Aichach-Friedberg: Kein Lockdown trotz 95 Corona-Fällen

94 Saisonarbeitskräfte und eine Verwaltungsangestellte wurden positiv auf Covid-19 getestet.

Der Corona-Hotspot ist laut Behörden auf den Spargelhof begrenzt. Es sind keine weiteren Maßnahmen im Landkreis Aichach-Friedberg vorgesehen. Die Ursache für die vielen Fälle ist noch nicht abschließend geklärt.

Das Medieninteresse an der Pressekonferenz im Aichacher Landratsamt war groß. Nicht nur Vertreter der lokalen Medien kamen, auch Teams von ARD und Bayerischem Rundfunk waren vor Ort. Der Auslöser: Die erhöhte Anzahl an Corona-Fällen auf dem Spargelhof der Lohner Agrar GmbH in Inchenhofen.

94 Saisonarbeitskräfte und eine Verwaltungsangestellte aus einem benachbarten Landkreis wurden dort laut Dr. Friedrich Pürner, Leiter des Staatlichen Gesundheitsamtes, positiv auf Covid-19 getestet. Insgesamt 123 Mitarbeiter des Betriebs stehen aktuell noch unter Quarantäne. Das Wichtigste zuerst: Besondere Maßnahmen zum Stopp einer Infektionswelle betreffen, wie bereits berichtet, weiterhin nur den Spargelhof, nicht den Ort Leahad oder gar den ganzen Landkreis.

Wie das Virus auf den Spargelbetrieb gelangte, konnte Pürner auf der Pressekonferenz nicht zweifelsfrei darlegen. Was daran liege, so der Fachmann für Epidemien, dass die durchgeführten Tests keine eindeutige Antwort auf diese Frage liefern.

Bei den Neu-Erkrankungen handelt es sich quasi um Alt-Infektionen

Pürner geht jedoch derzeit von folgender, noch unbewiesener Annahme aus: Demnach stammt knapp die Hälfte der positiv getesteten Saisonarbeitskräfte aus zwei nebeneinander liegenden Landkreisen in Rumänien. Einige der überwiegend männlichen Erntehelfer hätten angegeben, bereits vor Wochen beziehungsweise Monaten grippeähnliche Symptome gehabt zu haben. Ein Teil gab ferner an, er habe zum Höhepunkt der Pandemie in Italien gearbeitet. Pürners Folgerung daraus: Bei den Neu-Erkrankungen handelt es sich quasi um Alt-Infektionen.

Der Leiter der Aichacher Gesundheitsamtes versprach, er werde demnächst weitere Informationen über die Herkunft der rumänischen und polnischen Saisonarbeiter sammeln, das Geschehen also epidemiologisch aufarbeiten. Vielleicht, vielleicht auch nicht, lasse sich dann sagen, wie wahrscheinlich seine Hypothese ist. Mehrfach betonte Pürner, der sich zusammen mit Landrat Klaus Metzger, Inchenhofens Bürgermeister Anton Schoder sowie dessen Stellvertreter Hans Schweizer den Fragen der Medienvertreter stellte: Eine hundertprozentige Sicherheit gebe es nicht. Denn, so seine Begründung: Es handle sich bei Covid-19 um ein neuartiges Virus, bei dem die Forschung noch am Anfang stehe, „wir wissen vieles einfach noch nicht“.

Corona-Ausbruch: Was man bisher weiß

• Die ersten beiden Corona-Fälle wurden Ende Mai bekannt. Der erste Erntehelfer klagte über Mattigkeit und Geschmacksverlust, ansonsten zeigten sich bei ihm jedoch keine typischen Covid-19-Symptome. Er wurde stationär im Krankenhaus behandelt, jedoch nicht aufgrund von Corona, sondern einer anderen Grunderkrankung. Bei dem zweiten Fall lagen ebenfalls keine eindeutigen Symptome vor. Zwar klagte der Patient über Atemnot, diese Beschwerden seien aber nicht auf Corona zurückzuführen gewesen.

• Bei den 95 positiv Getesteten handelt es sich überwiegend um Männer aus Rumänien und Polen zwischen 18 und 58 Jahren.

• Bereits zwei, drei Wochen vor Bekanntwerden der ersten Corona-Fälle auf dem Spargelhof hat das Gesundheitsamt das Hygiene- und Schutzkonzept des landwirtschaftlichen Betriebs kontrolliert. Laut Pürner sei dies vorbildlich gewesen: Die Helfer wurden in abgetrennten Zimmern in Containern einzeln oder zu zweit untergebracht. Die Mahlzeiten wurden in Kleingruppen eingenommen beziehungsweise nach Herkunft der Saisonarbeiter in der hofeigenen Kantine und dem hofeigenen Supermarkt die gesetzlich angeordneten Regeln angewandt. Zudem sei während der Saison geregelt gewesen, dass die Mitarbeiter das Gelände nicht verlassen. Für den Transport auf die Felder hätte der Betrieb zusätzliche Busse eingekauft.

• Wie der Anwalt der Lohner Agrar GmbH, Dirk Hermann Voß, auf Nachfrage bestätigte, wiesen die Erntehelfer des Spargelhofes bei der Einreise keinerlei Covid-19-typischen Krankheitssymptome auf. Die Saisonarbeitskräfte seien am Zielflughafen Nürnberg in ihrer jeweiligen Landessprache zu Vorerkrankungen befragt worden. „Selbstverständlich sind die Angaben freiwillig und lassen sich vom Unternehmen auch nicht auf Richtigkeit überprüfen“, sagte Voß. Die Erntehelfer mussten jedoch eine vierzehntägige Quarantäne unmittelbar nach der Einreise absolvieren.

• Alle 47 Kontaktpersonen der Kategorie I sowie die beiden zunächst positiv Getesteten wurden unverzüglich unter Quarantäne gestellt. Am 3. Juni wurden diese noch einmal getestet, wobei sich diesmal 19 positive Befunde ergaben. Am 8. und 9. Juni fand schließlich die Reihentestung statt, bei der sich noch einmal 75 positive Proben ergaben. Laut Pürner hat der Spargelbetrieb sechs separate Quarantäne-Stationen auf dem Gelände eingerichtet. Bis zum gestrigen Tag zeigte keine der positiv getesteten Personen irgendwelche Corona-Symptome.

• PCR-Test: Bei den Tests, die Pürner und sein Team an 525 Mitarbeitern des Spargelhofes durchgeführt haben, handelt es sich um einen sogenannten PCR-Test, wie er etwa auch in Südkorea zum Einsatz kommt. Laut Pürner wird dabei ein Abstrich im Rachen genommen. Der Test weist das Erbgut des Coronavirus-Erregers nach, allerdings, so der Gesundheitsamtsleiter, „kann es sich dabei auch nur um Virus-Überbleibsel handeln“. Mit dem Test lasse sich aber nicht sagen: Hat sich die betroffene Person neu infiziert oder handelt es sich bei den positiven Funden um Virenreste, sprich, ist der Patient eigentlich gar nicht mehr ansteckend. Pürner betont: Diese Unschärfe des Tests habe aber keinerlei Auswirkungen auf den Landkreis. Er bat um Verständnis, er kenne Fälle, „bei denen der Test über einen längeren Zeitraum mehrmals positiv ausfiel, dann mehrmals negativ und dann wieder positiv“.

• Bei allen positiv Getesteten einen Antikörpertest durchzuführen, hält Pürner aus wissenschaftlicher Sicht zwar für „interessant“; mit ihm könnte geklärt werden, ob das Immunsystem der Betroffenen bereits Antikörper gebildet hat, sie die Krankheit mithin also schon erfolgreich überstanden haben. Aus menschlicher Sicht rät der Mediziner davon allerdings ab: Die Antikörpertests lieferten ebenfalls keine zweifelsfreien Befunde. Aber viel wichtiger: „Die Erntehelfer sitzen seit langem in Quarantäne und wollen nach Hause.“ Mit einem Antikörpertest müssten sie noch länger hier in Deutschland bleiben.

• Laut Anwalt Voß erhalten die isolierten Mitarbeiter für die Dauer der Quarantäne eine Verdienstausfall-Entschädigung in Höhe des erlittenen Verdienstausfalls (das für die regelmäßige Arbeitszeit dem Arbeitnehmer zustehende Brutto-Arbeitsentgelt abzüglich Steuern und Sozialversicherungsbeiträge). (Thomas Winter)

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