Wunderbunt und ungeschminkt

Annabell Fiebiger ist Fotografin aus Leidenschaft. Foto: Stöbich
 
Foto: Fiebiger
 
Foto: Fiebiger
Neusäß: Neusäss | Fotografin Annabell Fiebiger zeigt ausdrucksstarke Portraitserie

Von Peter Stöbich
Ungeschminkt, wunderbunt und beziehungsweise, so nennt die Neusässer Fotografin Annabell Fiebiger ihre Trilogie mit ausdrucksstarken Porträtaufnahmen. Ihr künstlerisches Gleichstellungs-Projekt sieht sie als Aufruf zu mehr Akzeptanz und Toleranz.

Ein schnelles Bild für die Bewerbungsmappe oder den Reisepass bekommt man bei der 38-jährigen nicht, denn sie hat keinen Laden in Neusäss. In ihrem Atelier an der Wilhelm März-Strasse arbeitet sie unter anderem für Agenturen, Medien und Privatkunden. „Die Studioräume nahe der Schmutter habe ich durch einen schönen Zufall entdeckt", erzählt sie, "indem ich beim Joggen einem Storch gefolgt bin und einfach an der Haustür geklingelt habe."
Doch nicht die Fotografie war ihr ursprünglicher Berufswunsch, sondern Modedesign: "Ich war nicht zu bremsen, habe Vorhänge zerschnitten und mit 16 Jahren eine Schneiderlehre begonnen." Es folgten Ausbildungen zur Friseurin und Visagistin sowie ein Praktikum bei einer Casting-Agentur in den Bavaria-Filmstudios. "Erst mit Mitte 20 habe ich mir dann eine Kamera gekauft und mich damit tagelang in den Zoo gesetzt."
Ihre vielen Talente und ihr hohes Maß an Kreativität sind hilfreich, wenn Fiebiger Schminktipps oder Workshops gibt, wie gestresste Mütter ein frisches Aussehen zaubern können. Perfektion ist dabei jedoch nicht das Ziel, eher das Akzeptieren von Schwachstellen und das Herausarbeiten der natürlichen Schönheit.
„Macht euch frei vom Perfektionismus. Es gibt keine Symmetrie in der Natur, schon gar nicht am Körper“, rät Fiebiger allen Frauen. Sie kann mit dem in vielen Medien propagierten Jugend- und Schönheitswahn, den Curvy- und Supermodel-Wettbewerben wenig anfangen und spricht von "Fake Faces", also Gesichtern, die den Betrachter bewußt täuschen wollen.
"Da wird am Computer mit Hilfe von Bildbearbeitungs-Programmen jede Falte entfernt, jede Pore geglättet, Hüfte und Schenkel schmaler gemacht - das hat mit dem wirklichen Menschen kaum noch etwas zu tun!" Das weiß auch Boxweltmeisterin Tina Schüssler, die in Diedorf und Stadtbergen aufgewachsen ist. "Ich stehe seit über 26 Jahren im Fokus der Medien, bin oft im Ferensehen und habe sehr viele Auftritte", sagt sie, "da wird man regelrecht hinter den Kulissen zugespachtelt oder sitzt Stunden in der Maske. Das war schon immer gegen meine Vorstellung, da ich mich auch gern in der Öffentlichkeit als eine sehr natürliche und authentische Frau ohne Schminke zeige."
Deshalb machte sie bei Fiebingers Projekt "Ungeschminkt" mit, das jeweils fünf Schwarzweiß-Porträts von Frauen zwischen 15 und 72 Jahren zeigt. Statt Make-Up und gekünsteltem Lächeln zeigen die Bilder authentische Gefühle, Freude, Hoffnung, Schmerz, Trauer oder Wut. Die erfolgreiche Ausstellung war dieses Jahr unter anderem in Bobingen und Meitingen zu sehen. "Bei einem Shooting ganz ohne Schminke und ohne Fotomontage mitzumachen, fand ich sehr ansprechend und vor allem interessant", sagt Schüssler. Andere Teilnehmerinnen hatten dagegen Vorbehalte, erzählt die Fotografin: "Mit einer führte ich lange Diskussionen, bis sie überraschend doch noch zusagte, weil sie sonst nie ungeschminkt aus dem Haus geht."
In der ehemaligen Gleichstellungsbeauftragten des Landkreises, Mathilde Weirather, fand Fiebiger eine Gleichgesinnte, die das Projekt auch finanziell unterstützte. Weirather zeigt sich begeistert von den Frauen-Porträts und stellt fest: "Kunst setze sich seit jeher mit politischen oder gesellschaftlichen Themen auseinander und Annabell ist es gelungen, ein sehr aktuelles Thema symbolisch im Bild darzustellen.“ Fake Faces und alternative Fakten seien heute salonfähig geworden, sagt Fiebiger. "Jeder weiß das und erkennt diese auch, aber wo bleibt die soziale Verantwortung?"
Im zweiten und dritten Teil der Ausstellung übernehmen Kinder und Männer die Hauptrolle. "Wunderbunt" zeigt - diesmal in Farbe - Mädchen und Buben unterschiedlicher Nationalität und Hautfarbe, mit und ohne Behinderung, die sich in bunten T-Shirts ohne irgendwelche Vorgaben ganz ungezwungen vor der Kamera bewegen. Bettina Schiemann sagt dazu: "Die Welt ist bunt und das ist gut so! Wir möchten, das unsere Kinder Vielfalt als etwas Besonderes erleben und ihr Gegenüber mit Wertschätzung und Respekt behandeln. Deshalb sind unsere beiden Töchter bei dieser besonderen Ausstellung mit dabei - nur gemeinsam sind wir stark!"
Der eigens für den internationalen Männertag 2018 entstandene dritte Teil der Ausstellung beleuchtet paarweise das multikulturelle Zusammentreffen und die Beziehungen unter Männern. "Auch sie sehen sich täglich mit Ansprüchen und Klischees konfrontiert", stellt Fiebiger fest, die mit ihren Projekten für mehr Akzeptanz und Toleranz plädiert. "Denn es spielt keine Rolle, woher wir kommen, ob wir hell oder dunkel, jung oder alt, dick oder dünn sind", betont sie, "wichtig ist zu wissen, wer wir sind."
Dazu meint David Geiger, einer der Teilnehmer an "Beziehungsweise": "In einer Zeit der Veränderung, wie wir sie alle momentan auf unterschiedlichste Art und Weise erleben, gibt uns diese Art der Momentaufnahme die großartige Möglichkeit, gelebte Veränderung durch zwei konträre Charaktere auf einem Bild betrachten zu können."

Im Gespräch spürt man, dass Fotografieren für Fiebiger nicht bloß irgendein Job ist, sondern ihre große Leidenschaft: "Das werde ich hoffentlich mit 80 Jahren auch noch machen!" Hinsetzen und auf den Auslöser drücken, das könne heute jeder Besitzer eines Smartphones. "Aber eine Bildsprache, die begeistert, entsteht nur durch Authentizität. Das gelingt meist nicht in den ersten Minuten, sondern erfordert Zeit und gegenseitiges Vertrauen.“
Wenn sie zu ihrer Arbeit hinter der Kamera einmal Abstand braucht, dann ist sie gern im Lohwald unterwegs und tanzt zur Musik aus den Kopfhörern. Das wirkt auf andere Spaziergänger mitunter etwas seltsam, passt aber zu Fiebigers Lebensmotto: Möglichst authentisch bleiben!

Die Bilder zu diesem Beitrag stammen aus Foto-Produktionen von Annabell Fiebiger
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