Täter sieht schnell rot: Fünfter Verhandlungstag im Augsburger Königsplatz-Prozess abgeschlossen

Die drei Angeklagten am Mittwoch am Augsburger Landgericht.

Noch stehen drei Prozesstage in der Verhandlung zum gewaltsamen Tod eines 49-Jährigen am Königsplatz aus.

Im Prozess um den im vergangenen Dezember in der Nähe des Königsplatzes getöteten 49-Jährigen haben in den ersten fünf von insgesamt acht angesetzten Verhandlungstagen vor dem Augsburger Landgericht bislang zahlreiche Zeugen ausgesagt, um zu klären, wie genau der Vorfall ablief. Immer wieder konzentriert sich der Prozess auch auf das Persönlichkeitsbild des mutmaßlichen Haupttäters und der beiden Mitangeklagten. Denn die Frage, ob sich die Angeklagten grundlos aggressiv verhielten und dadurch eine Auseinandersetzung provozierten, könnte auch einen Einfluss auf die Härte der Urteile haben.

Am jüngsten Prozesstag am Mittwoch wurden in diesem Zusammenhang "Gewaltvideos" gezeigt, die auf dem Handy des Hauptangeklagten und eines Mitangeklagten gefunden worden waren. Immer wieder wird bekannt, dass solch verstörende Videos über Chat-Gruppen weiterverteilt werden. Doch könnten die Filme dafür gesorgt haben, dass der Haupttäter besonders gewaltbereit reagierte, als es am 6. Dezember zu der Auseinandersetzung mit den zwei späteren Opfern kam? Zumindest Staatsanwalt Michael Nißl hält es für möglich, dass die Videos einen solchen Einfluss gehabt haben könnten. Verteidiger Marco Müller wollte die Videos nicht mit seinem Mandanten in Zusammenhang gebracht sehen. Dass ihm die Videos in einer Gruppe zugeschickt worden seien, gebe noch keinen Aufschluss darüber, ob er diese überhaupt angesehen habe. Richter Lenart Hoesch betonte allerdings, dass die Videos durchaus einen Aufschluss über die Persönlichkeit des Angeklagten geben könnten - diese Bewertung werde im Rahmen der Urteilsfindung stattfinden. Was die Prozessbeteiligten und Zuschauer dann zu sehen bekamen, war in jeder Hinsicht so "widerwärtig", wie es ein Ermittler am Tag zuvor bereits beschrieben hatte: Die Videos zeigen etwa detailliert, wie Menschen geköpft werden, oder einen Selbstmord mit einer Schrotflinte.

Der Hauptangeklagte hatte den 49-Jährigen, der am Nikolaustag mit seiner Frau und einem befreundeten Paar den Christkindlesmarkt besucht hatte, mit einem Schlag gegen das Kinn tödlich verletzt. Laut Anklage schnellte der Kopf des Opfers durch den "wuchtigen Schlag" so schnell nach rechts, dass seine Hirngrundschlagader einriss. Die Mitangeklagten und der 17-Jährige traten dann auch auf den 51-jährigen Freund des Opfers ein. Der Haupttäter ist angeklagt wegen Körperverletzung mit Todesfolge, die beiden Mittäter müssen sich wegen gefährlicher Körperverletzung verantworten. Alle drei Angeklagten räumten am ersten Prozesstag die Vorwürfe ein. Er habe nicht vorgehabt, den 49-Jährigen zu töten, gab der 17-Jährige über seinen Verteidiger bekannt.

Um die Tat aufzuklären, wurden zahlreiche Zeugen geladen, darunter die Beteiligten sowie Menschen, die das Geschehen aus der Ferne beobachtet hatten. Die Augsburger Polizei musste sich im Dezember aufgrund ihrer ursprünglichen Darstellung der Tat Kritik stellen, nachdem sie zu Beginn davon ausging, dass die Gruppe von Jugendlichen die Opfer "umringt" hatte. Die Verteidiger bekamen Zugriff auf ein Dash-Cam Video, das ein konfuseres Bild ergab - und etwa auch einen Schubser von Seiten des Opfers zeigte. Aufgrund des Videos erhärtete sich ein Tatverdacht schließlich nur noch bei drei Jugendlichen.

Wie genau es zu der Auseinandersetzung kam, wird weiter untersucht. Die Aussagen der jugendlichen Zeugen und des 51-Jährigen decken sich insoweit, dass wohl einer der Jugendlichen den später Getöteten nach einer Zigarette gefragt hatte. Die Angeklagten und die übrigen Gruppenmitglieder sprechen dann von einer Aggression von Seiten des Mannes. Der 49-Jährige habe "Halt die Schnauze gesagt" und den Jugendlichen geschubst. Gleich darauf sei es zum Schlag gekommen, sagte ein Jugendlicher aus. Die Gruppe sei zuvor gut gelaunt und keineswegs aggressiv gewesen. Anders sah das der 51-Jährige. Die Gruppe habe sich, wie im Video zu sehen sei, äußerst aggressiv verhalten. Die Ehefrau des Getöteten sagte, so etwas wie "Halt die Schnauze" hätte ihr Mann nie gesagt. Klar ist: Alles ging sehr schnell. Die Witwe erzählt, sie sei mit der Freundin voraus gelaufen, habe ihren Mann und den Bekannten noch gut gelaunt gesehen - als sie sich erneut umdrehte, sei ihr Mann bereits am Boden gelegen.

Berichte aus der Justizvollzugsanstalt, in der der Haupttäter während der Untersuchungshaft untergebracht war, und der Jugendhilfe zeichnen wiederum ein Bild von einem jungen Mann, dessen Emotionen schnell in Aggressionen münden. Der Leiter des Jugendgefängnisses berichtete, der Angeklagte reagiere schnell wütend und habe aufgrund von Auseinandersetzungen mit Mithäftlingen 75 Tage in Einzelhaft verbracht. Das sei eine ungewöhnlich hohe Zahl. Die Vertreterin des Jugendamts, das den Angeklagten zwei Mal in der JVA besucht hatte, meinte: "Unsere Einschätzung ist sehr ambivalent". Er habe sich offen und reumütig gezeigt, allerdings habe er auch "sehr abgeklärt und kühl" gewirkt. Alles sei für ihn "bis zu einem gewissen Punkt aushaltbar, dann würde er rot sehen", habe er im Gespräch gesagt. Die Jugendhilfe empfiehlt im Zuge der erwarteten längeren Unterbringung auch eine Sozialtherapie für Gewaltstraftäter.

Der Prozess wird am kommenden Mittwoch mit weiteren Zeugen fortgesetzt. Das Urteil soll voraussichtlich am Freitag darauf fallen.

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