Webwaren und Trikotagen - 125 Jahre Kaufhaus Konrad

Fotograf Markus Raffeiner gelang zum Firmenjubiläum das Kunststück, fünf Generationen Konrads auf einem Bild zu zeigen: links im ovalen Rahmen die Firmengründer, Justina und Anton Konrad, rechts Lotte und Ernst Konrad, die Eltern von Klaus und Wolfgang Konrad, die Töchter von Klaus, Amelie, Sibylle, Pia und die Kinder von Sibylle, Sanny, Momo und Luna. Foto: Markus Raffeiner

Jeder Pferseer kennt das Kaufhaus Konrad. Kein Wunder, in dem breiten Sortiment ist dort jeder schon fündig geworden. Nun feiert die Firma ihr 125-jähriges Bestehen.

Gesellschaftlicher, wirtschaftlicher und technischer Wandel – es gibt wohl kaum eine Branche, die derartige Veränderungen besser widerspiegelt als der Einzelhandel. Immer wieder kam es zu tiefgreifenden strukturellen Umbrüchen und die Betreiber eines kleinen Kaufhauses wie dem Pferseer Kaufhaus Konrad mussten flexibel und kreativ sein, um die Jahrzehnte zu überdauern.

Erste Kunden: Hausmeistereien

Vom Kaufmännischen Lehrling bis zum Prokuristen der Weberei Bemberg AG hatte sich Anton Konrad bereits vorangearbeitet, als er in einem kleinen Haus in Stadtbergen, gegenüber der Gaststätte Bräuhaus bei der alten Kirche, einen wenige Quadratmeter großen Laden für Zigarren und Schnupftabak eröffnete. Das war 1894 und seine Hauptbeschäftigung ermöglichte ihm günstige Einkaufskonditionen. Seine Frau Justina war es in erster Linie, die hier von selbst gezimmerten Regalen verkaufte. Eine gute Einnahmequelle war zu dieser Zeit auch das Beliefern von so genannten Hausmeistereien größerer Firmen. Heute nennt man das Kantine. Bald verkauften die Konrads Textilien – ein Raubetttuch kostete dank der guten Einkaufspreise 80 Pfennige und das Geschäft lief gut.

Umzug nach Pfersee

1910 fand man in Pfersee ein Haus zum Kauf und damit ein größeres Ladenlokal in der Spichererstraße 25. Nun hatten die Konrads 100 Quadratmeter Verkaufsfläche und man nannte sich „Anton Konrad Webwaren und Trikotagen“. Man konnte hier Textilien und Kurzwaren erwerben, aber noch keine Oberbekleidung. Die Töchter Viktoria, Maria und Anna arbeiteten im Geschäft mit und Konrad konnte auch bald Mitarbeiter einstellen. Der Renner waren zu dieser Zeit Kunstseidenreste der Weberei Bemberg und es gab auch prominente Kundschaft aus Wellenburg: Die Gräfin Fugger kam regelmäßig vorbei.
Ernst Konrad, der Sohn des Gründers, mietete 1938 in der Augsburger Straße 25 eine Ladenfläche und eröffnete eine Filiale mit 60 Quadratmetern. Zwölf Jahre später konnte er das Haus kaufen, in dem bis heute das Kaufhaus Konrad besteht.
Doch dazwischen kamen die harten Zeiten des Zweiten Weltkrieges. Für die Filiale an der Augsburger Straße gab es nicht genügend Ware und sie wurde bis nach der Währungsreform geschlossen. 1956 gab man das Geschäft in der Spicherer Straße auf. Zuvor konnte man dorthin Federbetten zur Reinigung bringen.
Ernst Konrad und seine Frau Lotte konzentrierten sich nun auf das Haus in der Augsburger Straße, das sich in wesentlich besserer Verkaufslage befand und bauten es 1953 um. Der Kaufmann war ein aktiver Pferseer, fungierte als Vorstand im TSV Pfersee und spielte dort Fußball.

Keine Damenwäsche!

1962 gab es einen größeren Umbau zum Kaufhaus. Dafür waren lange Vorbereitungen nötig, unter anderem galt es Vorbehalte des Stadtpfarrers Urban auszuräumen. Der hatte zwar keine Probleme mit der bisher bestehenden Holzlege mit Waschküche im Garten der Konrads, aber dass mit der in das Grundstück hineinwachsenden Verkaufsfläche die Schaufenster näher an seine Herz Jesu Kirche heranrückten, gefiel ihm nicht. Die Familie Konrad verpflichtete sich schriftlich, auf der Kirchenseite keine Damenunterwäsche im Fenster zu präsentieren, dann konnte das Geschäft auf gut 400 Quadratmeter Fläche erweitert werden.
Wenige Jahre später schloss man sich an den Düsseldorfer Kaufring an, der als größter Einkaufsverbund Europas den Konrads wie vielen anderen Betreibern von privaten Kaufhäusern zu besseren Konditionen verhalf. Ernst Konrad war sehr stolz, dass er die für die Aufnahme erforderlichen Bedingungen als vergleichsweise kleiner Händler erfüllen konnte. Den Kaufring gibt es heute nicht mehr, doch auch jetzt haben sich Einzelhändler wie das Kaufhaus Konrad in einem Handelsverbund zusammengeschlossen, um etwa gegen Discounter bestehen zu können.
Mitte der 1960er Jahre versuchte Familie Konrad die zahlreich in ihrer Nachbarschaft vertretenen amerikanischen Soldaten und ihre Familien ins Kaufhaus zu locken. Dafür wurden für das zahlungskräftige Publikum Handzettel in englischer Sprache verfasst und verteilt. Da die Amerikaner in ihrem PX aber wohl günstiger einkaufen konnten, hatte diese Aktion nur mäßigen Erfolg.

Auswahl über zwei Etagen

Der Garten, in dem die heutigen Betreiber als Kinder spielten und ihre Kaninchen versorgten, wurde 1974 vom Kaufhaus gebraucht. Architekt Willadt, der auch für die SPD im Stadtrat saß, bewies Verhandlungsgeschick mit den Nachbarn und entwarf die Erweiterung des Hauses auf 1000 Quadratmeter Verkaufsfläche. Dazu kamen Lager- und Büroräume und die Nutzung eines Untergeschosses, das sich seitdem über die gesamte Grundstücksfläche erstreckt. Der Architekt erlebte die Fertigstellung nicht mehr. Sein Sohn übernahm die Leitung der Baustelle.

Dritte Generation

Klaus und Wolfgang Konrad übernahmen 1980 die Unternehmensleitung, anfangs zusammen mit ihrer Mutter Lotte. Sie passten ihr sehr breites Sortiment immer wieder den Bedürfnissen der Pferseer an. Waren es jahrelang Kleinmöbel, Campingartikel und Drogeriewaren, die man präsentierte, bestimmen seit einigen Jahren Modeshops im Erdgeschoss das Bild. Die Postagentur im Untergeschoss, die nach der Schließung des wenige Meter entfernten Postamtes einzog, wurde schon einmal vergrößert und platzt schon wieder aus allen Nähten.
2007 konnte eine längst fällige Umgestaltung inklusive Dachausbau in Angriff genommen werden, nachdem die Stadt Augsburg sich entschlossen hatte, endgültig auf eine immer wieder diskutierte Verbreiterung der Augsburger Straße zu verzichten. Seitdem hat das Gebäude ein völlig neues Gesicht und Mieter Café Ihle eine größere Fläche zur Verfügung. Mit Sibylle Wagner-Konrad und Pia Konrad ist die vierte Generation im Unternehmen tätig und hat auch die konzeptionelle Führung und den Einkauf übernommen. Neben der Mode bilden aktuell Schreib-, Spiel-, Kurz- und Haushaltswaren den Großteil des Sortimentes. Etwa fünfzehn Beschäftigte kümmern sich um die Wünsche der Kundschaft, die sich den Weg in die Innenstadt sparen kann: Der Konrad hat’s.

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