Kritik am Kapitalismus ließ Genossenschaften entstehen - Großes Interesse an Bustour durch Augsburger Wohnhöfe

von LeserReporter Angelika Lonnemann

"Die Wohnungsfrage ist eine Lebensfrage wie das Essen" - das war im 19. Jahrhundert die Überzeugung vieler Sozialdemokraten und anderer Engagierter, denen das Wohl der Bevölkerung am Herzen lag. Mit der Industrialisierung zogen viele Menschen in die Städte, wo es schnell zu einer dramatischen Wohnungsnot kam. Aus Großbritannien war nicht nur der Kapitalismus, sondern auch die Kritik an ihm nach Deutschland gekommen. Auch die Idee des genossenschaftlichen Wohnens kam aus England und fand ihren Weg in die Industriestadt Augsburg. Auf einer dreistündigen Busfahrt durch Augsburg, die von der SPD Lechhausen und der Buchhandlung am Obstmarkt organisiert worden war, konnten 50 Teilnehmer höchst interessante Zusammenhänge erfahren. Der ehemaligen Geschäftsführer der Wohnungsbaugesellschaft der Stadt Augsburg, Edgar Mathe, führte die Gruppe durch Kolonien genannte Werkswohnungen, zeigte Wohnhöfe und Genossenschaftshochhäuser.

Die Fahrt begann bei den ehemaligen Hubertus-Wohnhöfen am Plärrer, führte durch das Proviantbachviertel, durch Göggingen, durch das Hochfeld und an Lechhausen entlang. In der Kolonie der ehemaligen Gögginger Nähfadenfabrik Ackermann berichtete Mathe von den Bedingungen, unter denen Arbeiterfamilien in den Werkswohnungen wohnen durften. "Beide Ehepartner mussten in der Fabrik arbeiten und sie durften sich nicht einer politischen oder gewerkschaftlichen Gruppe anschließen", so Mathe. Wohnungen für Meister waren komfortabler, sie waren in den sogenannten Meisterhäusern untergebracht. Meist gab es auch Gärten in den Kolonien, in denen die Familien Obst und Gemüse anbauen konnten. Die Textilindustrie hatte sehr viel Geld, das zeigten die Unternehmer mit ihren palastartigen Industriebauten, die Schlössern und Burgen ähnelten. Auch Uhrentürme an Fabriken und Wohnburgen als Zeichen der Macht, früher nur der Kirche vorbehalten, zeigten, wer die neuen Herrscher über die Zeit waren.

Werkswohnungen waren die ersten Arbeiterfamilienhäuser, die in Augsburg gebaut wurden. Bis zum zweiten Weltkrieg hatten etliche Unternehmer Wohnblöcke für ihre Beschäftigten gebaut, dazu zählten etwa MAN, Messerschmidt, das Gaswerk, die Schuhfabrik und etliche mehr. Die SPD und die Gewerkschaften unterstützten das Entstehen von Wohnbaugenossenschaften. Bis 1915 entstand nahe der MAN in der heutigen Schulstraße das erste sogenannte Hochhaus in Augsburg, ein Komplex mit 402 Wohnungen, möglich gemacht durch die Anteile der Genossenschaftsmitglieder. Erst in der Weimarer Republik gab es dann auch kommunale Bauten für Arbeiter. "Spät erst hatten auch die Städte erkannt, wie viel sozialer Sprengstoff in einer ungenügenden Wohnsituation steckt", berichtete Mathe. Dunkle, überbelegte und feuchte Unterkünfte machten ihre Bewohner krank. 1931 wurde der Lessinghof in der Rosenaustraße gebaut, ein Beispiel für den Bauhausstil in Süddeutschland.

Heute noch erzählen die alten Hausregeln in den Anlagen davon, wofür Wohnungen teilweise genutzt wurden. So hieß es etwa 1908 "Man darf kein Vieh in den Wohnungen halten, ausgenommen sind Küken für die Aufzucht" oder "es dürfen keine großen Mengen an Lebensmitteln gelagert werden".
"Auch heute ist die Wohnungsfrage wieder sehr wichtig, und wir wollten mit dieser Busfahrt aufzeigen, was in den vergangenen 150 Jahren in Augsburg gegen die Wohnungsnot unternommen wurde", sagte die Ortsvereinsvorsitzende der SPD Lechhausen, Angelika Lonnemann. "Aufgrund der hohen Auflagen für Wohnungsbau und der hohen Grundstückspreise ist es weder für Kommunen noch für Genossenschaften leicht, günstige Wohnungen zu bauen und dann zu günstigen Mietpreisen anzubieten. Vielleicht könnte man mit einem neuen Gesetz die Unternehmen dazu verpflichten, wie damals für ihre Mitarbeiter Wohnungen zu bauen?", so Lonnemann.
"Das war eine hoch interessante, informative Fahrt", sagte Eveline Mütze aus der Firnhaberau nach der Fahrt. Wegen der hohen Nachfrage wird diese Busfahrt am 22. April noch einmal angeboten. Karten oder Vorbestellungen in der Buchhandlung am Obstmarkt!

Der SPD-Ortsverein Lechhausen

Die SPD gibt es seit 1871 in Lechhausen, damit ist unser Ortsverein einer der ältesten in Bayern. Damals gehörte Lechhausen noch nicht zu Augsburg, sondern war ein Dorf, in dem sich seit 1850 Arbeiter niederließen, die auf der anderen Lechseite in Augsburger Metall- und Textilfabriken beschäftigt waren. Aktuell hat der Ortsverein rund 90 Mitglieder. Zu den Aktivitäten des Vereins gehören neben geselligen Stammtischen und politischen Veranstaltungen der Lechhauser Kunstpreis, die herbstliche „Kultur am Lagerfeuer“ und der politische Frühschoppen auf der Kirchweih. Zwei Mitglieder des Ortsvereins sind im Stadtrat, Sieglinde Wisniewski und Hüseyin Yalcin. Vorsitzende ist Angelika Lonnemann. Ende 2017 wurde eine Zusammenarbeit für Kulturveranstaltungen zwischen dem Ortsverein und der Buchhandlung am Obstmarkt beschlossen.

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