Augsburger Geobotaniker über Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung und der Ausbreitung von Pandemien: "Wichtig ist etwas mehr Demut"

Geobotaniker Martinus Fesq-Martin spricht über die Zusammenhänge zwischen Umweltzerstörung und der Ausbreitung von Pandemien.

Martinus Fesq-Martin als Lehrbeauftragter für Geobotanik am Institut für Geographie der Universität Augsburg hat bereits 2015 in der Fachzeitschrift „Nationalpark“ vor der Ausbreitung von Pandemien gewarnt, denn: "Jeder zerstörerische Eingriff des Menschen in die Natur räche sich irgendwann an ihm selbst."

Der Biologe erklärt nun, dass der US-amerikanische Wissenschaftsjournalist David Quammen schon 2012 vorhergesagt habe, was aktuell tatsächlich abläuft. Und zwar, dass Viren von Wildtieren auf den Menschen überspringen und eine globale Pandemie auslösen. "Aus meiner ökologischen Perspektive heraus schien mir das plausibel. Dennoch findet dieser Gedanke bis heute hierzulande noch wenig Widerhall", sagt Fesq-Martin.

Dass Viren sich neue Opfer suchen, sei ein ganz natürlicher Vorgang, den es schon seit Millionen von Jahren gibt. Durch die Umweltzerstörung bekomme dieser allerdings eine ganz neue Dynamik. Das liegt unter anderem daran, dass die Menschen in immer neue Lebensräume eindringen. So steigt beispielsweise durch Rodungen der Regenwälder und die Umwandlung in Agrarflächen die Wahrscheinlichkeit, dass Menschen in Kontakt zu Wildtieren und deren Krankheitserregern kommen. Parasiten, Bakterien und Viren haben dadurch ihrerseits die Chance, sich neues Territorium zu erobern.

Isolierte Tierpopulationen führen zu vermehrt unterschiedlichen Krankheitserregern

"Dazu kommt noch ein weiterer Effekt, nämlich die zunehmende Fragmentierung der Ökosysteme", erklärt Fesq-Martin. Wenn zum Beispiel große Waldflächen zerstört werden, so dass von ihnen nur noch kleine Inseln bleiben, dann bilden sich dadurch isolierte Tierpopulationen, die kaum noch in Austausch miteinander stehen. In getrennten Populationen verläuft aber auch die Evolution der Krankheitserreger getrennt. Demnach würden vermehrt unterschiedliche Erreger entstehen. "Damit steigt auch die Wahrscheinlichkeit, dass sich ein Virus entwickelt, das auch für den Menschen eine Gefahr darstellt – ganz so, wie es beim Coronavirus der Fall war", führt der Biologe weiter aus. Studien würden zudem zeigen, dass beispielsweise Zecken, die in großen zusammenhängenden Waldgebieten leben, seltener Borrelien in sich tragen, also die Bakterien, die Borreliose auslösen.

Bei Malaria verfolgt man unter anderem die Strategie, die Überträger-Mücken auszurotten. In Norditalien wurden Gewässer mit dem Insektizid Dichlordiphenyltrichlorethan (DDT) behandelt. "Die Folge solcher Eingriffe ist stets eine Verarmung der Ökosysteme, von der dann wieder andere Arten profitieren können, oft mit negativen Konsequenzen", warnt der Biologe und erklärt: "Wenn etwa aus irgendwelchen Gründen die Eulen seltener werden, können sich Mäuse und Ratten stärker vermehren. Und Nagetiere gelten mit den Fledermäusen als eines der Hauptreservoirs für zoonotische Viren – also solche, die möglicherweise auch auf den Menschen übergehen können." Weniger Artenvielfalt bedeutee auch, dass es Erregern leichter wird, sich in Ökosystemen durchzusetzen. Parasiten, Bakterien oder auch Viren seien Spezialisten, die meist nur wenige Arten befallen können. Wenn mehr Tiere derselben Spezies in größeren Dichten vorhanden sind, begünstigt das die Ausbreitung der Erreger.

Maßnahmen, um das Risiko künftiger Pandemien zu verringern

Ein wichtiger Punkt, um das Risiko künftiger Pandemien zu verringern, wäre es, die Übertragungsmöglichkeiten vom Tier auf den Menschen "drastisch zu reduzieren". Zum Beispiel, indem man in Asien die Tiermärkte verbietet, die so genannten „wet markets“, oder vermehrt über die Gefahren aufklärt, die der Verzehr von "Bushmeat", also etwa Affen oder Fledermäusen, mit sich bringt.

"Wichtig ist insgesamt etwas mehr Demut", sagt Fesq-Martin. Der Mensch sei Teil eines unüberschaubaren Beziehungsgefüges zwischen Tieren, Pflanzen, Pilzen und Bakterien. "Damit haben unsere Handlungen oft Konsequenzen, die wir einfach nicht absehen können", mahnt der Lehrbeauftragte.

Nach Ansicht von Martinus Fesq-Martin sollte sich jeder stärker bewusst machen, dass Umweltschutz auch Menschen schützt und deshalb die Natur in ihrer Vielfalt erhalten bleiben müsse. "Wenn wir die Ökosysteme mitsamt ihrer Biodiversität bewahren, dann kommt das direkt auch uns Menschen als Teil der Biosphäre zugute", erklärt der Geobotaniker. (pm/pb)

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