St. Stephanus in Hainhofen

Es war irgendwie schon immer klar – Jesus ist ein Hippie. Zumindest legt das diese coole Jesusfigur in der Pfarrkirche St. Stephanus nahe.
 
Pfarrkirche St. Stephanus. (Foto: Martin Kluger)
 
Fast hätten nicht alle interessierten Besucher in der Sakristei Platz gefunden, um den Ausführungen des Referenten Prof. Walter Plötzl (Mitte hinten) zu den Fresken zu lauschen.

Am Sonntag, 8. September, fand der alljährliche „Tag des offenen Denkmals“ unter dem Motto „Modern(e): Umbrüche in Kunst und Architektur“ statt. Wie in den Jahren zuvor rückten auch in Neusäß und in den Ortsteilen an diesem Tag alte Gebäude in den Mittelpunkt des Interesses und luden dazu ein, neu entdeckt zu werden. An diesem Tag fanden in den Kirchen St. Thomas Morus in Alt-Neusäß und St. Stephanus in Hainhofen Führungen und Veranstaltungen statt.

Zum „Tag des offenen Denkmals“ ließen sich viele Besucher nach dem Gottesdienst von Prof. Dr. Walter Plötzl, dessen Fachgebiet im Bereich gotische Kunstwerke (Fresken, Monstranz und Auferstandene) liegt, und Pfarrer Karl Freihalter durch die Geschichte der vor Kurzem neu renovierten Pfarrkirche St. Stephanus in Hainhofen führen. Nachmittags war bei einer weiteren Führung durch Pfarrer Karl Freihalter eine Besteigung des historischen Turmes möglich. Nach den Führungen gab es bei Kaffee und Kuchen anregende Gespräche und weitere Nachfragen zu dem Gehörten. Zum Abschluss des Denkmaltages verwöhnte Dr. Michael Wersin die Besucher mit einem Orgelkonzert. Erstmals 1276 urkundlich erwähnt, beherbergt Hainhofen, das heute zu Neusäß gehört, mit der Pfarrkirche St. Stephanus eine architektonische Zeitkapsel, die im Landkreis Augsburg ihresgleichen sucht. Hainhofen gehörte lange zum Hochstift Augsburg und wurde von dessen Bischöfen Augsburger Patrizierfamilien wie den Portnern, den Langenmantel, den Fuggern oder den Freiherren von Rehlingen zu Lehen gegeben.

Von der ursprünglichen Chorturmkirche, die im 14. Jahrhundert erbaut wurde, ist nur noch der untere Teil des Turmes erhalten. Um 1500 erfolgte die Erhöhung und Einwölbung des alten Chorraumes mit einem Sterngewölbe, dessen Schlussstein das Wappen des Orts- und Patronatsherrn Hans Walter und seiner Gemahlin Magdalena Langenmantel trägt. Der Turmaufbau wurde gegen Ende des 16. Jahrhunderts umgestaltet. 1718 wurde ein neues Langhaus errichtet und ein Jahr später ein neuer Chor. Baumeister war der Bobinger Maurermeister Johann Holzapfel. Mit der Stuckierung wurde Matthias Lotter aus Augsburg betraut, die (nicht mehr vorhandenen) Deckenfresken schuf Hans Georg Kuen aus Diedorf. Am 21. September 1723 fand die Weihe der neuen Kirche durch den Weihbischof Johann Jakob von Mayr statt.

1850/60 wurden die Fresken des Langhauses übermalt und 1910, als die Kirche um ein Joch nach Westen verlängert wurde, wiederum durch neue Deckenbilder ersetzt. 1898 entdeckte man die spätgotischen Fresken im unteren Geschoss des Turmes, das heute als Sakristei genutzt wird.

Innenleben der Kirche

Der Stuckdekor stammt von 1719. In dem 1910 im Westen angefügten Langhausjoch wurde er ergänzt. Häufige Motive sind Ranken, Schilfstängel, Rispen und sichelförmige Blätter. Über dem Hochaltar wird eine Vorhangdraperie aus Stuck von Putten gehalten. Die Stichkappen sind mit Ovalmedaillons versehen, die von Blattwerk umrahmt sind und stuckierte Embleme mit Inschriften enthalten. Unter der Darstellung einer Sonnenblume stehen die Worte „Sursum corda“ (erhebet die Herzen) und unter einem Schilfkolben „Constanter“ (standhaft).

Die Ovalmedaillons im Langhaus sind mit Stuckreliefs von Heiligenbüsten gestaltet. Dargestellt sind der heilige Stephanus, die heilige Barbara mit ihren Attributen Turm und Kelch, die heilige Katharina von Alexandrien mit dem Rad und der heilige Laurentius mit einem Rost.

Die heutigen Deckenbilder stammen von Otto Hämmerle aus München. Sie sind dem Schutzpatron der Kirche gewidmet und stellen im Chor die Steinigung des heiligen Stephanus dar, im Langhaus Predigt und Heilung eines Kranken durch den heiligen Stephanus. Die Bilder der Zwölf Apostel in den Medaillons der Stichkappen stammen vermutlich noch von 1850/60.

In der heutigen Sakristei ist ein Freskenzyklus aus dem späten 14. Jahrhundert erhalten. Vermutlich wurden die Szenen, in denen die Leidensgeschichte Christi und Heilige dargestellt werden, bereits um 1500 übermalt. An der Nordseite ist Christus am Ölberg dargestellt, über ihm die Hand Gottes, im Hintergrund die schlafenden Jünger und ein stilisierter Baum. Weitere Szenen sind: Gefangennahme Jesu mit Judaskuss und Petrus, der Malchus ein Ohr abschlägt, Christus vor Herodes Antipas, Geißelung und Dornenkrönung. An der Südseite werden dargestellt: Simon von Cyrene hilft Jesus das Kreuz tragen, Jesus wird ans Kreuz genagelt, Maria und Johannes unter dem Kreuz, Kreuzabnahme und Auferstehung Christi. An der Ostseite sind Heilige dargestellt, wie der heilige Ulrich, der einen Fisch in der Hand hält, und die heilige Afra.
An der Kanzel sind in Nischen, die von schlanken Säulen mit korinthischen Kapitellen unterteilt sind, die vier abendländischen Kirchenväter Ambrosius von Mailand, Augustinus von Hippo, Hieronymus und Papst Gregor I. dargestellt. Der Schalldeckel ist mit zwei Putten besetzt, einer hält eine Monstranz.

Hoher geschichtlicher Wert

Prof. Dr. Walter Plötzl und Pfarrer Karl Freihalter ergänzten sich mit ihren Beiträgen und erstaunten die anwesenden Besucher, aber sich auch gegenseitig, mit ihrem detaillierten Fachwissen. So waren beispielsweise auf den Deckenfresken, die den Passionsweg und die Kreuzigung Jesu Christi zeigen, Personen mit gelben Gewändern oder mit gelben Bändern und Hauben zu sehen. Im Mittelalter war gelb die Farbe der sozial Benachteiligten und Ausgegrenzten. So wurden Juden häufig in gelben Gewändern und Prostituierte mit gelben Bändern dargestellt. Eine weitere Besonderheit der Kirche Hainhofen ist die prächtige von Anton Fugger gestiftete Monstranz, in deren Spitze der Heilige Sankt Stephanus sitzt. Anton Fugger, der kurze Zeit Herr über Hainhofen war, lag die Kirche St. Stephanus sehr am Herzen und er förderte diese mit beträchtlichen Mitteln. Nach dessen Insolvenz richteten sich begierige Blicke auf die Schätze der Pfarrei zur Begleichung der Schulden. Die wertvolle Monstranz verblieb jedoch in Hainhofen.
Wer mehr über die Geschichte der Kirche in Hainhofen erfahren möchte, ist jederzeit eingeladen den Gottesdienst zu besuchen und im Anschluss daran das Gespräch mit Pfarrer Karl Freihalter zu suchen.

Quellen: Martin Kluger: St. Stephan Hainhofen. context verlag Augsburg, Augsburg 2012, ISBN 978-3-939645-46-7. //Informationsblatt der Pfarrei St. Stephanus Hainhofen
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