"crying shame" - Der Umgang der Stadt mit den amerikanischen Kasernen

Es bricht einem das Herz, schreibt eine Veteranin, ein anderer beklagt, daß schon nahezu alles abgerissen wurde und man die Spuren der amerikanischen Kasernen in Augsburg in Kürze nicht mehr finden wird. Viele Veteranen und ihre Angehörigen und Freunde fragen sich, ob "ihr Einsatz denn nichts wert war" und warum "ihre" Kasernen, Gebäude und Erinnerungen derart aus dem Stadtbild getilgt werden. Sie verstehen nicht, warum die Stadt "alles abreisst", sie kaum mehr etwas vorfinden, wenn sie zu ihren Besuchen wiederkommen um Erinnerungen aufzufrischen oder an ihre Angehörigen weiterzugeben. Sie fühlen sich immer noch verbunden mit Augsburg, viele sagen, sie hatten hier ihren besten Dienst.

Viele Jahrzehnte gab es ein deutsch-amerikanisches Miteinander, Kontakte, Freundschaften, die Amerikaner waren Teil der Stadtgesellschaft, prägten die Nachkriegszeit mit und sind Teil der Zeitgeschichte des 20. Jahrhunderts in Augsburg. Schöne Reden werden gehalten zum Jahrestag des Kriegsendes und man hat natürlich eine amerikanische Partnerstadt.

Doch wie geht die Stadt mit deren Erbe um, mit ihren Kasernen im Augsburger Westen? In Kürze bleiben nur noch ihre ehemaligen Wohngebiete und eine Handvoll versprengter Einzelgebäude in den Kasernen ohne jeden strukturellen Kontext übrig. Die ehemals drei Kasernen, wo nicht nur Amerikaner sondern auch tausende von Zivilangestellten arbeiteten, zudem eine reiche Infrastruktur vorhanden war, werden ausgelöscht sein.

In der Reese, südlich des Abraxas, soll es, wenn es nach den Zielen des  Baureferenten geht, nur eine freigeräumte Fläche geben, die dann völlig geschichtsfrei neu bebaut wird. Das Abraxas, das städtische Kulturhaus im denkmalgeschützten (Wehrmachts)Offizierskasino wird ohne seine Kontextgebäude allein im Areal stehen, ohne jeden Bezug und architektonische Spuren zur Reesekaserne aber auch jahrelangen Nutzern der Kulturszene. Leider gelang es dem Baureferenten Merkle mit Fehlinformationen und tendenziösen Scheinargumenten den Stadtrat so zu beeinflussen, daß man noch nicht einmal den kommenden, durchaus kostspieligen Ideen-und Realisierungswettbewerb fürs Areal abwarten will und diesem von vornherein die Option entzieht, die gewachsenen, geschichtsträchtigen, ortstypischen und einzigartigen Strukturen integrieren zu können. Dieser Wettbewerb führt zwingend zu einer Änderung des alten, momentan gültigen B-Plans. Das Planareal ist noch nicht in Händen von Privatinvestoren, die Stadt hätte hier also jegliche Möglichkeiten. Dennoch ist der Baureferent nicht gewillt, hierbei an seiner Seite der WBG und AGS-Chef Hr. Hoppe, die 2009 beschlossenen Abbrüche auf Eis zu legen und ergebnisoffen die Entwürfe, Vorschläge und Ideen des Wettbewerbs abzuwarten.

Die Sheridan-Kaserne wurde bereits nahezu aller historischen Gebäude entledigt, obwohl der Siegerentwurf damals in den 2000er Jahren etliche Gebäude zum Erhalt vorsah und hochgelobt in die Neuplanung integrierte. Dies wurde jedoch offensichtlich ignoriert und den Abrissen Vorrang gegeben. Schon damals wurde immer als Hauptgrund eine angebliche Schadstoffverseuchung genannt. Dies führte zwar nicht zum Abriss des noch heute genutzten Kindergartens in der Sheridan, aber zum vollständigen Verlust der Mannschaftsgebäude, Einrichtungen wie der Sporthalle oder diverser Verwaltungen. Auch das amerikanische Kino, die Bowlingbahn u.a. hatten keine Zukunft.

Nun soll es der Reese ebenso ergehen. Wiederum werden die Schadstoffe als Totschlagargument genannt. Schon seit den späten 2000er Jahren, als der noch heute rechskräftige B-Plan beschlossen wurde, sprach man von Verseuchung. Dennoch erfolgte eine langjährige Zwischennutzung, z.T. mit Gastrogenehmigung aber vor allem mit Abertausenden von Besuchern und Nutzern. Hierfür wurde die nötigen Maßnahmen vollzogen, eine Schadstoffsanierung für diese Zwecke gemacht. Wie uns glücklicherweise vorliegende Unterlagen von 2006 ausschlussreich und eindeutig beweisen (sämtliche Untersuchungsergebnisse hält die städtische AGS völlig intransparent unter Verschluß, selbst Stadträte dürfen sie nur unter strengsten Auflagen einsehen, nicht mit Dritten darüber sprechen, nicht kopieren, und sich auch nicht mit Fachleuten darüber austauschen),gab es schon vor der Zwischennutzung keinerlei "Verseuchung", alle Schadstoffe sind behebbar. Wie hätte ansonsten auch die lange und intensive Zwischennutzung bedenkenlos vollzogen werden können, wenn nicht entfernbare, hochbedenkliche Stoffe vorhanden wären in den Gebäuden? Die gefundenen Schadstoffe kamen übrigens laut der Unterlagen identisch im Abraxas vor, das steht und augenscheinlich problemlos genutzt wird. 

Nun müssen aber ohnehin alle noch vorhandenen Schadstoffe für die Abbrüche ausgebaut und getrennt werden. Die Gebäude stehen also schadstofffrei da, wurden "kostenneutral" saniert. Warum nicht weiternutzen? Warum nicht diese soliden und massiven Gebäude wie die Kantine nochmal 80 Jahre oder länger nutzen? Die Kradhalle, ein besonderes Industriegebäude, das, obwohl in den 30er Jahren für eine Kaserne errichtet, an Bauhausarchitektur erinnert, wäre eine Besonderheit im  Neubauviertel, viele neue Nutzungen wären hier denkbar.

Aber kein runder Tisch, kein Expertenaustausch, keine aktiven Bürger durften sich einbringen, die Linie der Komplettabrisse steht schon seit vielen Jahren fest. Das ehemalige Kino, bekannt auch als der spätere beliebte Veranstaltungsort Reesetheater, wurde bereits abgerissen. Viele Veteranen und Freunde schrieben sehr emotional, als sie die Bilder vom Abriss sahen. Alle wünschten sich, daß die Stadt zumindest hier einen Teil ihrer Kasernen erhält, Gebäude, die man aufsuchen kann, die Erinnerungen bergen, die auch die Auseinandersetzung mit Geschichte ermöglichen. Sie erzählten von der messhall wo sie täglich aßen, also die Kantine, vom Kino, von den Blöcken wo Verwaltung aber auch die University of Maryland waren. Andere Zeitzeugen erinnern sich hingegen an die Jahre des DP camps, das dort nach dem Krieg viele displaced persons, vor allem aus Osteuropa, darunter auch ehemalige KZ-Häftlinge, beheimatete, wo geheiratet wurde, Kinder aufwuchsen, es Lazarett, Schule, Wohnräume gab. All dies in den noch heute stehenden Gebäuden. Auf dem Appellplatz wurden Gottesdienste abgehalten, es fanden Sportfeste statt, in der Halle des späteren Kinos gab es Feierlichkeiten.

Jahrzehnte später zog die Kultur dort ein, nutzte fast 20 Jahre das Areal, bereicherte die Stadt und das Stadtteil mit ihren Angeboten, bot Kreativen Platz - der legendäre Kulturpark West.

Warum aber nutzt die Stadt das Areal, die historischen Gebäude nicht weiter? In anderen Städten wird im Gegensatz zu Augsburg anders mit solcher Bausubstanz umgegangen. Bewusst werden Teile der ehemaligen Kasernen, ganze Ensembles erhalten, um die eigene Stadtgeschichte abzubilden. Nicht als ein Museum, das man nicht verändern darf, sondern als Teil von neuen Quartieren, Neubauvierteln die auf den Konversionsflächen entstehen und bedarfsgerecht integriert werden. Meist überlässt man solche Gebäude und deren Ertüchtigung ausgewählten Betreibern, deren Konzept den Zielen der Stadtplanung entspricht. Manchmal entwickelt und saniert man auch selber und verortet dann soziale, kulturelle oder andere Inhalte, die im Viertel gebraucht werden. Es entstehen lebenswerte, moderne, innovative Stadtviertel,  beliebt bei den Bürgern und begehrt von den Anwohnern. Alt und Neu wird verbunden, das eine schließt das andere nicht aus.

In Augsburg, in der Reese, wäre ein Stadtteil- und Bürgerzentrum, ein Mehrgenerationentreff, ähnlich dem Bürgerhaus Hochzoll, eine solche eine sozial-kulturelle Einrichtung, die in Kriegshaber bisher fehlt. Auch ein Quartiersplatz, ein öffentlicher Raum für Begegnung, Veranstaltungen wäre eine Bereicherung fürs Viertel. Stadtteilfeste, Wochenmärkte, open-air Kultur, ein Platz für Aufenthalt, Austausch und Teilhabe hätten hier ein Forum. Räume und Angebote für Inklusion, Integration, sowie urbane und durchmischte Strukturen im Neubauviertel wären ohne weiteres auch in Bestandsgebäuden zu etablieren.

Studentenwohnungen für die nahe Uniklinik, Räume für Start-ups und Firmengründer - dies wird andernorts sehr gerne und vor allem erfolgreich gerade in solchen Konversionsgebäuden gefördert. Eine derartige Um-und Weiternutzung von Altgebäuden wird dort gerade unter dem Aspekt geringerer Kosten angegangen, aber auch im Zuge der Nachhaltigkeit und Ressourcenschonung. In Augsburg rechnet man die Modernisierung und Weiternutzung der Gebäude hingegen teurer als Abriss und Neubauten. Ein Blick über den Tellerrand, auf Erfahrung und best-practise Objekte anderer Städte würde hier lohnen und wäre dringend anzuraten. Hervorragende Beispiele finden sich zahlreich, ebenso wie z.B. auf Umbau zu (u.a. günstigem) Wohnraum spezialisierte Planungsbüros, die hervorragende Expertise besitzen im Umgang mit baugleichen Objekten.

Warum sieht sich die Stadt Augsburg hier nicht in der Verantwortung, angemessen und sensibel mit ihrer Zeitgeschichte umzugehen? Warum erhält man nicht architektonische Spuren, die Geschichte ablesbar halten, Erinnerung und Auseinandersetzung ermöglichen? Gebäude die man weiterbauen könnte, weiternutzen, einbinden in das neue Reese-Quartier und die bereichernd zur Einzigartigkeit und Authentizität des Neubauviertels beitrügen!

Der Stadtrat, die Fraktionen sollten ihre Entscheidung, die auf mangelhaften, tendenziösen und nicht neutral überprüften Informationen beruht, überdenken und die Abrisse der Kantine und Kradhalle aussetzen.

 

https://www.openpetition.de/petition/online/rettet-die-reese-save-reese

 

 

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