Entscheidung im Augsburger Stadtrat: Abriss der Reese-Kaserne wird nicht gestoppt

Bis 2019 wurde im Liveclub "Kantine" auf dem ehemaligen Reese-Kasernengelände noch gefeiert. Der Augsburger Stadtrat sprach sich nun erneut für den Abriss der "Kantine" und der weiteren Kasernengebäude aus.

Ehemalige Kasernengebäude waren erneut Thema im Stadtrat – Bürgerinitiative enttäuscht

Lange hat die Initiative "Augsburgs Erbe bewahren" darum gekämpft, dass der Augsburger Stadtrat sich erneut mit dem Abriss der ehemaligen Reese-Kasernengebäude befasst. Dazu kam es schließlich in der vergangenen Woche. Auf drei Anträge der Fraktion "Bürgerliche Mitte" und der Stadträte Bruno Marcon (Augsburg in Bürgerhand) und Lisa McQueen (Die Partei) reagierte Baureferent Gerd Merkle (CSU) mit einem umfassenden Bericht vor seinen Stadtratskollegen. Nach der anschließenden Abstimmung steht nun fest: Auch der neue Stadtrat wird sich nicht für einen Abriss-Stopp aussprechen.

Nach monatelanger Kritik an seinem Vorgehen von Seiten der Bürgerinitiative, ging der Baureferent mit seinen Gegenspielern in der Stadtratssitzung am Donnerstag wiederum nicht zimperlich um. Geradezu kurios sei deren Forderung, die historischen Gebäude in dem geplanten Neubau-Wohngebiet in den Architektenwettbewerb mit einzubeziehen. Die Vorwürfe der Initiative, dass die letzten Zeugnisse der Kasernennutzung durch die Amerikaner durch den Abriss zerstört würden, seien "schlichtweg falsch", sagte Merkle im Vorfeld an die Stadtratssitzung. Es gebe zahlreiche Gebäude, die von den Amerikanern genutzt worden und bereits zu Wohnhäusern umgebaut worden seien.

Gerd Merkle: Gebäude nicht erhaltenswert

Außerdem habe sich das Landesamt für Denkmalpflege wiederholt mit den Gebäuden befasst, und nur das heutige Abraxas-Theater, das frühere Offizierskasino, als schützenswert angesehen. Bei allen Gebäuden handle es sich um Bauwerke der Nationalsozialisten, beim Exerzierplatz um eine riesige versiegelte Betonplatte inmitten des Stadtteils. Das gesamte Ensemble sei nicht erhaltenswert.

Auch den Vorschlag, auf Grundlage der historischen Gebäude und des ehemaligen Exerzierplatzes ein neues Stadtteilzentrum zu entwickeln, unterstützte der Baureferent nicht, brüskierte sich über eine Computergrafik der Initiative, die eine mögliche Nutzung des Platzes durch einen großen Brunnen zeigte. All dies widerspreche den Planungen des Integrierten Städtebaulichen Entwicklungskonzepts (ISEK) für Kriegshaber. Laut einer Bürgerbeteiligung zur Stadtteilsentwicklung hätten sich die Bewohner von Kriegshaber über die "Zerteilung" des Stadtteils durch das Kasernengelände beschwert. Im Entwicklungskonzept aus dem Jahr 2014 wird allerdings auch wiederholt die Wichtigkeit der Stadtteilgeschichte für dessen Identität erwähnt.

Auf dem ehemaligen Militärgelände, das von den Nationalsozialisten gebaut und nach dem Zweiten Weltkrieg noch bis 1998 von den Amerikanern genutzt wurde, sollen nach dem Abriss rund 400 bis 450 Wohneinheiten entstehen. Bei der Hälfte soll es sich um geförderte Wohnungen handeln, die andere Hälfte ist für Menschen in besonderen Lebenslagen vorgesehen. Für das neue Wohnviertel soll noch vor der Sommerpause des Stadtrats ein Ideenwettbewerb angestoßen werden.

Bürgerinitiative: Falsche Unterstellungen des Baureferenten

Die Initiative und die Anträge von Bürgerlicher Mitte, Augsburg in Bürgerhand und Die Partei, über die der Stadtrat am Donnerstag gesammelt abstimmte, forderten, den Abriss der Gebäude bis zum Abschluss des Ideenwettbewerbs zu stoppen. Da diese nicht denkmalgeschützt seien, könne man sie auf verschiedene Weise umbauen und weiternutzen. Allerdings sprach sich der Rest des Stadtrates schließlich dafür aus, mit dem Abriss, der in den vergangenen Monaten bereits begonnen hat, fortzufahren.

Ein Grund dafür ist wohl auch das Geld. Von Beginn an war die starke Schadstoffbelastung der Gebäude einer der Hauptgründe Merkles für den Abriss. Aufgrund der Schadstoffe würde eine Sanierung der Gebäude laut Merkle mit zwölf Millionen Euro rund drei Millionen Euro teurer werden als ein entsprechender Neubau. Dazu kommt, dass die Abrissarbeiten inzwischen bereits begonnen haben. Bei einem Abbruch der Arbeiten müssten die beauftragte Firma finanziell entschädigt werden.

Die Antragssteller hoben wiederum den ortsprägenden Charakter der Gebäude hervor. Lars Vollmar (FDP) ging auf den Vorwurf Merkles ein, man wolle mit dem Exerzierplatz eine Betonwüste erhalten. Das sei nicht der Fall. Schließlich habe man eine solche schon am zentralen Königsplatz. "Da ist sie scheinbar schön, woanders nicht", stichelte Vollmar. Ein Ideenwettbewerb mache allerdings keinen Sinn, wenn man eine mögliche Option von Anfang an aus dem Spiel nehme. Auch die Bürgerinitiative betonte nach der Entscheidung: Es sei nie eine ihrer Forderungen gewesen, den Appellplatz komplett versiegelt zu lassen. Es handle sich dabei um eine Unterstellung des Baureferenten, wohl mit dem Ziel, die Forderungen der Initiative vor dem Stadtrat tendenziös falsch darzustellen.

Stadtrat lehnt Anträge ab

Lisa McQueen (Die Partei) betonte, dass Neubaugebiete, die alte Gebäude weiter nutzten, "einen ganz bestimmten Charm" hätten. Im Gegensatz dazu fände sie das bereits fertiggestelltes Neubaugebiet in Kriegshaber "einfach grauenvoll". Auch Regina Stuber-Schneider (Freie Wähler) warnte davor, "dass wir wieder eine gesichtslose Massensiedlung bekommen".

Besonders enttäuscht zeigte sich die Bürgerinitiative schließlich davon, dass sowohl Grüne als auch SPD gegen den Abriss-Stopp stimmten. Der Baureferent habe die Historiker, Wissenschaftler, Fachleute, und Aktivisten der Initiative offen diskreditiert und ihnen fehlendes Fachwissen unterstellt. "Zum 75. Jahrestag des Kriegsendes und der Befreiung von der Nazi-Diktatur durch amerikanische Verbände und nach einem halben Jahrhundert gemeinsamer deutsch-amerikanischer Stadtgeschichte werden ohne Not und ideenlos ihre Spuren getilgt", kritisierte Alex Blümel von der Initiative "Augsburgs Erbe bewahren". Der Augsburger Stadtrat habe das Potential für eine "innovative und zukunftsorientierte Entwicklung" des Areals komplett verkannt.

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