Wissenschaftsphilosoph über Verschwörungstheorien: "Eine Gefahr für Gesellschaft und Demokratie"

Jens Soentgen, Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg, sieht angesichts der Verschwörungstheorien zum Coronavirus massive Gefahren für Wissenschaft, Gesellschaft und Demokratie. Der Chemiker und Umweltphilosoph erforschte bereits im Zusammenhang mit dem Klimawandel, warum die Skepsis gegenüber wissenschaftlichen Erkenntnissen einen derartigen Auftrieb erfährt.

Das Coronavirus wurde von Bill Gates in die Welt gesetzt, weil der uns mit Mikrochips impfen und so unter Kontrolle bekommen möchte. Geheime Mächte bauschen die Gefährlichkeit von Covid-19 auf, um eine autoritäre Weltordnung zu schaffen. Nicht das Virus ist schuld an den Todesfällen, sondern die Strahlung der 5G-Sendemasten. Das sind drei der zahlreichen Verschwörungstheorien, die momentan kursieren. Nicht alle sind so abenteuerlich wie diese.

"Gemeinsam ist ihnen jedoch, dass sie die wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Covid-19 ignorieren oder bestreiten – und damit oft erstaunlich viele Menschen überzeugen", erklärt Soentgen. Überrascht sei der davon nicht, denn ähnliche Beobachtungen haben seine Kollegin Helena Bilandzic, Inhaberin des Lehrstuhls für Kommunikationswissenschaft-Rezeption und Wirkung, und er bereits bei den Diskussionen um den Klimawandel gemacht. „Wir haben am Wissenschaftszentrum Umwelt eine riesige Zahl skeptischer Veröffentlichungen zu dieser Thematik gesammelt und ausgewertet“, sagt der Privatdozent und ergänzt: „Die derzeitigen Verschwörungstheorien über Covid-19 müssen in einen größeren Kontext gestellt werden. Wir stellen zunehmend fest, dass wissenschaftliche Erkenntnisse nicht nur in den USA, sondern auch bei uns in Frage gestellt und Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verleumdet werden.“

Darüber hinaus würden Anhänger solcher Verschwörungstheorien regelmäßig auch die Motivation, aus der heraus sich Forscher mit diesen angeblichen Gefahren beschäftigen, bezweifeln. Forscher würden sich demnach in eine Idee verrennen und nicht das Rückgrat haben, sich zu korrigieren. "Weil sie mit ihrer Forschung jede Menge Geld verdienen. Weil sie Macht und Einfluss gewinnen. Weil sie eine neue Gesellschaftsordnung herstellen wollen, und zwar mit Hilfe korrupter Politiker, die die Bürgerrechte einschränken und eine Diktatur errichten möchten", führt Soentgen die Ansichten der Verschwörungstheoretiker auf.

„Auch jetzt in der Pandemie beobachten wir diese Mechanismen“, erklärt Soentgen. „Der Staat hat schnell und mit Wucht auf die Ausbreitung des Erregers reagiert – mit dem Erfolg, dass in Deutschland die Katastrophe ausgeblieben ist.“ Paradoxerweise sei es gerade dieser Erfolg, der viele Menschen in ihren Zweifeln noch bestärke. Sie halten die Warnungen der Virologen für Panikmache, die Antwort der Regierung für völlig überzogen und wittern dahinter unlautere Motive. „Anhänger von Verschwörungstheorien finden dadurch eine neue Rolle als Aufklärer, Befreier oder gar Märtyrer“, betont der Augsburger Wissenschaftler. Er hält es für essentiell, diese Entwicklung zu verstehen, um eine Antwort auf sie zu finden.

Differenzierte Sichtweisen und Balance sind wichtig

Dabei plädiert er für eine differenzierte Sichtweise auf die Wissenschaftskritiker. „Man kann ihnen nicht einfach pauschal das Aluhütchen überstülpen und sagen: Ihr seid vormodern“, sagt er. „Die Kritik an der Zweckmäßigkeit und an der Verhältnismäßigkeit der Maßnahmen – jetzt in der Corona-Krise und beim Kampf gegen den Klimawandel – ist legitim. Wo aber die Forschung pauschal verdächtigt und verleumdet wird, da müssen wir uns zur Wehr setzen.“

Es wird also auf einen balancierten Umgang mit der Kritik ankommen, denn auch vonseiten der Wissenschaft dürfen keine Verleumdungen und Pauschalisierungen kommen: „Als Kritiker bestimmter Maßnahmen gegen den Klimawandel ist man nicht gleich ein Verschwörungstheoretiker“, sagt der Philosoph. Wer anderen die Legitimität seiner Meinung abspreche, verbaue sich die Chance, sie mit seinen Argumenten zu erreichen.

Die zunehmende Verbreitung von Verschwörungstheorien einfach zu ignorieren, hält er jedoch für grundlegend falsch: „Unsere Demokratie fußt darauf, dass die Politik ihre Entscheidungen an rationalen Kriterien ausrichtet“, betont Soentgen. Kritik an Wissenschaft und ihren Erkenntnissen sei dabei nicht nur erlaubt, sondern sogar essentiell – sie sei ein Motor, der Forscherinnen und Forscher zu neuen Erkenntnissen antreibt. "Wenn diese Kritik dem wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn aber insgesamt die Legitimation abspricht, wenn sie Wissenschaftler pauschal unter Verdacht stellt, wird sie zu einer elementaren Bedrohung für unsere Gesellschaft und Demokratie", erklärt der Leiter des Wissenschaftszentrums Umwelt der Universität Augsburg und sagt: "Das Unternehmen der modernen Wissenschaft steht heute unter Beschuss.“ (pm)

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