TSV Steppach: Aikido Harmonists

Die Trainingsgruppe Dynamisches Aikido beim TSV Steppach (von links): Martin Frey, Ingo Hoffmann, Ludwig Spengler (Trainer), Petra Loy und Philipp Hanner.
 
(Foto: TSV Steppach Aikido)
 
Am Beginn jeder Trainingseinheit steht das Aufwärmen.
 
Sensei Spengler kreiert Trainingssituationen und demonstriert verschiedene Lösungswege. Im Anschluss üben die Schüler das Gezeigte.

Die Kampfkunst des Aikido lehrt den Weg der Harmonie. Der Kraft des Angreifers wird kein Widerstand entgegengesetzt, sondern diese wird genutzt und umgelenkt. Aikido ist somit eine aggressionslose Form der Verteidigung. Wie dies in der Praxis umgesetzt wird zeigt sich beim Besuch einer Übungseinheit der Aikido-Abteilung des TSV Steppach unter Leitung von Sensei Ludwig Spengler.

Die Schüler von Sensei Ludwig Spengler lernen im Training beim TSV Steppach nicht klassische Selbstverteidigung, sondern ganzheitliche Konfliktvermeidung und –bewältigung unter dem Aspekt des Selbstschutzes ganz in der „Dynamischen Aikido Nocquet“-Tradition des Meister André Nocquet (8. Dan). Die Schüler von Ludwig Spengler sollen lernen in Konfliktsituationen wie das Zentrum eines Sturms zu werden: „Friedvoll im Inneren, aber mit wirbelnder Kraft ringsum“.

Geschichte

Morihei Ueshiba (* 14. Dezember 1883; † 26. April 1969), ist der Gründer des Aikido. Von Aikido-Übenden wird er als einziger oft O-Sensei (jap. etwa: „Großer Lehrer“) genannt. Sein Bild hängt in allen Aikido-Dojos der Welt, um Respekt vor der Tradition und Dankbarkeit ihrem Gründer gegenüber auszudrücken. Morihei Ueshibas Leben ist von zahllosen Legenden umrankt. Vieles deutet darauf hin, dass er einer der größten Kampfkünstler des 20. Jahrhunderts war, und im Alter ein Mann von tiefer Weisheit und Einsicht. Kritische Stimmen weisen aber auch darauf hin, dass er in jüngeren Jahren etwas von einem Besessenen hatte, der unbedingt der Stärkste sein wollte, religiösen Kulten anhing und zweifelhafte Kontakte zu Politikern und Aktivisten der japanischen kaisertreuen Szene pflegte. Wahrscheinlich stimmt von beidem etwas.

Morihei Ueshiba studierte schon in jungen Jahren verschiedene Kampfkünste mit allergrößtem Eifer. Er trainierte waffenlosen Kampf genauso wie Schwertkampf und den Gebrauch von Stab, Bajonett und Messer. Er versuchte pausenlos seinen Körper zu stählen und seine kämpferischen Fähigkeiten zu verbessern. Parallel dazu übte er sich sein Leben lang intensiv in verschiedenen Meditationsformen und Reinigungsriten, teilweise des esoterischen Buddhismus, vor allem aber in den Traditionen der japanischen Shinto-Religion. Sein spiritueller Meister war lange Zeit Onisaburo Deguchi, der charismatische Gründer einer modernen Shinto-Sekte. Als er Anfang vierzig war, hatte Ueshiba einige tiefe spirituelle Erlebnisse, die ihn mit einem Gefühl großer Harmonie mit der Schöpfung erfüllten und ihn zu seiner Konzeption der Kampfkunst als einer Kunst der Harmonie, des Ausgleichs und des Erhalts von Leben führten. Seit ungefähr dieser Zeit nannte er seine eigene Kunst auch Aikido, in etwa den „Weg der Harmonie und der Lebenskraft“. Bis zu seinem Tod versuchte er, diese Kunst und seine spirituelle Einsicht zu verbessern und zu vertiefen. Es ist nicht ganz klar, welche traditionellen japanischen Kampfstile welchen Einfluß auf Ueshiba und das Entstehen von Aikido hatten. Sicher ist nur, dass er vom Daito-Ryu-Aikijutsu seines Lehrers Sokaku Takeda stark geprägt wurde, und sich bei ihm offenbar auch viele Elemente anderer traditioneller Kampfschulen wiederfinden. Viele Techniken gehen jedoch auf Ueshiba selbst zurück. 

Während des zweiten Weltkriegs lebte Ueshiba zurückgezogen auf dem Land in Iwama. Sein Dojo zog viele der besten jungen Kampfkünstler an, die Aikido nun seit den sechziger Jahren weltweit verbreiten. Als Morihei Ueshiba 1969 starb, übernahm sein Sohn Kisshomaru, und später sein Enkel Moriteru, die Leitung der „Aikikai Stiftung“. Diese unterhält das „Honbu Dojo“, das Weltzentrum des Aikido in Tokio. Allerdings gründeten auch viele Schüler Ueshibas eigene Schulen, so dass im Aikido eine große Vielfalt der Traditionen herrscht. Allen Richtungen gemeinsam ist allerdings die Betonung des Aikido als einer Kampfkunst, die sich an alle Menschen wendet, großen Wert auf charakterliche Entwicklung durch körperliche Übung legt, und einen möglichst gewaltlosen Umgang mit Konflikten zum Ziel hat.

In Neusäß selbst wird D.A.N. – Dynamic Aikido Nocquet ausgeübt. Diese Variante vermittelt, praktiziert und verbreitet Dynamisches Aikido in der Tradition von Meister André Nocquet (8. Dan Aikido, 4. Dan Judo), der am 12. März 1999 verstarb. Meister Nocquet war ein Schüler von O Sensei Morihei Ueshiba. Nach seiner Rückkehr aus Japan, wo er in den fünfziger Jahren als uchi deshi (Hausschüler) im Honbu-Dojo in Tokyo Aikido studierte, wurde er bis zu seinem Tod nicht müde, Aikido in seiner traditionellen Form zu verbreiten. Meister Nocquet legte großen Wert auf eine runde Ausführung von Techniken, harte Würfe und effektive Hebel. In der Aikido- Grundausbildung bevorzugte er Körpertechniken und Messer gegenüber traditionellen Waffentechniken. Aikido blieb für ihn immer zuvorderst eine kämpferische Disziplin, deren spirituelle Aspekte nur durch hartes, und ständiges Training auf der Matte zu erschließen waren.

Aikido in Steppach

Claus-Jürgen Kocka begann seinen Weg 1982 im Eisenbahnersportverein bei Walter Kunde. Ab Frühjahr 1985 trainierte er bei Reinhold und Margit Geller im TSV Steppach. Von September 1988 bis Juli 1989 ging er für ein Schuljahr nach England, um dort als Assistant Teacher zu arbeiten. Dort lernte er die Senseis John Emmerson (heute Lehrmeister und Nachfolger von Nocquet) und Eddie Hodgson kennen und lernte bei ihnen. Am Ende seines Aufenthalts in England verlieh ihm Sensei Emmerson den 1.Kyu. Nach Deutschland zurückgekehrt, begann Kocka eine erste eigene Gruppe im Universitäts-Sport Augsburg zu unterrichten. Im Oktober 1990 wurde ihm von Sensei Emmerson der 1. Dan verliehen. Anfang 1991 trat er aus dem TSV Steppach aus, der zu dieser Zeit noch Aikido im Stile des Iwama-Ryu unterrichtete, um in Zukunft ausschließlich Aikido im Stil von Sensei Nocquet und Sensei Emmerson trainieren und unterrichten zu können. Zu Beginn des Jahres 1992 fand beim TSV-Steppach das erste Dan-Seminar unter Sensei Emmersons Leitung statt. Sensei Emmerson ernannte Sensei Kocka 1992 zum Area Representative und später zum Regional Coordinator der Region Augsburg und Schwaben. Erstes Dojo in der Region wurde die Uni-Aikido-Gruppe unter seiner Leitung. Im TSV-Steppach unterrichtete er in dieser Zeit vertretungsweise, da Reinhold Geller die Gruppe verlassen hatte und Margit Geller beruflich verhindert war. Im Juli 1993 wurde ihm von Sensei Emmerson der 2. Dan verliehen. 1993 beschloss die Abteilung Aikido des TSV Steppach von nun an ausschließlich Aikido im Stil von Sensei André Nocquet und Sensei John Emmerson zu betreiben und berief Sensei Kocka zu ihrem technischen Leiter. Kocka ist heute technischer Leiter von D.A.N. in Bayern e.V. und gibt neben einem wöchentlichen, graduierungsspezifischen Training, auch regelmäßig Kurse und Lehrgänge in der Region.

Sensei Ludwig Spengler kam vor 27 Jahren über seine damalige Partnerin mit Aikido in der Hochschulgruppe der Universität Augsburg in Kontakt. Seitdem übt er den Sport mit großer Freude und Hingabe aus. Diese Hingabe und die Lehren des D.A.N. lehrt Sensei Spengler (4. Dan) seit nunmehr zehn Jahren wöchentlich seinen Schülern beim TSV Steppach.

Sieg durch Frieden

„Im Training lernen die Schüler mit wachsamen Augen, offenem Geist und gestähltem Körper durch das Leben zu gehen“, so Sensei Spengler. Auf diese Weise können Konfliktsituationen frühzeitig erkannt werden und im besten Falle friedlich oder durch Ausweichen gelöst werden. In manchen Situationen lässt sich ein Kampf nicht vermeiden, weil der Gegner überraschend angreift oder kein Interesse an einer Deeskalation hat. Für diese Fälle werden im Training verschiedene Szenarien und Lösungsansätze trainiert. „Wenn es also zum Kampf kommt, müssen wir uns zuallererst selbst schützen. Dazu bringen wir den Gegner aus dem Gleichgewicht indem wir die Kraft seines Angriffs umlenken und durch ansetzen eines Hebels die Kontrolle über die Situation erlangen. Der Hebel wird so angesetzt, dass der Kontrahent die Möglichkeit zur Flucht und zur Wahrung seiner Würde behält. Wird der Angriff dagegen fortgesetzt, ist es die Kraft des Gegners selbst, die ihn zu Boden zwingt,“ erklärt Sensei Spengler die Philosophie des Aikido.
Während der besuchten Übungseinheit im Gymnastikraum des TSV Steppach wurde der Boden zum Schutz vor Verletzungen mit Matten ausgelegt. Nach einer kurzen Aufwärmphase wurden verschiedene Kampfsituationen simuliert. Zuerst demonstrierte der Sensei die Abwehr eines Angriffs. Im Anschluss werden die Bewegungsabläufe Schritt für Schritt erklärt und vorgeführt, bevor die Schüler diese selbst durch Übungen mit dem Kampfpartner erlernen. Trainiert wurden unter anderem die Befreiung aus einem ein- oder zweihändigen Griff am Handgelenk, die Abwehr von Schlägen von vorne bzw. mit der erhobenen Faust sowie einer Watschen. Geübt wurde auch die richtige Verhaltensweise bei einem Angriff von Hinten.

Im Training herrscht eine fürs Aikido typische konzentrierte aber extrem kooperative Stimmung. Im Aikido gibt es keine Wettkämpfe, es gibt nur die Gürtelprüfungen. Von daher fehlt der Wettbewerbsgedanke und das verbissene „ich will, nein ich muss der Beste sein“. Stattdessen hilft man sich Gegenseitig zu verbessern, die Hebel richtig anzusetzen und natürlich beim Wiederaufstehen nach einem erfolgreichen Wurf oder Hebel.

„Was mich am meisten bei den Unterweisungen von Meister Morihei Ueshiba fasziniert hat, war, dass er mich davon überzeugen wollte, dass alle Schwierigkeiten des Menschen aus dem Konflikt zwischen seinem Herzen und seinem Ego erwachsen. Heutzutage ist der Mensch nur von sich selbst eingenommen und begehrt nur Macht und Wohlstand. Dies ist die Natur des Ego, das getrennt ist vom Herzen. Aikido ist jedoch eine Sache des Herzens und erweitert unsere Wahrnehmung auf einer spirituellen Ebene. Mit dieser Wahrnehmung betritt man die Welt der liebenden Natur. Daraus entsteht eine Synthese von Angriff und Verteidigung die zu Sieg durch Frieden wird.“ (Sensei André Nocquet in „Le Coeur Epée, 1991)

Der Einstieg

Die Abteilung Aikido veranstaltet regelmäßig Kurse, die als Einstieg für Interessierte optimal sind. Dabei lernen die Neulinge in sechs Übungseinheiten die Grundlagen des Aikido und erwerben die Fähigkeit zur Teilnahme am normalen Training. Aikido ist für alle interessant die ihre Koordination, Konzentration und Achtsamkeit steigern wollen und das Ziel haben fit zu werden oder zu bleiben. Wer einfach mal reinschnuppern will kann auch beim Training am Donnerstag vorbeikommen: Kinder 17.45 bis 19 Uhr, Jugendliche 19 bis 20 Uhr und Erwachsene 20 bis 22 Uhr. Trainiert wird im Gymnastikraum des TSV Steppachs, Ulmer Straße 86. Es wird empfohlen bequeme und lange Sportkleidung mitzubringen. Weitere Informationen unter Telefon 08233/744863.
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