Achtsamkeit und Selbstfürsorge sind das A und O in der Präventionsarbeit

von Leserreporter Bernhard Gattneraus Augsburg-Stadt
Francesca Carapezza, Leiterin der Projektstelle Prävention sexualisierte Gewalt des Augsburger Diözesan-Caritasverbandes, sagt: „Die Mitarbeiterteams der Einrichtungen oder Dienste müssen selber ein „Ort der guten Dinge“ sein.“ Foto: Caritas Augsburg/Karin Pill.

Augsburger Diözesan-Caritasverband schult Referent*innen zum Thema "Prävention sexualisierte Gewalt"

Augsburg, 09.01.2020 (pca). Sexualisierte Gewalt an Schutz- oder Hilfebedürftigen ist eine grässliche Tat, die um jeden Preis verhindert werden muss. Doch noch immer spielt sie eine Rolle in dutzenden Leben: Seriöse Schätzungen, die sich auf Dunkelfelderhebungen stützen, gehen davon aus, dass jedes vierte bis fünfte Mädchen und jeder siebte bis zwölfte Junge Opfer sexueller Gewalt wird. Dabei sind Mädchen und Frauen mit Behinderung etwa doppelt so oft betroffen wie nichtbehinderte Mädchen und Frauen.
Der Caritasverband der Diözese Augsburg will entschieden gegen Grenzverletzungen und sexualisierte Gewalt vorgehen und seinen Beitrag dazu leisten, dass die caritativen Dienste und Einrichtungen sichere Räume sind. Deshalb hat er die Projektstelle Prävention sexualisierte Gewalt mit der Projektleiterin Francesca Carapezza geschaffen.
Carapezza war und ist verantwortlich für die Ausbildung der Schulungsreferenten der jeweiligen Dienste und Einrichtungen in der Präventionsarbeit. Die Ausbildung bestand aus einer mehrtägigen Fortbildung zum Thema „Prävention sexualisierter Gewalt“ und aus weiteren Fachvorträgen. Diese sollten den Teilnehmer*innen eine zusätzliche Sicherheit für ihren neuen Aufgabenbereich vermitteln. Maria Johanna Fath, Leitung des Traumahilfenetzwerks Augsburg Schwaben e.V., referierte zum Thema Trauma, dessen Folgen und wie man mit traumatisierten Menschen am besten umgeht. Die Juristin für Sozialrecht des Diözesancaritasverbandes Augsburg Regina Niedermair stellte zusätzlich für die Teilnehmer alle relevanten rechtlichen Bestimmungen dar. Versorgt mit fundierten Informationen und einem Pool an Methoden können die Teilnehmer wiederum Präventionsschulungen für alle Haupt- und Ehrenamtlichen Mitarbeiter in den jeweiligen Diensten und Einrichtungen halten und damit – hoffentlich - sexualisierter Gewalt entgegenwirken.
„Gewaltfreies Miteinander“, „Möglichst gut vorbereitet sein auf schwierige Situationen“, „Enttabuisieren“ – Das waren die Erwartungen der Teilnehmer an die Schulung. Dass dies kein leichtes Thema sein würde, wussten alle Beteiligten bereits im Vorhinein. Denn Fälle sexualisierter Gewalt lösen immer noch Scham und Schweigen aus. Doch genau darum geht es: Die Referenten gut auszubilden, damit Sprachlosigkeit und Wegsehen durch Aufklärung und Anvertrauen ersetzt werden.
Die Referentin des dritten Schulungstages, Eva Kell-Hausner, zuständig für Präventionsarbeit im Bistum Augsburg, legte dabei auch einen ganz besonderen Fokus auf das eigene Wohlbefinden. „Nur wer sich mit sich selbst wohl fühlt, kann auch anderen Menschen gut helfen.“, gab sie zu Beginn zu bedenken. „Selbstfürsorge“ ist hierfür der Fachbegriff. Dafür wurde ein Blatt ausgeteilt, mit der Überschrift „Selbstfürsorge – Was kann ich tun, um ein gesundes Gleichgewicht herzustellen?“. Neben der Körperlichen Selbstfürsorge (zum Beispiel regelmäßig und gesund essen) wird hier auch der emotionalen Selbstfürsorge (z. B. Zeitverbringen mit angenehmen Menschen, sich Zeit nehmen zum Genießen, …) und der Spirituellen Selbstfürsorge (achtsam sein für nichtmaterielle Aspekte des Lebens, usw.) große Aufmerksamkeit geschenkt.
Carapezza ergänzte, dass nur wer selbst Schutz erfahre, auch in die Rolle des Schützenden gehen kann. „Deshalb sind auch die Träger gefragt, für entsprechende Arbeitsbedingungen zu sorgen, damit eine Kultur des achtsamen Miteinanders gelebt werden kann.“ Dazu gehört es nach Carapezza, für einen sicheren und gewaltfreien Arbeitsplatz zu sorgen und den Mitarbeitenden Reflexionsräume zu ermöglichen und so dabei zu helfen, dass eine Sensibilisierung entstehen kann und sexualisierte Gewalt nicht unentdeckt bleibt. „Denn sexualisierte Gewalt lebt nun mal von Tabuisierung, Sprachlosigkeit, fehlender Kommunikation und Reflexion.“
Achtsamkeit spielt eine Schlüsselrolle in der Präventionsarbeit – sie schlägt sich in Nähe und Distanz nieder. Doch wie unterschiedlich jeder Mensch Nähe und Distanz wahrnimmt, machte ein Gruppenspiel deutlich, dass die angehenden Referenten auch mit den jeweiligen Mitarbeitern durchführen können. Dabei liefen alle Teilnehmer durch den Raum, der einen fiktiven Marktplatz darstellen sollte. Eben eine typische Szene, bei der Menschen zusammentreffen. Jeder Mitarbeiter spielte eine Rolle, von der die anderen nichts wussten. Zum Beispiel musste einer unaufgefordert ganz private Dinge erzählen. Ein anderer sollte im Gespräch ganz nah an seinen Gesprächspartner heranrücken, ihm „auf die Pelle rücken“. Ein anderer musste wiederum Gespräche ganz klar abblocken und klipp und klar sagen, dass er heute keine Zeit für ein Pläuschchen habe. In der daran anschließenden Besprechung wurde klar, wie unangenehm diese Rollen teilweise für die Spieler waren. Eine Teilnehmerin sagte: „Es war mir richtig peinlich, meinem Gegenüber so auf die Pelle zu rücken“. Dieses Spiel soll sensibilisieren. Es soll zeigen, dass jeder Mensch seine eigene Hemmschwelle hat. Nur wenn man achtsam damit umgeht, kann man sein Gegenüber respektieren. Dies ist das A und O in der Prävention sexualisierter Gewalt.
Auch das nein-sagen nahm bei der Qualifizierung von Schulungsreferenten eine große Rolle ein. Durch verschiedene Gruppenspiele wie der „Nein-Sage-Runde“, bei der man seinem Gegenüber einen Gefallen durch schlichtes „nein-sagen“ abschlägt, mussten sich die meisten Teilnehmer über soziale Erwartungen hinwegsetzen und vielmehr ihren eigenen Bedürfnissen nachgehen. Deutlich wurde dabei wie schwer das nein-sagen fallen kann. Der Vehemenz von entschiedenen Tätern nicht nachzugeben, ist für Schutz-oder Hilfebedürftigen in einem Abhängigkeitsverhältnis ungleich schwerer und kann nicht ernsthaft von ihnen erwartet werden. Durch die Übung können die angehenden Referenten ein Bewusstsein dafür schaffen, dass der Schutzauftrag nicht an die Schutzwürdigen delegiert werden kann sondern die Institution mit ihren Mitarbeitern verantwortlich bleibt wahrzunehmen, wenn sich jemand nicht selbst schützen kann. Diese und weitere Methoden wurden den Teilnehmern mit an die Hand gegeben um Präventionsschulungen in ihren jeweiligen Einrichtungen durchzuführen.
Carapezza gab den Teilnehmern außerdem mit auf den Weg: „Die Mitarbeiterteams der Einrichtungen oder Dienste müssen selber ein „Ort der guten Dinge“ sein.“ Kell-Hausner ergänzte: „Wenn die Erwachsenen authentisch sind, hat das eine positive Auswirkung auf die Kinder.“ Außerdem erfuhren die Teilnehmer, dass jede Einrichtung einen Verhaltenskodex haben sollte, der Mitarbeitern eine Orientierung für ein adäquates Verhalten gibt. Welche Worte sie beispielsweise für Gespräche finden sollten, welcher Körperkontakt angemessen ist und wie die Intimsphäre geachtet wird.
Zu guter Letzt klärte Kell-Hausner, wie die angehenden Schulungsreferenten mit schwierigen Situationen und Menschen umgehen können. Denn bei so einem sensiblen Thema wie sexualisierter Gewalt und vor dem Hintergrund, dass es immer Teilnehmer geben kann, die selbst Opfer sind, kann es vorkommen, dass Menschen an ihre Grenzen kommen oder in Tränen ausbrechen. Auch auf Widerstände können die Referenten stoßen. Denn sexualisierte Gewalt ist noch immer ein Tabu-Thema, dem sich Menschen verweigern können oder vor dem sie Angst haben. Hier betonte Kell-Hausner klar und deutlich, dass die Referenten dies nicht zu nah an sich ran lassen dürften: „Denn die Referenten sind Informationsvermittler. Keine Therapeuten, keine Weltretter, keine Ermittler und keine Richter. Ihre Aufgabe ist es, zu sensibilisieren, wertfrei und neutral aufzuklären und den Mitarbeitern Mut zu machen, aufzustehen, wenn sie etwas beobachten.“ Schon im Frühjahr will sich die Gruppe wieder treffen, um sich über ihre bis dahin gesammelten Erfahrungen auszutauschen. (Karin Pill)

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