Am Oberhauser Bahnhof vor fahrenden Zug gestellt: Junge Frau wegen fahrlässiger Körperverletzung vor Gericht

Eine Augsburgerin wurde nun verurteilt, nachdem sie sich 2018 am Oberhauser Bahnhof vor einen fahrenden Zug gestellt hatte. (Foto: Peter Maier)

Kann man rechtlich belangt werden, wenn man betrunken vor einen fahrenden Zug tritt und von diesem überrollt wird? Dieser Frage widmete sich am Mittwoch das Augsburger Amtsgericht. Eine 26-Jährige war wegen eines Vorfalls am Oberhauser Bahnhof aus dem Jahr 2018 angeklagt. Sie musste sich wegen eines fahrlässigen gefährlichen Eingriffs in den Bahnverkehr sowie fahrlässiger Körperverletzung verantworten. Denn der Lokführer, der den Zug steuerte, erlitt durch den Vorfall einen Schock und war mehrere Wochen lang krankgeschrieben.
Für den damals 55-jährigen Fahrer war es die zweite Fahrt mit einem neuen Fahrzeugtyp, als er in der Nacht des 8. November 2018 in den Oberhauser Bahnhof, seinen vorletzten Stop des Tages, einfuhr. Er sei mit der Bedienung noch nicht ganz so vertraut gewesen, erzählt der Zeuge nun Richterin Sandra Dumberger, und habe sich darauf konzentriert, ordentlich langsam abzubremsen. Bis dann plötzlich eine Frau auf das benachbarte Gleis des Bahnsteigs 5 stieg und dort stehen blieb.

Lokführer war in psychologischer Behandlung

Er ging davon aus, dass sie die Gleise überqueren wollte. "Wenn wir jedes Mal, wenn jemand auf den Gleisen steht, anhalten würden, wären wir noch viel öfter spät dran", erzählt er. Der 55-Jährige fuhr also weiter und behielt die junge Frau im Blick. Ganz ruhig habe sie ihm entgegen geschaut, bis sie dann, kurz bevor er auf ihrer Höhe ankam, einen Schritt auf sein Gleis machte. Er leitete sofort eine Schnellbremsung ein, doch da war es bereits zu spät. Die junge Frau geriet unter den Zug. Der 55-Jährige erlitt einen Schock. "Ich hab sowas zuvor noch nie gehabt", sagt er. Nach dem Vorfall war der Augsburger Lokführer fünf Wochen lang krankgeschrieben und während dieser Zeit in psychologischer Behandlung.

Nun sitzt ihm die 26-Jährige im Gerichtssaal am Augsburger Amtsgericht gegenüber. Sie scheint fast die ganze Verhandlung über den Tränen nahe. An viel erinnern kann sie sich nach eigenen Angaben nicht. Sie wisse noch, dass sie nach Hause fahren wollte. Dass sie zuvor Heroin genommen und "ziemlich viel getrunken" habe, bestätigten auch zwei Gutachten. Sie erinnere sich an das Hupen des Zuges, an die Bremsung, und daran, dass sie sich ganz klein gemacht habe. Sie erlitt durch den Unfall eine doppelte Schädelfraktur, doch sonst keine Verletzungen. "Ich habe Glück gehabt", sagt sie.

Motivation der Angeklagten weiter unbekannt

In der Beweisaufnahme befragte Richterin Sandra Dumberger insgesamt vier Zeugen, um zu klären, ob die 26-Jährige sich absichtlich auf das Gleis begeben hatte und welche Motivation sie dafür gehabt haben könnte. Einen Selbstmordgedanken schloss die Angeklagte selbst aus. Sie ging zunächst davon aus, dass sie womöglich in das Gleisbett gestürzt sein könnte.

Diese Annahme widerlegten allerdings die Zeugen. Eine Ärztin, die in dieser Nacht von ihrem Spätdienst kam, hatte beobachtet, wie die 26-Jährige zunächst auf einer Bank mit ihrem männlichen Begleiter diskutierte, und dann geradlinig auf die Gleise zuging. Auch die Beschreibung des Lokführers belegte, dass die 26-Jährige zumindest im ersten Moment absichtlich vor den Zug trat. Die Prozessbeteiligten waren sich schließlich einig, dass die Motivation wohl im Nachhinein nicht mehr geklärt werden könne. Richterin Dumberger schloss auch nicht aus, dass der Angeklagten in ihrem alkoholisierten Zustand doch kurzzeitig Selbstmordgedanken kamen. Allerdings, so merkte Verteidiger Felix Hägele an, müsse sie sich letztendlich wie beschrieben klein gemacht haben, da es sonst zu wesentlich erheblicheren Verletzungen gekommen wäre.

Entschuldigung beim Lokführer

Dass die 26-Jährige nicht den Vorsatz gehabt hatte, andere Leute zu schädigen, war bereits in der Anklage selbst reflektiert. Bestraft werden müsse sie aber trotzdem, waren sich letztendlich die Staatsanwaltschaft und die Richterin einig, da es ein erheblicher Eingriff in den Bahnverkehr mit ernsten Folgen für den Lokführer gewesen sei. Während die Staatsanwaltschaft eine halbjährige Freiheitsstrafe forderte, verurteilte Richterin Susanne Dumberger die 26-Jährige aber letztendlich nur zu einer "erhöhten Geldstrafe" von 120 Tagessätzen. Zu ihren Gunsten sprach für Richterin Dumberger, dass der Vorfall auch für die Angeklagte "erhebliche Folgen" gehabt hätte. Außerdem habe sie mehrfach zum Ausdruck gebracht, dass es ihr Leid täte, "und das glaube ich Ihnen auch", so Dumberger.

Nach ihren Aussagen hatte sich die 26-Jährige sowohl beim Lokführer als auch bei dem an diesem Tag eingesetzten Zugführer, der sie beruhigte, als sie verletzt unter dem Zug lag, entschuldigt. Ob sie die Entschuldigung auch ernst meine, fragte der Lokführer nach. "Ja, natürlich", sagte sie. "Ich finde das schlimm, sowas." "Ja, ist es auch", meinte der Lokführer. Er nahm die Entschuldigung an.

Kommentare

Anmelden um Kommentare zu schreiben

Neueste Kommentare

Kirschbaumblüte
18 Stunden 35 Minuten
Blacky
3 Tage 6 Stunden
Lerne von der Geschwindigkeit der Natur: ihr …
3 Tage 13 Stunden
"Wir halten für euch die Stellung": …
3 Tage 13 Stunden
Magnolienblüte nach Kälteeinbruch
5 Tage 7 Minuten


X