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Rechtsmedizinisches Gutachten im Augsburger Königsplatz-Prozess: Angeklagte sind schuldfähig

Die drei Angeklagten im Augsburger Landgericht.

Im "Königsplatz-Prozess" hat nun ein Rechtsmediziner sein Gutachten zur Tat vorgestellt.

Der Prozess um die gefährliche Körperverletzung mit Todesfolge in der Nähe des Augsburger Königsplatzes steht in dieser Woche vor dem Abschluss. Am Freitag soll das Urteil nach einer dann dreiwöchigen Verhandlung mit insgesamt acht Prozesstagen fallen. Angeklagt sind drei junge Männer. Einer von ihnen soll einen 49-Jährigen am Nikolausabend 2019 durch einen heftigen Schlag ins Gesicht so schwer verletzt haben, dass dieser kurze Zeit später seinen Verletzungen erlag. Die beiden weiteren Angeklagten verletzten im Anschluss auch den Freund des Todesopfers.

Alle Angeklagten hatten die Tatvorwürfe am ersten Prozesstag größtenteils eingeräumt. In der Verhandlung am Mittwoch ging es nun unter anderem darum, wie es zu der tödlichen Verletzung des Opfers gekommen war. Hätte der Hauptangeklagte wissen können, dass der starke Schlag gegen das Kinn seinen Kontrahenten töten würde? "Ja", lautete zumindest die eindeutige Einschätzung des hinzugezogenen Gutachters Randolph Penning vom Institut für Rechtmedizin München. Ein Schlag gegen den Kopf, der so stark ist, dass das Opfer dadurch das Bewusstsein verlieren und ungebremst mit dem Kopf auf den Boden knallen könnte, sei immer als eine "das Leben gefährdende Behandlung" einzustufen.

Auch der Angeklagte, der dem 51-jährigen Bekannten des Hauptopfers laut den Erkenntnissen der Rechtsmedizin wohl einen ebenso massiven Schlag gegen das Jochbein verpasst haben muss, habe damit eindeutig dessen Leben gefährdet. Letztendlich kam der 51-Jährige aber deutlich glimpflicher davon als sein Begleiter. Er erlitt einen dreifachen Bruch im Bereich des Jochbeins und der Augenhöhle, der auch den Augapfel hätte beschädigen können. Zu einer solchen Verletzung kam es zwar nicht, da der Angreifer aber wohl einen Nerv unter dem Auge traf, klagt der Geschädigte weiterhin über Taubheitsgefühle in etwa einem Drittel seines Gesichts.

Wie es passieren konnte, dass der Getötete nach nur einem Schlag zu Boden ging und fast sofort verstarb, sei rechtsmedizinisch gesehen "eine völlig klare Geschichte", so Penning, gleichzeitig sei der Fall aber auch "eine Rarität". Der 49-Jährige starb an einer "subarachnoidalen" Gehirnblutung aufgrund einer gerissenen Arterie; das Blut sammelte sich also unter der weichen Hirnhaut an. Im Fall des 49-Jährigen umgab das Blut fast das gesamte Hirn. Wenn eine solche Hirnblutung natürlich auftritt, etwa durch einen angeborenen Defekt, besteht laut Penning eine etwa 30-prozentige Überlebenschance ohne geistige Einschränkungen. Ihm sei allerdings kein Fall bekannt, in dem jemand eine durch ein Trauma ausgelöste Subarachnoidalblutung überlebt habe. Im Normalfall seien die Opfer "tot, bevor sie auf dem Boden aufkommen". In seiner 35-jährigen Arbeitszeit mit über 15 000 Sezierungen habe er nur etwa zehn ähnliche Fälle gesehen, betonte Penning.

Auch in der Literatur sei die Verletzung bislang kaum behandelt worden. Die in der Forschung aufgezeichneten Fälle ließen aber auf drei Bedingungen schließen, wie es zu einem solchen Fall kommen kann. Es muss ein starker Schlag, vermutlich mit der Faust, gegen das Gesicht erfolgen. Der Schlag muss zusätzlich für das Opfer völlig unerwartet ausgeführt werden. In allen außer einem aufgezeichneten Fall waren die Opfer außerdem alkoholisiert. Die Hirnschlagader des 49-Jährigen riss wohl, weil sein Kopf in Folge des Schlags in einer schnellen Rotationsbewegung nach rechts schnellte. Für gewöhnlich komme es nicht zu einer solchen Überdrehung des Kopfes, wenn man auf den Schlag vorbereitet und die Muskeln entsprechend angespannt seien, erklärte der Rechtsmediziner. Eine Verletzung wie im vorliegenden Fall sei deshalb wohl nur möglich, wenn der Körper sich nicht auf einen unerwarteten Schlag vorbereiten konnte und die Muskeln durch eine Alkoholisierung noch zusätzlich träge reagieren. Der 49-Jährige hatte zuvor den Augsburger Christkindlesmarkt besucht und dort mehrere Tassen Glühwein getrunken.

Für den Vorsitzenden Richter Lenart Hoesch und das Schöffengericht gilt es zu klären, ob der Täter hätte wissen müssen, dass er einen potentiell tödlichen Schlag ausführte. Laut einer Polizistin, die bei der Festnahme des Haupttäters dabei war, habe dieser damals angemerkt, der 49-Jährige müsse an einem Schlaganfall gestorben sein, denn von einem Schlag könne man ja nicht sterben. Es müsse Kriterien geben, was als lebensgefährliche Behandlung gelte, regte der Jugendrichter an. Dies könne eine "Bagatellisierung" von Gewalttaten auch vor Gericht verhindern. Der Richter bezog sich damit auf ein früheres Urteil gegen einen der weiteren Angeklagten, der im Jahr 2016 einen Jugendlichen nach einem Streit durch einen Tritt ins Gesicht verletzt hatte und dafür lediglich eine Verwarnung bekam und Hilfsdienste ableisten musste.

Vom Gutachter wollte das Gericht auch wissen, ob aufgrund der Alkoholisierung der Täter eine verminderte Steuerfähigkeit hätte vorliegen können. Aufgrund der Zeugenaussagen und der Videos von der Tat bestehe laut Penning allerdings kein Grund zur Annahme, dass eine entsprechende Alkoholisierung vorgelegen habe. Die Selbstangaben der Täter zu der eingenommen Alkoholmenge seien jedenfalls nicht verwertbar. So hätte etwa beim Haupttäter eine Blutalkoholkonzentration von 3,0 Promille bestehen müssen. "Das einzige, was ich dabei ausschließen kann, ist, dass eine solche Konzentration tatsächlich erreicht wurde", betonte der Gutachter. Bei diesem Alkoholgehalt hätte sich der Angeklagte demnach kaum noch bewegen können.

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