bereits enthalten.
Zum Vergleich: Im Bereich des ganzen Polizeipräsidium Schwaben Nord gab es im vergangenen Jahr 361 Wohnungseinbruchsdiebstähle, davon 126 Tageswohnungseinbruchsdiebstähle. In 52,1 Prozent der Fälle haben der oder die Täter den Versuch abgebrochen. Für das Gebiet Neusäß wurden für das Gesamtjahr 2017 elf und für 2018 sieben Fälle registriert.

Herba Verlag: Wann finden die meisten Einbrüche statt?
Kriminalhauptkommissar Jürgen Morawetz: Das ist von der Jahreszeit abhängig. Wir unterscheiden zwischen Tageseinbrüchen (6 bis 21 Uhr) und Dunkelheitseinbrüchen. Tagsüber wird oft am Vormittag eingebrochen, wenn die Bewohner des Hauses oder der Wohnung in der Arbeit, beim Einkaufen und die Kinder in der Schule oder dem Kindergarten sind. Eine weitere kritische Zeit ist, wenn es im Herbst früher dunkel wird. Dann können die Täter anhand des Lichts sehen, ob jemand zu Hause ist oder noch in der Arbeit, beim Sport, Einkaufen und so weiter.

Herba Verlag: Wie hoch ist die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbruchdelikten und wer sind die Täter?
Jakob: Im vergangenen Jahr haben wir im Polizeipräsidium Schwaben Nord mit einer Aufklärungsquote 35,5 Prozent den zweitbesten Wert der vergangenen zehn Jahre erreicht. Im bayernweiten Vergleich mit 20,6 Prozent stellt dies einen herausragenden Wert dar. Die Aufklärungsquote bei Wohnungseinbruchsdelikten ist jedoch starken Schwankungen unterworfen. So lag die Quote 2016 bei 28.5 Prozent und 2017 nur bei 15,7 Prozent. Diese Schwankungen erklären sich dadurch, dass Einbrüche häufig von Serientätern begangen werden und somit die Aufklärung eines Falles zur Lösung vieler anderer beiträgt. Zur Verbesserung entscheidend beigetragen hat aus meiner Sicht, dass die Aufklärungsarbeit für alle Reviere nun in enger Zusammenarbeit mit den Kräften vor Ort zentral bei der Kriminalpolizei Augsburg zusammenläuft. Damit können die Taten und die Daten zu möglichen Verdächtigen besser miteinander abgeglichen werden.
Die Ermittlungen zu Wohnungseinbruchsdelikten sind schwierig und sehr zeitaufwendig. Zuerst muss die Spurensicherung den Tatort auf Fingerabdrücke und weiteren verwertbaren Spuren wie DNA absuchen und mögliche Zeugen müssen befragt werden. Oft dauert es Monate bis ein Fingerabdruck bei einer weiteren Tat erneut auftaucht, dann gehen die Ermittlungen weiter und es werden Querverweise gesucht.
Bei den Tätern handelt es sich im überwiegenden Teil der Fälle um Banden aus Ost- und Südosteuropa.

Herba Verlag: Was ist zu tun, wenn ich im Schlafzimmer liegend höre, wie jemand einbricht?
Morawetz: Sie sollten auf keinen Fall das sichere Schlafzimmer verlassen. Rufen Sie laut, „wer ist da“ und teilen Sie mit, dass Sie nun die Polizei rufen. Wählen Sie den Polizeinotruf unter 110 und reden Sie laut mit der Polizei, damit es der Einbrecher mitbekommt. Nun heißt es am Telefon zu bleiben und den Anweisungen des Beamten zu folgen. Legen Sie nicht auf, nur so können die Beamten Fragen klären und wissen wie die Situation vor Ort ist. Versuchen Sie auf keinen Fall den Einbrecher zu stellen oder am Fliehen zu hindern, denn Sie wissen nicht, ob der Täter bewaffnet ist. Der Einbrecher hat normalerweise kein Interesse an einer Konfrontation mit Ihnen, er wird nach der Entdeckung die Flucht ergreifen. Sie sollten vor allem sich selbst schützen.

Herba Verlag: Bei mir wurde eingebrochen. Wie geht es weiter?
Morawetz: Wer bei der Heimkehr feststellt, dass bei ihm eingebrochen wurde, sollte das Haus nicht betreten, sondern den Polizeinotruf wählen. Denn der Täter könnte noch im Haus sein. Selbst wenn klar ist, das der Täter weg ist, sollte das Einbruchsopfer den Tatort nicht betreten. Nur so können unverfälschte Spuren aufgenommen werden. Nach der Freigabe durch den Erkennungsdienst werden die Einbruchsopfer aufgefordert eine Liste mit fehlenden Gegenständen zu erstellen. Diese werden dann zur Fahndung ausgeschrieben. Anschließend wird der Schaden der Hausratversicherung gemeldet. Danach heißt es abwarten.
Ein Tipp: Wer Fotos von seinen Wertsachen macht, beispielsweise vom Schmuck der gerade getragen wird, individualisiert damit seine Wertsachen, hilft der Polizei bei der Fahndung und kann seine Ansprüche gegenüber der Versicherung leichter durchsetzen.

Herba Verlag: Wie kann man sich vor Einbrechern schützen?
Morawetz: In dem Sie uns anrufen. Mit uns ist das K7 – die technische Prävention – der Kriminalpolizei gemeint. Wir werden leider in vielen Fällen erst gerufen, wenn bereits eingebrochen wurde. Dabei kann jeder Bürger die kostenlose Einbruchsberatung der Kriminalpolizei in Anspruch nehmen. Meine Kollegen und ich vereinbaren dann einen Termin, sehen uns die Gegebenheiten vor Ort an und beraten zu präventiven Verhaltensweisen und Maßnahmen. Beispielsweise wer ein Haus baut, sollte sich bereits in der Planungsphase beraten lassen, denn zum einen ist das Nachrüsten zur Einbruchssicherung immer teurer und zum anderen fördert die KfW (Kreditanstalt für Wiederaufbau) oftmals präventive Maßnahmen zum Einbruchsschutz.
Es muss jedoch klar gesagt werden, wenn jemand unbedingt einbrechen will, dann kommt er auch rein. Es ist jedoch eine Frage der Zeit und welche Mittel er dafür aufwenden muss. Man muss es ihm so schwer wie möglich machen. Denn was der Einbrecher am meisten fürchtet ist die Entdeckung. Wenn er keine einfache Gelegenheit findet, dann wird er entweder gar nicht erst versuchen einzubrechen oder die Tat abbrechen – wie die hohe Quote an Versuchen aus der Statistik zeigt (52,1 Prozent).

Herba Verlag: Welche Ratschläge geben Sie den Interessierten vor Ort?
Morawetz: Tatgelegenheiten zu minimieren. Die Mehrzahl der Einbrüche wird in der Regel von Gelegenheitstätern mit einfachen Hebelwerkzeugen begangen. Diese nutzen eine lange Abwesenheit, unverschlossene Türen oder gekippte Fenster (kommt einem offenen Fenster gleich) aus, um schnell reinzugehen und schnell wieder zu verschwinden.
Jakob: Das Zeitfenster für einen Wohnungseinbruch beträgt in der Regel 13 Minuten. Drei Minuten fürs Eindringen und zehn Minuten fürs Suchen. Sollte der Täter länger als drei Minuten für das Eindringen benötigen, bricht der Täter den Versuch oftmals ab. Anders als im Fernsehen, wo die Einbrecher mit Lieferwägen vorfahren und ganze Häuser ausräumen, werden in der Realität vor allem kleine aber wertvolle Gegenstände wie Schmuck und Bargeld gestohlen. Denn die Täter scheuen die Entdeckung.

Herba Verlag: Wie können konkret Gelegenheiten minimiert werden?
Morawetz: Der billigste Schutz sind aufmerksame Nachbarn. Einbrecher scheuen das Risiko entdeckt zu werden. Und wenn sie von einem Nachbarn gesehen werden ist das für sie gleichbedeutend mit einer Entdeckung. Darum unser Appell an die Bürger: Seid wachsam, wenn sich jemand auffällig verhält. Sprecht die Person an, macht vielleicht sogar ein Foto von dem Auto (nicht von der Person, das wäre aus datenschutztechnischen Gründen problematisch), oder ruft die Polizei an und meldet die Beobachtung. Wer sich unsicher ist, ob er etwas melden sollte, sollte auf sein Bauchgefühl hören. Kommt einem die Situation nicht normal vor, dann der Polizei melden.
Guter Einbruchschutz beginnt beim eigenen Verhalten. Man sollte darauf achten, dass alle Türen und Fenster beim Verlassen des Hauses immer abgeschlossen sind. Eigentlich selbstverständlich und doch ziehen viele ihre Türe nur zu oder vergessen gekippte Fenster zu schließen. Eine weitere einfach umzusetzende Maßnahme ist Anwesenheit vorzutäuschen. Durch Zeitschaltuhren kann das Licht eingeschaltet werden, auch wenn man selbst noch nicht Zuhause ist. Das ist nicht nur während des Urlaubs empfehlenswert, sondern auch während der Dämmerungszeit im Herbst. Während des Urlaubs sollten keine Mülltonnen über Tage hinweg am Straßenrand stehenbleiben oder sich die Post vor dem Briefkasten stapeln.

Herba Verlag: Das nützt alles nichts, sollte der Einbrecher zur Tat schreiten. Wäre eine Alarmanlage nicht hilfreicher?
Morawetz: Natürlich muss auch das Haus oder die Wohnung geschützt werden. Am besten ist es mechanische Sicherungstechniken mit elektronischer Überwachung und Meldeanlagen zu kombinieren. Grundsätzlich gilt jedoch, mechanischer Schutz hat Vorrang vor anderen Maßnahmen. Unter mechanischem Schutz sind beispielsweise Fenster, Türen und Schließanlagen zu verstehen, die den Einbrecher daran hindern in das Haus hineinzugelangen. Am besten lässt sich das an einem Fenster demonstrieren. Fenster mit Pilzkopfbeschlag der Kategorie RC2 (Resistance Class II) sind ausgestattet mit einer einbruchshemmenden Beschlag die das Fenster an allen Seiten sichert und so keine Möglichkeit bietet einen Hebel anzusetzen. Außerdem hat das Fenster einen abschließbaren Fenstergriff und eine einbruchshemmende Gesamtkonstruktion, die mit einer Schutzfolie (P4A-Verglasung) das Einschlagen der Scheibe erschwert.
An dieser Stelle demonstriert Kriminalhauptkommissar Jürgen Morawetz nur mit einem großen Schraubenzieher als Hebelwerkzeug ausgerüstet, wie leicht ein Standardfenster ohne einbruchshemmende Schutzmaßnahmen zu knacken ist. Zielsicher setzt er die Spitze des Schlitz-Schraubenziehers an. Ein paar kräftige Ruckler und schon war das ehemals verschlossene Fenster innerhalb von 8 Sekunden geöffnet.
Ähnlich wie die Fenster sollten die Türen einbruchshemmend geschützt werden. Auch hier gilt die Widerstandsklasse R2 als Mindeststandard. Dann reicht ein einfaches Stemmeisen nicht mehr zum Eindringen. Bei Kellertüren lohnt sich beispielsweise der Einsatz eines zusätzlichen Sperrriegels. Die stabilste Türe ist jedoch wertlos, wenn der Schließmechanismus bestehend aus Schloss, Schutzbeschlag und Schließzylinder oder Falle nichts taugen .
Videoüberwachung oder Meldeanlagen sind darüber hinaus nicht immer notwendig, können jedoch die Sicherheit weiter erhöhen. Die einbruchssichernden Maßnahmen müssen individuell auf jedes Objekt einzeln abgestimmt werden. Wir beraten Interessierte gerne, egal ob es um ein Haus in der Planungsphase oder um eine Nachrüstung geht. Die meisten Sicherheitssysteme sind nachrüstbar, jedoch oftmals auf Kosten der Optik oder des Preises. Und ganz wichtig ist, einen qualitativ hochwertigen und damit wirksamen Einbruchschutz gibt es nur selten im Baumarkt. Dafür gibt es spezielle Fachhändler. Diese verwenden ausschließlich DIN oder VDS zertifizierte Bauteile.

Weitere Infos und Kontakt

Für weitere Informationen und eine kostenfreie individuelle Beratung durch die Beamten der Beratungsstelle zur Einbruchprävention einfach unter Telefon 0821/3233737 anrufen und einen Termin vereinbaren. Alternativ gibt es unter www.k-einbruch.de ausführliche Informationen zu Verhaltenstipps, den unterschiedlichen Sicherheitssystemen und empfohlenen Fachbetrieben in der Region.
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