„Die letzten Zeitzeugen“ mahnen zum Kriegsende vor 75 Jahren

Die Erinnerung muss aufrechterhalten werden. „Wenn man dieser nachfolgenden Generation etwas vom Leben ihrer Urgroßeltern vermitteln will, sind Zeitzeugen-Gespräche ein geeigneter Weg“, erklärt Historiker Christoph Lang.

Einen Beitrag zur Erinnerungskultur an den Zweiten Weltkrieg und das Kriegsende vor 75 Jahren leistet das multimediale Projekt „Die letzten Zeitzeugen“ von Filmemacher Michael Kalb und Historiker Christoph Lang. Das Projekt wurde jüngst zum Augsburger Medienpreis 2020 nominiert.

Am 8. Mai, vor 75 Jahren, war der Zweite Weltkrieg offiziell vorbei. Schon in den Wochen zuvor wurden zahlreiche deutsche Städte und Konzentrationslager von den Alliierten befreit. Leider können entsprechende Gedenkfeiern und Veranstaltungen wegen der Corona-Beschränkungen nicht stattfinden.

So blicken die Zeitzeugen auch auf das Kriegsende mit vielfältigen Erinnerungen. Während die einen die Befreiung durch die Alliierten im zerbombten Schwabmünchen und Augsburg herbeisehnten, so ging es für andere in sowjetische, amerikanische oder französische Kriegsgefangenschaft. Während sich die meisten Orte ergaben und die weißen Fahnen auf dem Kirchturm gehisst wurden, gab es im verschlafenen Zwölf-Einwohner Dorf Hölzlarn bei Thierhaupten noch vereinzelt Widerstand, in dem Tellerminen im naheliegenden Wald gelegt wurden.

„Die letzten Zeitzeugen“ erzählen in ihren Gespräche nicht von den großen Ereignissen in den Großstädten, sondern vom meist einfachem Leben auf dem Land, bei dem es manchmal weder Telefon noch Zeitung, dafür aber ausreichend Fleisch und Brot gab. Zweieinhalb Jahre lang führte Michael Kalb, unter Begleitung von Historikern, Interviews mit 37 Zeitzeugen aus Bayerisch-Schwaben. Die meisten Gesprächspartner waren noch vor 1930 geboren, einige sind nun bereits verstorben. Der Volkskundler Christoph Lang hat das Projekt wissenschaftlich begleitet.

Der Reiz liege nicht allein bei historischen Fakten, sondern, wie Menschen diese Zeit erlebt haben, was sie gefühlt und was sie gedacht haben, wo ihre Ängste, Sorgen und Hoffnungen lagen, erklärt Lang. Für die Generation, die im 21. Jahrhundert geboren ist, stammen die Zeitzeugen laut Lang aus einer „archaischen Welt“. „Wenn man dieser nachfolgenden Generation etwas vom Leben ihrer Urgroßeltern vermitteln will, sind Zeitzeugen-Gespräche ein geeigneter Weg.“

„Wie ein Mosaik aus Erinnerungen soll unser Film sowie das in Arbeit befindliche Buch die Grausamkeit und Widersprüche des ‚Dritten Reiches‘, das Chaos nach Kriegsende, aber auch den Alltag und manche Lichtblicke dieser Zeit greifbar machen“, sagt der Regisseur und Produzent Michael Kalb. Ohne auf konkrete aktuelle Ereignisse zu verweisen, werde klar, dass das damalige Geschehen heute brisanter und aktueller sei denn je. Mit dem Wissen um die Hintergründe dieser unmenschlichen Zeit erzeuge gerade die Unreflektiertheit mancher Zeitzeugen ein noch größeres Unbehagen.

Da rund 50 Kinovorführungen des dazugehörigen Dokumentarfilms wegen Corona-Pandemie ausfallen mussten und der Ausstrahlungstermin im Fernsehen noch nicht bekannt ist, gibt es den Film nun als DVD sowie online auf Amazon-Prime und Pantaflix zu sehen. Das Buch mit 300 Seiten mit Zusammenfassungen aller 30 Interviews und historischen Bilder der Zeitzeugen und Orte wird vom Kulturfond Bayern gefördert und soll im Herbst veröffentlicht werden. Das gesamte Projekt "Die letzten Zeitzeugen" wurde für den diesjährigen Augsburger Medienpreis nominiert. (pm)

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