„Redet mit uns und nicht über uns!“

von Leserreporter Ute Blauertaus Bobingen
Die Fahrzeuge der protestierenden Landwirte.

Auch Landwirte aus Bobingen haben sich an den Bauernprotesten in Augsburg beteiligt. Einer von ihnen erklärte im Gespräch die Gründe.
Am Sonntagvormittag wurde es plötzlich laut an der Hochstraße: Bauern fuhren auf ihren Schleppern in langer Kolonne hupend durch die Stadt. Landwirte aus ganz Schwaben trafen sich auf dem Augsburger Plärrer und marschierten von dort zum Rathaus, wo Ministerpräsident Markus Söder zu Gast war. Mit dabei war Andreas Deuringer, Landwirt aus Bobingen. Er baut Kartoffeln, Zuckerrüben, Mais und Weizen an, Kartoffeln verkauft er direkt am Hof. Vieh hat der Betrieb seit rund 30 Jahren nicht mehr. Er und andere Landwirte sind aus verschiedenen Gründen verärgert. Die anstehende Verschärfung der „Düngeverordnung“ ist vielleicht nur die Spitze eines Eisberges.
In Deutschland werden an vielen Stellen die von der EU festgelegten Grenzwerte für Nitrat im Grundwasser überschritten. 1996 wurde deshalb die erste Fassung der Düngeverordnung erlassen, die aber keine Senkung der Nitratwerte brachte. Daher mahnte die EU die Umsetzung der EU-Richtlinie zum Trinkwasserschutz immer wieder an. Schließlich wurde ein Verfahren eingeleitet, das eine Verurteilung Deutschlands durch den Europäischen Gerichtshof zur Folge hatte. Daraufhin wurde 2017 eine Änderung der Düngeverordnung beschlossen. Diese reicht jedoch der EU nicht aus. Jetzt muss die Regierung zügig und gründlich nachbessern, sonst drohen der Bundesrepublik Strafzahlungen von über 300 Millionen Euro – pro Jahr. Das entspräche mehr als 800000 Euro pro Tag.
Die Nitratwerte werden in vielen Brunnen erfasst. In Gebieten, wo hohe Werte gemessen werden, soll zukünftig die Düngung stark eingeschränkt werden. Die Folge wäre eine geringere Erntemenge von schlechterer Qualität. In anderen Ländern bekommen die Landwirte deshalb Ausgleichszahlungen vom Staat. „Das halte ich nur für eine Notlösung, da wir grundsätzlich von dieser Subventionspolitik wegkommen und nicht dauerhaft vom Staat abhängig sein wollen“, sagt Deuringer. Hinzu komme: „Die jetzige Düngeverordnung ist erst zwei Jahre alt, nach so kurzer Zeit können die Auswirkungen noch gar nicht erforscht sein.“

Ursachen erforschen, Lösungen gemeinsam suchen

Es ist erwiesen, dass das Nitrat im Grundwasser zum größten Teil aus der Stickstoffdüngung von landwirtschaftlichen Flächen stammt. Problematisch sind vor allem Regionen mit hohem Viehbestand, weil hier oft mehr Gülle auf den Feldern verteilt wird, als die Pflanzen für ihr Wachstum benötigen. Allerdings wurden in manchen Gebieten mit wenig Viehhaltung hohe Nitratwerte gemessen, wie in der Region Augsburg, und in manchen Gegenden mit immens hoher Viehdichte teilweise niedrige Werte. Dafür gibt es bisher keine bewiesene Erklärung. Mögliche Ursachen sind undichte Abwasserkanäle oder das unterirdische Fließen des Grundwassers für ungewöhnlich hohe Werte, ein Verdünnungseffekt durch viel Regen oder die Umwandlung in Luftstickstoff durch Mikroben für zu niedrige Werte. Daher kritisieren Landwirte wie Deuringer: „Für die Einschränkung der Düngung in unserem vieharmen Gebiet fehlt die wissenschaftliche Grundlage.“ Ein erster Schritt solle daher sein, dass mehr und gleichmäßiger verteilte Messstellen eingerichtet werden.
Für zusätzlichen Unmut sorgt die Handelspolitik: „Freihandelsabkommen wie das „Mercosur“, das zwischen der EU und Südamerika geschlossen werden soll, zielen auf größere Absatzchancen für den deutschen Maschinenbau, aber gleichzeitig werden die Zölle gesenkt für Lebensmittelimporte aus Ländern mit niedrigen oder ganz ohne Umwelt- und Tierschutzstandards“, so Deuringer.
Ein weiterer Anlass für Ärger ist, dass nach dem Volksbegehren kein Volksentscheid durchgeführt wurde. „Natürlich ist jeder für die Rettung der Bienen. Tatsächlich ging es aber um den Text des Naturschutzgesetzes. Wenn in einem Volksentscheid über zwei unterschiedliche Gesetzentwürfe abgestimmt wird, informiert sich vielleicht manch einer über die Details. Welcher Text dann die Mehrheit bekommt, kann niemand vorher wissen.“ Keinen Volksentscheid durchzuführen, sei über die Köpfe der Bauern hinweg entschieden worden. „Wir Landwirte sind für vieles offen. Das kann man herausfinden, wenn man mit uns spricht. Deswegen heißt ein wichtiger Satz unseres Protests: „Redet mit uns und nicht über uns!“ Diese Aufforderung richten wir an die Politik, an die Verbraucher und auch an die Medien.“
Ein wichtiges Anliegen der Demonstrationen sei auch, die Verbraucher zum Nachdenken zu bewegen, so Deuringer: „Viele Menschen sprechen sich für Tierwohl, Erzeugnisse aus der Region und Bio-Produktion aus, kaufen aber im Supermarkt die billigsten Lebensmittel. Wir haben uns selbst überlegt, unseren Hof auf Bio-Landwirtschaft umzustellen, aber aktuell gibt der Markt das nicht her. Immer wieder müssen Bioprodukte konventionell vermarket werden. Biomolkereien nehmen schon seit über einem Jahr keine umstellungswilligen Landwirte mehr auf. Zu wenige Verbraucher sind bereit, für mehr Umweltschutz und Tierwohl mehr zu bezahlen. Statt mehr Bio-Produktion zu fordern, sollte sich die Politik überlegen, wie mehr Verbraucher zum Kauf von regional erzeugter oder Bio-Ware gebracht werden können.“

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