"Gewalt kann jeden treffen": Augsburg bietet erstes Schutzhaus für Männer in Südbayern

Nicht nur Frauen werden Opfer von häuslicher Gewalt. Deshalb gibt es in Augsburg nun auch ein Schutzhaus für Männer.

Anfang des Jahres öffnete in Augsburg das erste Schutzhaus für Männer in Südbayern

Seit Anfang des Jahres gibt es in Augsburg nicht nur ein Schutzhaus für Frauen, sondern auch für Männer, die Opfer von häuslicher Gewalt wurden. Es ist die bislang einzige Anlaufstelle für männliche Opfer in ganz Südbayern. Die Bayerische Sozialministerin Carolina Trautner und der stellvertretende Vorsitzende der Landesarbeitsgemeinschaft Jungen- und Männerarbeit (LAG), Stefan Becker, haben die Einrichtung in der Innenstadt gestern besucht und eine erste Bilanz gezogen.

Wo genau das Schutzhaus sich befindet, in dem Platz für zwei Männer ist, ist geheim. Auch die Presse durfte deshalb bei dem Besuch der Ministerin nicht vor Ort sein. Das Haus befände sich an einem Ort, von dem aus die Schutzsuchenden die Innenstadt zu Fuß erreichen können, sagte Trautner im Anschluss. Auch ein Kind kann in dem neuen Schutzraum Zuflucht finden, falls es mit seinem Vater aus der häuslichen Situation fliehen muss.

21 Schutz-Appartements für Frauen

Auch das Frauenhaus hatte Carolina Trautner besucht. Das Schutzhaus sei "sehr gut ausgestattet", sagte sie. Weiterhin steht für weibliche Opfer häuslicher Gewalt deutlich mehr Platz zur Verfügung: 21 kleine Appartements für Frauen und Kinder. Die Bewohnerinnen erhalten Unterstützung beim Umgang mit Ämtern und Behörden und der Verarbeitung ihrer Erfahrungen. Außerdem bietet das Schutzhaus einen sicheren Ort, an dem sie leben können, bis sie eine eigene Wohnung gefunden haben.

Auch hier macht sich der angespannte Wohnungsmarkt bemerkbar. Schon öfter geriet das Frauenhaus in die Kritik, da nicht alle Frauen aufgenommen werden konnten. Es sei für die Schutzsuchenden aber auch weiterhin schwierig, schnell eine günstige Wohnung zu finden, sagte Trautner nun. Durch das sogenannte "Second-Stage-Projekt" sei es aber zum Beispiel möglich gewesen, während der Corona-Krise zwei neue Frauen aufzunehmen. In der Second-Stage-Wohnung werden Frauen untergebracht, die bereit sind, das Schutzhaus zu verlassen, aber weitere Unterstützung brauchen. Dadurch werden im Frauenhaus Plätze für neue Bewohnerinnen frei.

Schutz auch für Männer: "Wir sehen die Nachfrage ist da"

Doch auch der Bedarf an Schutzhäusern für Männer sei im vergangenen Jahr deutlich geworden, sagte Stefan Becker, der als stellvertretender Vorsitzender der LAG für Südbayern zuständig ist. Dennoch gibt es in Augsburg bislang nur zwei Plätze für männliche Opfer, die auch beide aktuell belegt sind. Es gebe noch zehn weitere Anfragen.

Ein Männerhaus für Nordbayern wurde in Nürnberg eingerichtet. Die Bewohner dürfen in den Häusern maximal drei Monate lang wohnen. Beide Einrichtungen wurden vom Sozialministerium finanziell unterstützt, betrieben wird das Augsburger Haus vom Sozialdienst Katholischer Männer (SKM).

"Wir sehen überall: Die Nachfrage ist da", betonte Becker. Dennoch sei das Thema von häuslicher und vor allem sexualisierter Gewalt gegen Männer bislang noch kaum im gesellschaftlichen Diskurs angekommen – und das, obwohl laut einer Statistik des Bundeskriminalamts im Jahr 2018 etwa 18,7 Prozent der Opfer von häuslicher Gewalt Männer waren. Die Dunkelziffer könnte noch höher sein, glaubt Becker.

Männer fühlen oft besonders viel Scham

Denn Männer fühlten oft mehr Scham, wenn sie Opfer von Beziehungsgewalt würden. Oft dauere es Jahrzehnte, bis sie bereit seien, darüber zu reden, erzählte Becker. Laut Untersuchungen bräuchten Männer etwa neunmal so lang wie Frauen, um Hilfe zu suchen. Es sei darum besonders wichtig, zu vermitteln, "dass man als Mann kein Weichei ist, wenn man Hilfe und Unterstützung sucht". Beckers bisherige Arbeit zeige außerdem: "Gewalt kann jeden treffen, das geht durch alle Bildungsschichten und alle Milieus hindurch."

Ob die zwei Plätze in Augsburg auf lange Sicht den gesamten südbayerischen Bereich abdecken können, ist fraglich. Wenn der Bedarf weiterhin hoch sei, müsse man längerfristig überlegen, an welchen anderen Orten die Einrichtung von weiteren Männer-Schutzhäusern nötig sei, so Carolina Trautner. "Das ist jetzt der erste Schritt", sagte sie. "Wir sind ganz am Anfang".

Man wolle allerdings niemanden im Stich lassen. Wer keinen Platz im Schutzhaus bekomme, werde an andere Beratungs- und Unterstützungsangebote weitergeleitet.

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