Mutter und Großmutter mit Baseballschläger fast getötet – nun begann in Augsburg der Prozess

Dem Angeklagten, auch im Gerichtsaal streng bewacht von einem Polizeibeamten und verteidigt von Florian Engert sowie Sebastian Anselstetter (von links), wird versuchter Totschlag in zwei Fällen vorgeworfen.

Er hielt sich für den ägyptischen Sonnengott: Ein 27-Jähriger aus Pöttmes muss sich nun vor Gericht verantworten. Ihm wird vorgeworfen, seine Mutter und Großmutter fast erschlagen zu haben

Seit Donnerstag muss sich vor dem Augsburger Schwurgericht unter Vorsitz von Richterin Susanne Riedel-Mitterwieser ein 27 Jahre alter Mann wegen versuchten Totschlags in zwei Fällen verantworten. Ihm wird vorgeworfen, am 1. April vergangenen Jahres in Pöttmes seine Mutter und seine Großmutter mit einem Baseballschläger angegriffen und lebensgefährlich verletzt zu haben.

Tobias H. (Name geändert) wirkt gefasst und ruhig, als er auf der hölzernen Anklagebank vor seinen Verteidigern Florian Engert und Sebastian Anselstetter Platz nimmt, und mit den deutlichen Geheimratsecken, dem fliehenden Kinn und der großen schwarzen Brille auch älter, als er ist. Er trägt einen schwarzen Anorak, den er den ganzen Tag lang nicht auszieht, und ist an den Händen gefesselt.

„Ich komme nicht klar, dass ich das gewesen bin"

Zudem erteilt die Vorsitzende die Anordnung, dass ein Polizeibeamter neben ihm Platz nehmen muss, um das Gericht vor ihm abzuschirmen, wie sie sagt. Zu den Tatvorwürfen will sich der 27-Jährige zunächst nicht äußern, sagt dann aber doch eine Menge. Das Geschehen nennt er „schreckliche Greueltaten“. Er sei es „hoch wahrscheinlich“, der sie verübt habe. Doch: „Ich komme nicht klar, dass ich das gewesen bin.“ Den Baseballschläger habe er von einem Bekannten gekauft, um vorbereitet zu sein, falls er einmal auf einen Einbrecher treffen sollte. Es gebe nämlich „viel Kriminalität“ in Pöttmes und Umgebung.

Der junge Mann lebte mit seiner 51 Jahre alten Mutter und seiner 70 Jahre alten Großmutter im Haus des Lebensgefährten seiner Mutter in einem Ortsteil der Gemeinde. Seine Schwester verweigerte vor Gericht die Aussage, hatte jedoch einem Polizeibeamten gesagt, der Bruder habe sich zuletzt vollkommen von der Familie zurückgezogen gehabt und diese nur noch zum Essen getroffen.

Eine Woche vor der Tat rief der 27-Jährige selbst die Polizei, denn er glaubte, er sei der ägyptische Sonnengott Ra. Man empfahl ihm eine Therapie.

Was genau am Tattag geschah, wird vermutlich immer ein Rätsel bleiben. Denn die beiden Opfer leiden unter einer Amnesie, sie können sich nicht mehr daran erinnern. Das ist eine Folge der erlittenen schwersten Schädel-Hirn-Verletzungen. Sie sind auch nicht als Zeugen vorgesehen. Nach seiner Festnahme hatte der 27-Jährige Zisch- und Klicklaute ausgestoßen und behauptet, das sei eine Tiersprache. Weil weder seine Mutter noch die Großmutter diese verstanden hätten, sei es zum Streit gekommen. Zudem habe er an diesem Tag Ärger in der Arbeit gehabt und diese schon nach drei Stunden eigenmächtig beendet. In seinem Rucksack entdeckten die Polizisten neben einem laut Verteidiger wirren Bekennerschreiben 30.000 Euro. Beides sei nicht tatrelevant, so Engert.

Der Angeklagte ist nicht der einzige, der die schreckliche Tat nicht begreifen kann. Er hat noch eine zweite Oma, die Mutter seines 2010 verstorbenen Vaters. Er lebte einige Jahre bei ihr, und an die 75-Jährige wandte er sich auch direkt nach der Tat. Er radelte zu ihr nach Meitingen. Sie berichtete nun im Zeugenstand, sie habe erst an einen Aprilscherz geglaubt, als plötzlich der Enkel vor ihr in ihrem Garten stand und behauptete, er habe seine Mutter und die andere Oma erschlagen.

Schon als Achtjähriger spielte er Stunden lang gewaltverherrlichende Spiele am PC

„Er hat gesagt, er muss gleich wieder weg und sich festnehmen lassen.“ Weil ihr das Ganze dann doch sehr merkwürdig vorkam, rief sie die Polizei an. Damit rettete sie vermutlich ihrer Schwiegertochter und deren Mutter das Leben. Die Seniorin meinte, ihr Enkel könne letztlich nichts dafür, dass so etwas passiert sei. Die Mutter habe ihn zeitlebens vernachlässigt. Als achtjährigen Jungen habe man ihn stundenlang vor den Computer gesetzt, wo er gewaltverherrlichende Sachen spielte. Die 75-Jährige bat nach ihrer Aussage darum, ihren Enkel umarmen zu dürfen. Das wurde nicht gestattet. Gefragt, ob er einverstanden sei, dass sie ihn besuche, meinte der Angeklagte, er wolle erst einmal Abstand halten.

Als die Beamten damals in Pöttmes eintrafen und durch eine nicht versperrte Kellertür in das Einfamilienhaus gelangten, bot sich ihnen im ersten Stock ein furchtbares Bild. Der Flur voller Scherben, auf dem Boden eine sehr große Blutlache. Im Kinderzimmer lag die 51-Jährige im Bett, blutend, nicht ansprechbar, mit Schädelverletzungen. Die 70-jährige Frau indes saß im Wohnzimmer auf einer Eckbank, auch sie mit verheerenden Kopfverletzungen. „Des is a ganz a braver Bua“, habe sie gestammelt, so ein Polizist. Die Notärzte diagnostizierten bei beiden Frauen lebensgefährliche Verletzungen. An deren Folgen tragen sie noch heute schwer. Die 70-Jährige hat unter anderem einen Teil ihrer Sehkraft eingebüßt, ihre Tochter leidet unter epileptischen Anfällen, Schmerzen und Depressionen.

Nächste Woche am Donnerstag wird der Prozess fortgesetzt. Dann soll bereits der psychiatrische Sachverständige seine Expertise abgeben.

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