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Vom Spektakel zum "Digitalbrecht": Was für das Augsburger Brechtfestival 2021 geplant ist

Noch im Februar fand das Brechtfestival erstmals als "Spektakel" statt. Im kommenden Jahr kann das Format nicht stattfinden.

Das Augsburger Brechtfestival findet im Februar und März 2021 komplett online statt.

Seit 2010 feiert Bertolt Brechts Geburtsort Augsburg den berühmten Dichter und Dramatiker mit dem Brechtfestival. Die beiden Theaterregisseure Jürgen Kuttner und Tom Kühnel sind seit diesem Jahr für die Kulturveranstaltung verantwortlich und krempelten diese im Februar zunächst mächtig um: Das Festival wurde zum "Spektakel", die meisten Vorführungen fanden nun an nur zwei Abenden statt. In den Räumen der Interimsspielstätte des Staatstheaters im Martini-Park drängten sich die Menschen dicht zusammen, liefen frei von einer Aufführung zur nächsten, interagierten mit den Künstlern und miteinander. Kurz: Es waren Abende, auf die man aktuell womöglich mit Wehmut zurückblickt, die in der heutigen Situation unvorstellbar wären. Wie viele andere kulturelle Formate musste sich also auch das Brechtfestival für 2021 eine Alternative überlegen und entschied sich für eine Verlegung in den digitalen Raum.

„Als klar war, dass wir unser Spektakel-Format dieses Mal nicht weiterführen können, haben wir nach Möglichkeiten gesucht, wie wir den Hit-and-run-Gedanken auf die aktuelle Situation anwenden können. Also die Idee kleiner, wendiger, selbständig arbeitender Trüppchen.", sagt Festivalleiter Jürgen Kuttner. Es sei gelungen, viele der Künstler, die die Regisseure für das Festival bereits angefragt hatten, auf eine netzbasierte Präsentationsform "umzuorientieren". "Uns war aber wichtig, nicht ausschließlich Bühnenpräsentationen abzufilmen, sondern möglichst eigene künstlerische Beiträge zu schaffen", so Kuttner. "Wir sind gespannt, was sich die Beteiligten einfallen lassen“

Zwischen dem 26. Februar und dem 7. März sollen rund 20 "Netzpremieren" im Zuge des Brechtfestivals stattfinden. Angekündigt sind Formate vom Kurzfilm über Live-Talks und Musikvideos bis zum Trickfilm. Im Zentrum der Livestreams steht steht natürlich Bertolt Brecht. Seine Texte und Themen interpretieren im kommenden Jahr auch Schauspieler wie Paula Beer, Charly Hübner und Corinna Harfouch. Die Regieklasse der Otto Falckenberg Schule in München und lokale freie Theater wie das Theter Ensemble und Bluespots Productions beteiligen sich mit eigens für das Brechtfestival entwickelten Projekten. Auch das Augsburger Staatstheater ist erneut beteiligt und zeigt am Eröffnungsabend die Premiere von Heiner Müllers "Medeamaterial", in der Regie der beiden Festivalleiter, im Livestream.

Auch die „Brechtnacht“, die jährlich mit dem Ziel stattfindet, Brecht mit zeitgenössischer Popkultur zusammenzubringen, wird 2021 etwas anders ablaufen. Die Festivalleiter wollen Wohnzimmer, Bad oder Küche zur Tanzfläche machen. Geschehen soll das zum Beispiel mit Hilfe des ukrainischen Frauen-Septetts "Dakh Daughters", das einen Beitrag aus dem Dakh Theater in Kiew schickt, oder mit der international besetzten Brass-Band "Banda Internationale". Für einen gemeinsamen Auftritt bei der Brechtnacht mit Sängerin Bernadette La Hengst setzten sich die Künstler erstmals mit Brecht auseinander.

Bereits seit September läuft ein weiterer Programmpunkt des digitalen Brechtfestivals: Das "Brechtfestival Arbeitsjournal" auf brechtfestival.de oder per Telegram-Kanal. In Anlehnung an Bert Brechts Arbeitsjournal aus den Jahren 1938 bis 1955 präsentiert es täglich Texte, Tondokumente und Videos von oder zu Brecht. Verbunden wird dies mit Blicken hinter die Kulissen der Festival-Entstehung.

Trotz des digitalen Formats soll das Brechtfestival nicht komplett kostenlos sein. Neben freien Angeboten soll es auch einen Festivalpass für einen Teil der Angebote geben. "Mit dem Festivalpass stellen wir die besondere Wertigkeit heraus, die Kultur im Allgemeinen und die einzelnen Beiträge im Besonderen haben", sagt Kulturreferent Jürgen Enninger. "Gleichzeitig soll niemand ausgeschlossen sein." Denn laut Enninger brauche es gerade jetzt ein Brechtfestival. "Die Pandemie zeigt, welche Tragweite Ungleichheiten bekommen, wenn Krisen gemeistert werden müssen", so der Kulturreferent. "Diskriminierung, die ungerechte Verteilung von Macht, Geld und Chancen: Dies alles wird durch Brecht deutlich thematisiert und schafft so für uns eine berührende Aktualität, die zum Handeln mahnt." (pm/lat)

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