Region: Augsburg Stadt

Tagebuch zur Corona-Isolation: Schülerin schreibt über den Alltag während der Ausgangsbeschränkung

Zuhause näht Antonias Mutter, die zurzeit nicht in die Arbeit kann, Schutzmasken für Freunde und Familie.

Die 16-jährige Antonia Schulz besucht das Maria-Ward-Gymnasium in Augsburg und schreibt im Auftrag ihres Lehrers ein historisches Corona-Tagebuch. Wir veröffentlichen hier eine Auswahl aus ihren Einträgen.

Hallo, mein Name ist Antonia Schulz, ich bin fast 17 Jahre alt und darf meinen Geburtstag in Quarantäne feiern. Ich schreibe über die wilde Zeit von Covid-19 ein historisches Tagebuch für euch und auch für alle in der ferneren Zukunft.

Eintrag 1: 18.03.2020 – Ausgestorben oder doch nur Couch-Potatoes?

Heute Mittag bin ich zur City Galerie gelaufen, um Lebensmittel einzukaufen. Dort waren so gut wie alle Geschäfte geschlossen. Es war unglaublich unheimlich. Dieser Kontrast, an einem normalerweise so belebten Ort nur noch vereinzelt Menschen zu sehen, war extrem. Es war die erste Situation, in der ich persönlich gemerkt habe, wie massiv die Corona-Krise in unser Leben in nächster Zeit eingreifen wird.

Momentan wird viel über eine Ausgangssperre gemunkelt. Ich bleibe die nächste Zeit soweit es geht zu Hause, verstehe aber auch alle Menschen, die bei solch schönem Wetter vor die Tür gehen wollen. Vor allem wenn einem, wie mir, schon nach wenigen Tagen die Beschäftigungsmöglichkeiten ausgehen, da acht Stunden am Tag Netflix schauen eher nur eine Beschäftigung für „Extremcoucher“ ist.

Eintrag 3: 20.03.2020 – Die Möglichkeit nutzen

Heute Früh kam die erschreckende Nachricht. Eine Ausgangsbeschränkung. Für mich war diese Nachricht ganz ehrlich ein Schock. Ich wusste gar nicht, wie ich reagieren soll. Nochmal nach Augsburg fahren, meinen Freund besuchen und dann bei meiner Mutter in Aichach bleiben oder alleine in meiner 13-Quadratmeter-Wohnung bleiben? Mir wurde zwar gesagt, ich übertreibe, doch ob man ohne Bescheinigung nicht mehr aus dem Haus darf und die Polizei durch die Straßen fährt oder ob das locker gehandhabt wird, konnte ich anfangs nicht im Geringsten einschätzen.

Meine Panik und mein Schock hat sich dann mit den verschiedenen Auflagen gelegt. Spazieren gehen, Sport treiben, das klingt alles erst einmal harmlos. Das unwohle Gefühl im Magen bleibt mir wohl vorerst dennoch. Doch statt auf der faulen Haut zu liegen, kann man einiges erledigen. Meine Mutter hat sich als ausgebildete Krankenschwester im Aichacher Krankenhaus freiwillig gemeldet, in möglichen Notsituationen auszuhelfen. Wenn man nicht helfen kann, sind auch Gartenarbeiten oder Ausmisten eine gute Beschäftigung. Ich für meinen Teil werde meine Möbel neu streichen. Ich bin sehr zuversichtlich und denke, dass wir uns als Gemeinschaft, zum Wohl der anderen, gut mit der Ausgangsbeschränkung arrangieren werden. Es bedarf wohl nur etwas Eingewöhnungszeit.

Eintrag 6: 23.03.2020 – Schlafen ist essentiell

Ich bin mittlerweile seit Tagen nicht mehr raus gegangen. Ich war bis jetzt einmal am Tag mit meinem Hund spazieren oder habe mich in den Garten gesetzt. Abgesehen davon bin ich nur im Haus. Das wirkt sich jetzt schon auf meinen Tagesablauf aus. Durch die konstante eher mäßige Beschäftigung bin ich definitiv nicht ausgelastet. Ich bin deswegen immer später ins Bett gegangen, da ich einfach nicht müde geworden bin. Dadurch stehe ich mittlerweile erst mittags auf und bin trotzdem müde. So ein ungesunder Schlafrhythmus ist extrem schädlich für die Produktivität. Aber das Schlimmste ist, dass die Tage so dahinsiechen. Man merkt nicht mehr genau, welche Tageszeit es ist und hat keinerlei Tagesabläufe mehr. Ich bin fest entschlossen, mir einen neuen Tagesablauf zu schaffen und mich mehr auszulasten, um abends müde genug zum Schlafen zu sein.

Eintrag 8: 25.03.2020- Endlich bei allen angekommen?

Ich war heute das erste Mal wieder unterwegs. Wir waren erst einkaufen. Da ist auch gleich meine positive Nachricht für heute. Alle Kassen im Supermarkt waren abgetrennt und die Kassierer komplett geschützt. Das hat gezeigt, wie sorgsam die Mitarbeiter von ihrem Arbeitgeber ab jetzt geschützt werden. Das war aber nicht das einzig neue heute in Aichach. Es war deutlich weniger los. Sowohl beim Einkaufen als auch in den öffentlichen Verkehrsmitteln. Ich bin heute in meine Wohnung nach Augsburg zurückgefahren. Dabei habe ich den Zug benutzt, der fast komplett leer war. Scheint so, als hätten es die Leute allmählich verstanden.

Eintrag 9: 26.03.2020 – Sich selbst ertragen

Seit mein Vater gestorben ist, habe ich mir keine Pause erlaubt. Ich habe Schulsachen nachholen müssen, Klausuren geschrieben, Sachen sortiert. Aber Pausen sind unersetzlich. Wenn man keine hat, geht man irgendwann K.o. Ich finde, das Wichtige an den Pausen ist, dass man mit sich selbst auskommen muss. Nach dem Verlust eines Menschen fällt das besonders schwer: Die Stille ertragen und seine eigenen Gedanken. Ich habe mich entschieden, mir diese Pause jetzt zu nehmen. Ich habe morgen die meisten Abgabetermine für meine Schulsachen, aber ich kann und werde sie nicht erledigen.

Eintrag 10: 04.04.2020 – Welcome back!

Meine Schreibpause ist vorbei. Ich habe mich drei Tage „eingesperrt“. Bis zu 14 Stunden Schlaf am Tag, lesen, Netflix, einfach nur im Bett liegen. Normalerweise kann ich nicht mal ein paar Stunden im Bett liegen, ohne etwas zu tun zu haben. Nachdem ich mich entschlossen hatte, aus meiner Höhle herauszukriechen, musste ich zu meiner Mutter fahren. Dort habe ich direkt ein Kompliment von meiner Schwester bekommen, da ich besonders ausgeruht aussehe. Fazit: Ausruhen lohnt sich!

Nach dem Tod lernt man Menschen meist noch besser kennen. Mein Papa ist Ende letzten Jahres gestorben und hat gefühlt alles aufgehoben, was er je bekommen hat. Ich bin gerade dabei, seine Sachen auszusortieren und habe Lohnzettel ab dem Jahr 1989 im Keller gefunden. Im Keller meiner Mutter standen etwa 30 Kisten mit verschiedenstem Zeug. Seit gestern bin ich nun wieder in Augsburg und kümmere mich um liegengebliebene Schularbeiten.

Eintrag 11: 05.04.2020 – Schule während Corona

Ich frage mich, wie man mit dieser Art Unterricht, egal wann, wieder in die Schule gehen kann. Die meisten Lehrer schicken verwirrende Aufgaben und Buchseiten. Man soll sich neue Themen selbst beibringen. Die Themen werden für Klausuren vorausgesetzt und man kann nicht erwarten, dass jeder Schüler auf dem gleichen Stand ist. Jeder ist unterschiedlich talentiert und oft braucht man in einigen Fächern einen Ansprechpartner, der Fragen ausführlicher erklärt. Dabei spielt auch das oft mangelnde Feedback eine Rolle. Ein „gut gemacht“ reicht nicht aus! Man gibt sich stundenlang Mühe und bekommt nichts weiter als eine Phrase zurück, ohne differenzierteres Feedback. Ich persönlich verstehe jeden, der viel zu tun hat, doch von Schülern stundenlange Arbeit zu erwarten und nichts zurückzugeben ist ein Albtraum für jeden engagierten Schüler.

Eintrag 17: 12.04.2020 – Heute kommt der Osterhase

Happy Easter! Heute ist ein echt schöner Tag. Am Morgen haben wir mit meiner Oma und meiner Tante eine Videokonferenz abgehalten. Meiner Oma ist das alles schwer gefallen, da sie eine enge Beziehung zu uns hat. Sie wollte uns während des Gesprächs mehrmals überreden, doch zu ihr zu kommen.

Eintrag 19: 14.04.2020 – Opas Geburtstag

Heute ist der 80. Geburtstag von meinem Opa. Aufgrund der Corona-Pandemie können wir leider nicht gemeinsam feiern. Als ich aufgewacht bin, war meine Schwester schon mit Opa im Videochat. Er hat zwar ab und zu seinen Daumen vor die Kamera gehalten, aber ansonsten hat das super funktioniert. Ich habe meinem Opa auch einen Brief geschickt mit Fotos von ihm und mir. Leider ist der Brief nicht rechtzeitig angekommen, aber ich bin mir sicher er freut sich auch morgen noch darüber.

Eintrag 20: 15.04.2020 – Endlich wieder raus?

Ich musste heute schon eine Schweigeminute für meinen nicht gemachten Führerschein abhalten. Sowohl meine Mutter als auch ich haben ihn uns sehnlichst herbei gewünscht. Heute wäre meine Prüfung gewesen und stattdessen bin ich seit vier Wochen schon kein Auto mehr gefahren… Nun ja, genug gejammert, jetzt geht es um etwas produktives und zwar das Corona-Kabinett, dass bereits fleißig diskutiert, was mit Deutschland in den nächsten Monaten passieren wird. Wir warten schon sehnlichst darauf, dass die Pressekonferenz anfängt.

19 Uhr abends: Die Pressekonferenz ist vorbei und war wohl für viele nicht das Erhoffte. Die Auflagen wurden für Bayern bis zum 11. Mai bis auf wenige Ausnahmen verlängert. Bayern ist auch bei dieser Pressekonferenz mit Söder klar hervorgestochen und hat leichte Abweichungen in den Maßnahmen. Denn alle anderen Bundesländer fangen schon ab 4. Mai an, Schulen schrittweise zu öffnen. Ich bin gespannt, was für Bayern noch an zusätzlichen Maßnahmen kommen wird, denn Herr Söder kündigte ja schon an, dass Bayern für sich erneut über die Beschlüsse tagen werde.

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